„Altersgerecht bauen nützt allen“

„Altersgerecht bauen nützt allen“

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Teaserbild-Quelle: zvg
Unter dem Motto „Heute bauen. Für die Senioren von morgen“ fand in Bern eine Tagung statt, die regen Anklang fand. Das aktuelle Thema beschäftigt Gemeinden, Altersforscher, Philosophen und Architekten. Das „baublatt“ hat hingehört und nachgefragt.
 
 
Sophia Loren strahlt übergross auf der Leinwand. Sie ist 60 und wirkt jugendlich attraktiv wie eh und je. Es folgt die Zeichnung «Die Alte» von Albert Dürer aus dem Jahr 1514. Eine runzlige Frau, die Mutter von Dürer. Auch sie war 60 und scheint uralt. Professor Hans Nickl ist in Fahrt. Er ist einer der Referenten, die an der Tagung Sene Forum reden. Mit den beiden Frauenporträts zeigt er, wie sich die Altersgrenze verschoben hat und wie in der heutigen Gesellschaft das Bild vom Alter geändert hat. «Die Menschen, die heute im Rentenalter sind, sind viel fitter und aktiver, viele wollen reisen und ihre Freizeit intensiv gestalten», so Nickl. Neben gesunden, aktiven Senioren gehören aber auch demenzkranke und pflegebedürftige Menschen zur Generation 60+. Die Senioren sind also keine homogene Gruppe, sondern ihre Bedürfnisse bewegen sich zwischen Selbständigkeit und totaler Abhängigkeit von Pflegepersonal. Hans Nickl und seine Frau, Christine Nickl-Weller, befassen sich seit 40 Jahren mit dem Thema. An der Technischen Universität in Berlin hat die Professorin Nickl einen Lehrstuhl «Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens». «Es gibt sie zwar noch, die klassischen Alten- oder Pflegeheime», sagt Hans Nickl. «Aber es gibt auch Wohnformen, bei denen die Menschen so lange wie möglich selbstständig leben und eine medizinisch-pflegerische Betreuung erst in Anspruch nehmen, wenn es wirklich nötig ist.» Ein grosses Thema seien derzeit Mehrgenerationenhäuser oder Wohngemeinschaften. Nicht alle Architekten, die für ältere Menschen bauen, haben einen so fundierte Erfahrungen wie das Ehepaar Nickl. «Das grösste Problem bei spezifischen Bauten ist die Unkenntnis mancher Kollegen. Ein gewisses Mass an Erfahrung ist dringend erforderlich, wenn man für die besonderen Bedürfnisse von alten Menschen bauen will», so der Appell von Nickl an die Architekten.
 
Dass die Alten jünger geworden sind, betont auch Peter Gross. Der Soziologe und Ökonom spricht von einer Weltpremiere: «Es gab nie eine Zeit, wo so viele Leute so gut alt werden.» Als Professor lehrte er Soziologie an der Universität St. Gallen. Seit seiner Emeritierung 2006 ist er als Publizist und Berater tätig. Im Laufe der letzten 100 Jahren habe der Mensch durchschnittlich drei Lebensjahrzehnte gewonnen. Eine Phase, die Gross nicht der Hochaltrigkeit zuordnet, sondern als Teil des Erwachsenenalters sieht. In Bezug auf bauliche Massnahmen streicht der Publizist drei wichtige Aspekte heraus: Erstens die sogenannte Entaltung der Gesellschaft, zweitens die Feminisierung des Alters (da im Alter meist die Frauen die Entscheidungsträgerinnen werden), und drittens die Genierung im Alter (mit zunehmendem Alter entwickeln die Menschen mehr körperliche Hemmungen und macht sie so nur beschränkt WG-tauglich.) Welche Auswirkungen diese Fakten und Erkenntnisse auf das Thema Bauen fürs Alter haben sollten, lässt Gross in seinem Referat offen.
 
Konkreter aufs Bauen geht Felix Bohn bei seiner Rede ein. Der Architekt und Gerontologe nennt zunächst die wichtigsten Themen, die es beim altersgerechten Bauen zu berücksichtigen gilt. Es sind dies Barrierefreiheit, einfache Strukturen, Ergonomie, Materialwahl und das sogenannte Zwei-Sinne-Prinzip. Mit letzterem meint er Beschriftungen oder Geräte, die Informationen multimodal (visuell, auditiv, taktil) senden. Zum Beispiel ein Lift, der die Stockwerke nicht nur anzeigt, sondern auch nennt.
 
«Es ist unabdingbar, dass neben Baufachleuten auch Experten für hindernisfreies und altersgerechtes Bauen in den Planungsprozess involviert sind», betont Felix Bohn. Und er wünscht sich, dass solche Faktoren auch in die «normale» Architektur einfliessen. «Der Wohnbedarf älterer Menschen kann nicht alleine durch das Bauen einiger spezieller Häuser abgedeckt werden», argumentiert der Fachmann. «Und schliesslich nützt altersgerechtes Bauen allen. Beim Überwinden einer Treppe stehen Menschen mit einem Rollator oder einem Kinderwagen vor demselben Problem.»
 
Die Resonanz auf die Einladung zur Fachtagung «Heute bauen. Für die Senioren von morgen» fiel sehr positiv aus. Rund 200 Interessierte suchten und fanden den Weg ins Zentrum Paul Klee in Bern, wo das Sene Forum stattfand. Dahinter steht die Senevita AG, eine führende Anbieterin für Betreutes Wohnen und Pflege. «Wir haben ganz offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen», freut sich CEO Beat Fellmann über das grosse Interesse. Insgesamt zehn Redner vertraten ihre Thesen an der Fachtagung. Und die Zuhörer kamen aus ganz unterschiedlichen Gebieten. Neben Architekten und Gemeindevertretern waren auch Gerontologen und Pflegefachleute unter dem Publikum. Sie alle wollen einen Beitrag leisten, dass ältere Menschen ihren neuen Bedürfnissen entsprechend leben können. Was dies bedeutet, hat der Gerontologe Andreas Kruse in seiner Rede auf den Punkt gebracht: «Sie wollen nach der Pensionierung Sinnstiftendes beisteuern, anstatt zu einer Generation von Vertriebenen zu verkommen.» (ka)