Altes Schulhaus zeigt modernen Charme

Altes Schulhaus zeigt modernen Charme

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Am Collège Villamont in Lausanne wird seit vergangenem Frühling im grossen Stil gebaut. Das historische Gebäude wird saniert und erweitert. Der Erweiterungsbau im Minergie-Eco-Standard kommt als beeindruckende Auskragung daher – eine kühne Lösung.
 
Angesichts der seit den 1980er-Jahren stetig wachsenden Schülerzahl hat die Stadt Lausanne in den letzten zwanzig Jahren fast ihren gesamten Bestand an Schulgebäuden saniert und vergrössert. Das Collège de Villamont ist eines davon. Das 1888 errichtete Gebäude im monumentalen neoklassizistischen Stil ist im kantonalen Inventar der Baudenkmäler mit der zweithöchsten Note bewertet. Der heutige Gebäudezustand macht eine umfangreiche Sanierung notwendig. Die letzte grössere bauliche Massnahme fand 1930 statt, als das Gebäude um ein Stockwerk erhöht wurde. 1960 wurde der Südteil des Gebäudes um einen Anbau erweitert, um mehr Schulzimmer zu schaffen, der alte Gebäudeteil wurde dabei jedoch nicht renoviert. Die Stadt hat nun deshalb beschlossen, die umfangreichen Arbeiten mit einem Budget von 38,8 Millionen Franken in Angriff zu nehmen. Geplant sind mehrere Bauetappen vom Sommer 2008 bis Ende 2011.

Glas und Sandstein in Harmonie

Beim 2002 veranstalteten Architekturwettbewerb vermochten die zugleich funktionalen und wirtschaftlichen Lösungen des Büros Architram SA die Jury zu überzeugen. Der Vorschlag der in Renens ansässigen Architekten sieht die Neugestaltung der bestehenden Räumlichkeiten und die Erstellung eines Erweiterungsbaus vor, der sich perfekt in die Anlage integriert. Ein intelligentes Umbaukonzept, das Platz für nicht weniger als acht neue, multifunktionale Unterrichtsräume, eine Kochschule, eine Aula, eine Turnhalle und eine Schulbibliothek schafft. Das alte Collège-Gebäude wird, im Rahmen der denkmalpflegerischen Auflagen, von unten bis oben saniert. Die Schulzimmer, die sanitären Anlagen und die Flure werden modernisiert, die Fassade und das Dach saniert und die Fenster sowie die technischen Anlagen ersetzt. Einige Räume werden umgelagert, wie etwa die Hauswartwohnung, die neu im Dachstock untergebracht wird. Auch der Südwest-Anbau aus dem Jahr 1888 und der neuere Süd-Anbau aus den 1960er-Jahren werden totalsaniert. Einige Gebäudeteile werden umgenutzt. So wird etwa die ehemalige Turnhalle zu einer Mensa mit direktem Zugang vom Pausenplatz aus.
 
Für die Nordfassade haben die Architekten zwei Glasbuchten entworfen, auch hier mit dem Ziel, ein Maximum an Infrastruktur zu schaffen, ohne die Gebäudehülle des Haupthauses zu verändern. Der Gebäudegrundriss hat die Form des Buchstabens E. Die geplanten Räume schmiegen sich in die Leerräume zwischen dem Mittel- und den beiden Seitenflügeln.
 
Um den historischen Wert des alten Collège kontrastierend hervorzuheben, kommen für die neuen, leichten Elemente ganz andere Materialien (Glas und Stahl) zum Einsatz. Die zweigeschossigen Konstruktionen schaffen zusätzliches Volumen und lassen gleichzeitig den Blick auf die altehrwürdigen Sandsteinfassaden und das Erdgeschoss frei. Es entstehen vier neue Räume mit Blick über das ganze Quartier, die nicht nur über die besondere Atmosphäre der Sandsteinfassade, sondern auch über eine topmoderne Infrastruktur verfügen und dank der Ausrichtung nach Norden nicht überhitzt werden. Ausserdem nehmen die Ausbauten zwei obligatorische neue Fluchttreppen auf, die dafür sorgen, dass das Gebäude wieder den gesetzlichen Vorgaben entspricht. Die Vereinigung von transparentem Glas und Sandstein schafft feine Eleganz. Diese zurückhaltende und doch funktionale Lösung ist zweifellos eine der grossen Stärken des Architram-Projekts.
 
Eine Aufgabe bei diesem Projekt ist es, neue Unterrichtsräume auf relativ beschränktem Raum unterzubringen, ohne dabei die Pausenflächen der Schüler zu beschneiden. Die Architekten lösen sie dadurch, dass sie einen kleinen, Richtung Villamont orientierten Anbau durch eine Betonkon-struktion ersetzen und sie mit einer 24 Meter langen Auskragung aus Metall, die über dem Anbau von 1963 schwebt, verlängern. Eine eindrückliche und schwindelerregende Konstruktion, für die sich die Architekten jedoch nicht allein um der reinen Ästhetik Willen entschieden haben. «Eine Aufstockung des Gebäudes kam nicht in Frage: Es ist zu wenig stabil und hätte der Last nicht Stand gehalten», erklärt Bernard Matthey, Mitbegründer des Architekturbüros Architram SA. Das neue Gebäudevolumen wird unter anderem fünf Unterrichtsräume im Obergeschoss, eine Aula mit 163 Plätzen im Untergeschoss und eine neue Turnhalle im Sockel beherbergen. Darüber hinaus schafft die Auskragung über dem Gebäude von 1963 wertvollen Freiraum, der als gedeckter Pausenplatz genutzt werden kann. «Die Metallstruktur des neuen Gebäudes bleibt sichtbar. Sie wird mit einem Netz aus nichtrostendem Stahl überzogen. So strahlt der spektakuläre Auftritt des neuen Gebäudes auf das Gesamtprojekt zurück und respektiert gleichzeitig das alte Gebäude», freut sich der Architekt.
 
Natürlich zeugt ein solches, nahezu schwebendes Bauwerk auch von einer technischen Meisterleistung. Das Lausanner Ingenieurbüro AIC Ingénieurs conseils SA hat sich dieser Herausforderung gestellt. «Das architektonische Werk sollte ursprünglich 32 Meter lang werden. Aus Kostengründen haben wir dann aber auf ein Schulzimmer verzichtet und die Auskragung gekürzt», erinnert sich Projektleiter Claude Schaer, Ingenieur und Partner bei AIC. Die erste wichtige Etappe der Bauarbeiten umfasste die Erdarbeiten und die sieben Meter tiefen Stützmauern für das zukünftige Gebäude.

Rühlwände als Lösung

Die Baugrundverhältnisse sind schwierig, denn die Baugrube liegt auf einer Seite unterhalb der Strasse, auf der anderen unterhalb des Pausenplatzes und gegen Norden unter der Fassade des Gebäudes von 1888, das während der gesamten Bauphase weiter genutzt wird. «Wir haben uns entlang der Avenue de Villamont und zum Pausenplatz hin für eine Rühlwandkonstruktion entschieden. Die Last des bestehenden Gebäudes wurde mithilfe von Mikropfählen in den Baugrund abgeleitet und die Baugrube an dieser Stelle durch ein Stützsystem im Jettingverfahren stabilisiert. Das Verhalten des bestehenden Baus wurde regelmässig mithilfe von Riss-Siegeln inner- und ausserhalb des Gebäudes überprüft. Schliesslich hat alles geklappt. Das Gebäude hat sich insgesamt nur gerade um 22 Millimeter abgesenkt», präzisiert der Ingenieur. Die Auskragung besteht aus zwei 40 Meter langen und vier Meter hohen Fachwerkträgern aus Stahl mit einem Gewicht von je 110 Tonnen, die mit einem Abstand von 14 Metern Dach und Bodenplatte stützen. «Die imposante Erscheinung der Tragstruktur lässt eher an eine Eisenbahnbrücke als an ein Wohngebäude denken. Sie spiegelt die kühne Architektur der Auskragung perfekt wider», meint Claude Schaer.
 
Der Neubau entspricht – als erstes Lausanner Collège-Gebäude – dem Minergie-Eco-Standard. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass auch ein bereits existierender Gebäudeteil betroffen ist. Die Minergie-Eco-Zertifizierung ist für diesen Teil nicht gültig, weil der Nachweis, dass das alte Collège vollständig den Normen für nachhaltiges Bauen entspricht, unmöglich erbracht werden kann. «Wir sind mit der Stadt übereingekommen, dass wir uns bei allen baulichen Veränderungen an das Eco-Prinzip halten. Das heisst, dass alle neuen Ausbauten dem Eco-Standard entsprechen», berichtet Bernard Matthey.
 
Für die Minergie-Zertifizierung erhält das alte Gebäude eine vollständig neue Innenisolierung. Eine Aussenisolierung hätte den historischen Wert des Gebäudes geschmälert. «Aus dieser Einschränkung ergab sich eine Reihe von Problemen, vor allem da die Tragstruktur aus Holz ist. Damit die Holzbauteile das ganze Jahr über, sogar in der kritischen Zeit, vor Feuchtigkeit oder Kondenswasser geschützt sind, haben wir ein leistungsstarkes Lüftungssystem zur Belüftung der Strukturelemente geschaffen», erklärt der planende Architekt.
 
[[Infobox]] Das neue Gebäude entspricht hingegen vollständig den Normen für nachhaltiges Bauen. Deshalb werden wann immer möglich wiederverwertbare und in der Region produzierte Baustoffe verwendet. Bei ihrer Verarbeitung wird zudem darauf geachtet, dass sie später leicht voneinander getrennt, entnommen und der Wiederverwertung zugeführt werden können. «In die Betondecken haben wir beispielweise möglichst wenig Technikelemente integriert, damit beim Abbruch die Rohre leicht entnommen und rezykliert werden können», sagt der Architekt, der mit diesem Projekt seinen ersten Minergie-Eco-Bau verwirklicht.

Eine Baustelle mit Einschränkungen

Der Schulbetrieb muss während der gesamten Bauzeit aufrechterhalten werden. Deshalb sind die Baustelle und die Planung gewissen Einschränkungen unterworfen. In Absprache mit der Schulleitung mussten sich die beauftragten Bauunternehmen verpflichten, die Lärmemissionen möglichst gering zu halten und die Sicherheit der Schüler stets zu gewährleisten. «Deshalb werden gewisse Arbeiten auf die Schulferien oder auf schwach frequentierte Zeiten gelegt und während gewisser kritischer Tage, wie etwa während Prüfungen, sogar ganz unterbrochen», erzählt Bernard Matthey. Wenn alles ohne Komplikationen abläuft, sollte das neue Gebäude bis Ende Jahr fertiggestellt sein. Die Sanierung der bestehenden Gebäude und der Umgebung soll bis 2011 abgeschlossen sein.
 

BETEILIGTE

Architekten
Architram SA, Renens VD
 
Bauingenieure
AIC ingénieurs conseils SA, Lausanne
 
Gebäudetechnik
Perrottet Ingénieurs Conseils en Electricité SA, Epalinges VD ER Energies Rationnelles SA, Denges VD CCTB SA Ingénieur sanitaire, Noville VD