Alte Sünde bereinigt

Alte Sünde bereinigt

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Teaserbild-Quelle: zvg
Die Kehrichtdeponie Baarburg in der Gemeinde Baar ZG drohte das Trinkwasser für die Stadt Zürich und die Umwelt zu verschmutzen. Eine neue Leitung soll die Gefahr nun bannen. Für deren Verlegung kam das Microtunneling-Verfahren zum Zug, das auch bei der Neat angewendet wird.
 
Siedlungsabfälle waren lange Zeit kein Problem. Denn für ihre «Entsorgung» galt die Devise: verdrängen, vergraben, vergessen. Seit den 50er-Jahren weiss man aber, dass beispielsweise Kunststoffmüll oder elektronische und elektrische Geräte sowohl Gewässer als auch das Grundwasser verschmutzen können. Das hinderte unsere Gesellschaft über Jahrzehnte hinweg trotzdem nicht daran, weiter nach diesem Motto zu verfahren. Heute rächt sich das, indem an vielen Orten die Reinheit des Trinkwassers gefährdet ist. So auch in der Gemeinde Baar im Kanton Zug, wo die an der Grenze zwischen Baar und Neuheim angesiedelte Kehrichtdeponie Baarburg zum Sanierungsfall wurde.
 
In der Deponie aus dem Jahr 1963 hat sich ein zwei Millionen Kubikmeter grosser und 20 Meter hoher Müllberg angehäuft, der den torfigen Untergrund zum Einsinken brachte. Dadurch wurde die Basisentwässerung der Deponie leck. Unterhalb des Müllbergs verläuft aber auch die Trinkwasserleitung der Stadt Zürich, die durch die Setzungen ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ende der 60er-Jahre wurde die Leitung deshalb mit einem Stahlrohr gesichert. Dieses weist mittlerweile jedoch bereits Deformationen von bis zu 30 Zentimetern und mehrere kleinere Risse auf. Um zu verhindern, dass sich das verunreinigte Sickerwasser ungehindert mit dem Trinkwasser vermischen kann, musste die Deponie deshalb dringend saniert werden. Die Instandsetzung sieht neben dem kompletten Ersatz der Entwässerungsleitung der Deponie die Verlegung der Trinkwasserleitung – östlich um die Deponie herum – und neue Fassungen vor, die die Entgasung verbessern sollen. Abschliessend wird die Deponieoberfläche mit einer neuen Abdichtung versehen, die zusammen mit einem neuen fachgerechten Bodenaufbau die landwirtschaftliche Nutzung der Fläche wieder ermöglichen soll.
 
Die Arbeiten für die Sanierung haben Anfang März begonnen. Laut Projektleiter Rolf Bleiker liegt man gut im Zeitplan. So sei die Entwässerungsleitung bereits zur Hälfte ersetzt und der Kanal, bestehend aus einem Betonrohr für die Umleitung des Trinkwassers, angelegt. Jetzt muss nur noch die Guss-Wasserleitung in das Betonrohr eingezogen werden.
 

Fast wie bei der Neat

Die Länge der Umleitung beträgt 481 Meter. Dass der Durchstich so schnell vorangegangen ist, verdankt die Bauleitung nicht zuletzt dem sogenannten Microtunneling. Mit diesem Verfahren können die Leitungen verlegt werden, ohne dass Gräben geöffnet und das Grundwasser abgesenkt werden muss, was einen schnellen Vortrieb garantiert. Im Mittelpunkt steht dabei ein ferngesteuerter Bohrkopf, der sich durch den Untergrund frisst. Direkt hinter ihm werden die Betonelemente für den Kanal angelegt. «Dies muss schnell geschehen, weil der vom Bohrkopf aufgebrochene Mergel- und Sandsteinfels (Molassefels) stark einsturzgefährdet ist», erklärt Bleiker. Zum Einsatz kommen dabei mehrere Pressen, die die Elemente mit Druck Schritt für Schritt, Stück für Stück hinter dem Bohrkopf nachschieben. «Auch bei der Neat wird das Microtunneling angewendet. Der einzige Unterschied zu uns sind die Dimensionen», erklärt Bleiker. So betrage der Durchmesser seines Bohrkopfs bloss zwei Meter. Einen grösseren braucht es aber auch gar nicht, denn der Betonkanal ist bloss 160 und die Wasserleitung 50 Zentimeter breit.
 
Das Aushubmaterial, das während des Vortriebs anfällt, wird vom Bohrkopf geschluckt und mit Leitungen nach draussen befördert, wo es in eine Separiermaschine gelangt. Dort wird der Aushub von Wasser und Bentonit getrennt. Geschmiert und gestützt wird die Vortriebsmaschinerie nämlich mit einer Bentonitsuspension. Während des Vortriebs vermischt sich diese mit dem Gestein; trennt man sie voneinander, kann das Bentonit wieder verwendet werden. Deshalb wirft man den Aushub nicht einfach weg, sondern befördert ihn in die Separiermaschine.
 
Nach dem Bau der neuen Leitung werden die Stollen verschlossen. Die Überwachung der Leitung erfolgt sporadisch und mit Kameras. Bleiker zeigt sich zuversichtlich, dass nach der Sanierung in den nächsten Jahren keine unmittelbare Gefahr mehr von der Deponie ausgeht. Angesichts ihrer Lebensdauer – diese beträgt 300 bis 400 Jahre – kann man sich dessen jedoch nie ganz sicher sein. Eine komplette Entfernung der Altlasten ist dennoch nicht vorgesehen. Wie Bleiker erklärt, ist dies auch nicht notwendig, denn bei der Deponie handelt es sich um eine «Güsel»- und nicht um eine Sondermülldeponie. Florencia Figueroa
 
 
Nachgefragt bei Rainer Kistler Leiter des Amtes für Umweltschutz im Kanton Zug:
 
Wie gross war die Gefahr, die von der Deponie Baarburg für die Zürcher Bevölkerung ausging?
Rainer Kistler: Für die Zürcher Bevölkerung bestand keine grosse Gefahr, weil der Mantel des Stahlrohrs aus den 60er-Jahren nur kleine Risse aufwies. Ausserdem lag das Stahlrohr in einem Kanal. In diesen lief zwar Sickerwasser aus der Deponie rein, aber nicht in so grossen Mengen, dass das Stahlrohr im Innern des Kanals diesen stark ausgesetzt gewesen wäre.
 
Kann man davon ausgehen, dass die Gefahr nach der Sanierung gebannt ist?
Ja, weil die Leitung jetzt ausserhalb der Deponie verläuft.
 
Warum will man die Altlasten nicht komplett entfernen?
Weil das unverhältnismässig gewesen wäre. Die Gefahr für die Umwelt war nicht so gross, als dass man die Deponie zwingend aufheben müsste. Die Kosten für die komplette Entfernung sind mindestens auf 150 Millionen Franken zu beziffern. Das lohnt sich nicht. (ffi)