Akrobaten des Städtebaus

Akrobaten des Städtebaus

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Teaserbild-Quelle: Bild: Virginia Rabitsch
In einem Zirkuszelt am Neuenburgersee konnten die Sieger der fünf Schweizer Europan-Standorte kürzlich ihre Preise entgegennehmen. Die jungen Architekten sind in Startposition und hoffen auf eine Weiterbearbeitung ihrer Projekte. Das «Forum der Resultate» war zugleich intensive Fachtagung und Abschlussfeier der 10. Europan-Session.
 
 
Jung, dynamisch, hoch motiviert und noch nicht alle schwarz gekleidet: Die europäischen Nachwuchsarchitekten unter 40 waren an den Debatten und Workshops der zweieinhalbtägigen Abschlussveranstaltung von Europan 10 bis zuletzt mit vollem Engagement dabei. Auftakt des «Forums der Resultate» in Neuenburg bildete die feierliche Preisübergabe an die Siegerteams der fünf Schweizer Standorte (siehe Kasten Publikation). Es war kein Zufall, dass dieser Anlass in der Schweiz stattfand, denn der scheidenden Präsidentin von Europan Europa, Yvette Jaggi, war es ein Anliegen, die Europanteilnehmer «zu Hause» empfangen zu können. Neuenburg bot den 400 angereisten Spezialisten aus den Bereichen Architektur und Städtebau vom 27. bis 29. Mai eine attraktive Plattform für einen regen Gedankenaustausch.
 
 
Das erste Mal in der Geschichte von Europan fand ein solches Forum präzise auf einem für diese Session ausgeschriebenen Wettbewerbsareal statt. Die Veranstalter, Stadt und Kanton Neuenburg, hatten auf dem ehemaligen Expogelände am See ein Zelt aufstellen lassen. Rund um die frei im Raum verstreuten Sitzecken, Büchertische und Liegestühle mit Blick auf den See und in lockerer Freizeitatmosphäre konnten die Forumsteilnehmer und die Bevölkerung von Neuenburg die Ausstellung der prämierten Projekte im Zelt besuchen. Auch der von DocuMedia Schweiz GmbH produzierte Katalog mit den Schweizer Wettbewerbsresultaten lag auf und stiess bei den jungen Fachleuten aus ganz Europa auf reges Interesse.
 
Hinter dieser «lockeren» Möblierung stand aber auch eine klare Absicht, denn es ist den Europanveranstaltern ein wichtiges Anliegen, dass die Projekte nicht in irgendeiner Schublade verschwinden. Europan Schweiz wollte deshalb den Siegerteams und den Standortvertretern die Möglichkeit bieten, sich in den kleinen Ausstellungskojen bequem niederzulassen und über das weitere Vorgehen zu diskutieren. Auch das «baublatt» hat sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und die Sieger in ihren «Kojen» besucht.
 

Ringen um den Neuenburger «Ring»

«Wir sind ein relativ altes Büro für Europan, dies war das letzte Mal, dass wir da mitmachen konnten, denn wir werden nächstens 40», präzisiert Jean-Claude Frund gleich zu Beginn des Gesprächs. Bereits 1994 hatte er sich an Europan beteiligt, damals auf dem Gelände des ehemaligen Schlachthauses in Neuenburg. Dass er sich mit seinem Büropartner Antonio Gallina diesmal wieder für den Neuenburger Standort, das Areal auf dem die Expo 2002 stattfand, interessiert hat, überrascht nicht, ist er doch in dieser Stadt aufgewachsen. «Wir hatten wirklich Lust etwas beizutragen, einen anderen Blick auf das Gelände der Jeunes-Rives zu ermöglichen.»
 
Mit ihrem minimalistischen Projekt «Ring» wollen sie das Wettbewerbsgelände frei halten für möglichst vielfältige Nutzungen und es allen sozialen Schichten zugänglich machen, wie es auch heute der Fall ist. «Für uns war von Anfang an klar, wir bauen nicht, aber wir schaffen ein starkes, präzises Element, das den Ort klärt», erläutert Jean-Claude Frund. Im Übrigen wollten sie aber nicht in erster Linie «originell» sein, sondern sie suchten vielmehr das «Bindemittel», um zusammen mit den andern drei in den Plänen eingezeichneten Eingriffen die Verbindung zwischen Stadt und Wettbewerbsgelände zu sichern und stärken. Den heikelsten Punkt werden wohl die Parkplätze darstellen, vermuten die Projektverfasser. Sie haben vorgeschlagen, den Parkplatz beim Hafen zu vergrössern, damit die Läden in diesem Gebiet nicht zu kurz kommen. Da sie aus Neuenburg sind, kennen sie die Situation und wissen, wo die Probleme liegen.
 
Die Architekten haben ihr Konzept bereits der städtischen Exekutive und Legislative vorgestellt. Weitere Präsentationen vor betroffenen Partien werden folgen. Jean-Claude Frund ist jedoch zuversichtlich: «Es wird ein Jahr mit vielen Gesprächen werden, denn es sind viele Personen betroffen. Ich denke aber, zusammen mit den Politikern verfügen wir über die Mittel, dieses Projekt zum Erfolg zu führen. Ein Kredit für einen Studienauftrag ist für 2011 vorgesehen.»
 

Nyon verfolgt «fil rouge»

Die beiden Italiener Alberto Figuccio und Nessi Niccolò und der Franzose Mehdi Aouabed haben sich während des Studiums an der Accademia di Architettura in Mendrisio kennen gelernt. Momentan arbeiten sie in verschiedenen Architekturbüros. Der Europansieg wird nun laut Mehdi Aoumed die Gründung ihres eigenen gemeinsamen Büros beschleunigen. «Wir haben uns auch in Frankreich umgeschaut, aber schliesslich hat uns der Standort in Nyon am meisten interessiert, wegen der bestehenden Bauten und weil es dort um eine komplexe Restrukturierung eines Quartiers ging. Abgesehen davon haben wir uns für einen Schweizer Standort entschieden, weil wir davon ausgingen, dass eine Schweizer Jury unsere Haltung und Arbeitsweise vermutlich besser verstehen würde als eine Jury in einem andern Land, wie zum Beispiel Spanien oder Holland», erklärt Mehdi Aoumed. Ihre Kalkulation ist aufgegangen, denn die drei jungen Architekten aus dem Tessin haben mit ihrem Projekt «le fil rouge» den Wettbewerb in Nyon gewonnen.
 
Die Architekten bezeichnen ihren Vorschlag als ein eher klassisches Projekt. Aber eben eines, das auf den Ort zugeschnitten ist und wirklich nur dort funktioniert. Sie haben mit dem Vorhandenen gearbeitet und die bestehenden alten Industriebauten mit einbezogen. Im Übrigen schaffen sie mit dem «fil rouge», einem gedeckten Umgang, der einen dreiteiligen öffentlichen Platz umschliesst, eine klare Trennung zwischen öffentlichem und privatem Raum. «So können die beiden Bereiche in unterschiedlichen ‹Tempi› realisiert werden», erklären sie ihre Absicht dahinter. Während der öffentliche Teil forciert werden kann, ist es gut möglich, den Privatbereich hinter dem Umgang langsamer zu entwickeln. Dadurch kann das Projekt auf wandelnde Bedürfnisse eingehen. «Ich denke, diese Anpassungsfähigkeit ist der innovative Teil unseres Projekts», erklärt Mehdi Aouabed.
 
Am Abend vor der Preisübergabe in Neuenburg hatten die Architekten die Gelegenheit, ihr Projekt an einer Pressekonferenz in Nyon den Politikern und der Bevölkerung vorzustellen. Sie sind hocherfreut über das grosse Interesse an ihrem Projekt und dessen positive Aufnahme. «Die Atmosphäre war gut und ziemlich enthusiastisch», schildern sie ihre Eindrücke. Nun muss aber zuerst über einen Kredit für eine Machbarkeitsstudie abgestimmt werden. Sie hoffen natürlich, dass das Projekt diese Hürde nehmen wird.
 

Montreux will «Synapsiedlung»

«Da wir schon einmal an Europan mitgemacht haben, aber an einem viel grösseren Standort, suchten wir diesmal etwas, wo wir im Massstab der Architektur arbeiten konnten», begründet die Architektin Vanessa Giandonati die Wahl des Standortes Les Grands Prés de Baugy in Montreux. Entscheidend waren also für die Architekten aus Italien die Standortqualitäten und nicht das Land. Vanessa Giandonati, Antonio Monaci, Lapo Ruffi und Lorenzo Santini kommen aus Italien. Je nach Situation schliessen sie sich zusammen, oder jeder arbeitet für sich allein. Wie viele junge Teams, die an Europan teilnehmen, nutzen auch sie die Möglichkeit, via Internet zusammenzuarbeiten.
 
«Am wichtigsten war uns hier die Frage des Raums. Mit unserem Projekt «Synapsiedlung» wollten wir für das Wohnen eine Modalität finden, die einerseits die Privatsphäre erhält, anderseits die Bewohner aber auch den kollektiven Raum erleben lässt», erklärt die junge Architektin und ergänzt: «Wir wollten nicht ein neues Dorf schaffen, sondern eine Siedlung, die mit den gewachsenen Strukturen verschmilzt und doch eine eigene Identität besitzt.» Dies erreichten sie mit ihren elf dreiflügligen Gebäuden, die der gewellten Topografie des Geländes folgen und vielfältig nutzbare Aussenräume schaffen.
 
Die Gruppe konnte ihr Projekt den Behörden von Montreux bereits vorstellen. Auch an der Preisverleihung in Neuenburg nutzten die Architekten und Philippe Mayor vom Amt für Städtebau in Montreux die Gelegenheit zum Gespräch über das weitere Vorgehen. Die Gemeinde möchte das Projekt realisieren und wird beim Gemeinderat (Legislative) einen Kredit beantragen. Philippe Mayor äussert sich zuversichtlich: «Die nächste Sitzung findet im kommenden Monat statt, dann heisst es ‹Ja› oder ‹Nein›. Wir prognostizieren ‹Ja›. Den Architekten steht die Freude ins Gesicht geschrieben ob dieser positiven Aussichten.
 

«Remonte pente» für den Hang von La Chaux-de-Fonds

«Es war eine bewusste Entscheidung für die Schweiz, weil wir wussten, dass hier die Raumpolitik sehr lokal ausgerichtet ist», erklärt die Architektin Florence Gaudin bestimmt. Auch sei den Promotoren die Wichtigkeit der räumlichen Qualitäten bewusst und die Bauqualität eindeutig besser als in Frankreich. Der Massstab spielte aber bei der Wahl des Standortes ebenfalls eine Rolle sowie die Tatsache, dass La-Chaux-de-Fonds von Paris aus relativ gut erreichbar ist. Florence Gaudin, Benoit Culondres, Philippe Lamige und Pierre Brochot haben der Stadt im Jura und der Wettbewerbsparzelle am östlichen Stadtrand denn auch zu jeder Jahreszeit einmal einen Besuch abgestattet.
 
Die Architekten beschreiben ihren Vorschlag «Remonte Pente» (Skilift) als ein komplexes Projekt, das mit ganz einfachen Elementen arbeitet und diese miteinander verbindet. «Es geht mehr um das Vorgehen als um das Schlussergebnis. Es handelt sich eher um ein Funktionsdispositiv als um ein architektonisches Objekt», präzisieren sie, auch seien ihnen ein bescheidener, minimaler Eingriff und ein lokaler Ansatz wichtig gewesen. Der Dialog mit der Natur wird erwähnt: «Genau, der Respekt vor dem Vorhandenen und das Erhalten des Gleichgewichts. Nicht nur um im üblichen Sinne ‹grün› zu sein, es ging uns wirklich darum, nicht alles zu zerstören», ergänzt Philippe Lamige. «Attention», wirft Florence Gaudin ein, «wir sind natürlich schon ‹grün› und überzeugt, dass die Umweltproblematik heute ein zentrales Thema ist. Die Frage ist nicht ‹grün› zu sein oder nicht, Ökologie ist ganz einfach ein Muss.»
 
Auch sie haben bereits Kontakt gehabt mit den Verantwortlichen von La-Chaux-de-Fonds und sprechen von einer guten Vertrauensbasis. Der Stadtarchitekt Denis Clerc bestätigt dies. Die Stadt will das Projekt weiter verfolgen und bis Ende Jahr das Raumprogramm konkretisiert haben, sodass Investoren gesucht werden können. «Ja, das Ganze ist sehr konkret und wir sind begeistert», freut sich Denis Clerc.
 

Vielversprechende «urban composition» für Dietikon

Ein Japaner in Paris, ein Franzose in London und ein Schweizer in Zürich sind die Autoren des Siegerprojektes in Dietikon. Kennen gelernt haben sie sich im Büro von Jean Nouvel. Heute arbeitet nur noch Toshihiro Kubota dort; Yves Bachmann ist wieder in der Schweiz und der Landschaftsarchitekt Rémy Turquin ist in London. Ihre Zusammenarbeit spielt sich ganz und gar über Internet ab. «Es war eine Standortwahl. Ich wohne in Zürich, bin also nahe am Ort und konnte schnell hingehen», begründet Yves Bachmann die Teilnahme in Dietikon. Aber auch Toshihiro Kubota, der seine Freundin in der Schweiz hat und im Büro von Jean Nouvel bereits an verschiedenen Projekten in der Schweiz gearbeitet hat, wollte gerne einmal hier projektieren. Ihn interessierte der ziemlich grosse städtische Massstab. Yves Bachmann sah darin auch eine besonders spannende Herausforderung, weil es, wie er sagt, nicht ein Ort ist, bei dem man denkt: «Wow, genial, da kann man etwas machen.» Toshihiro Kubota wiederum erklärt: «Es interessierte mich ein Quartier zu schaffen. Dazu habe ich zuerst analysiert, was auf der ganzen Welt in den bekannten Städten geht. Es ging darum, eine neue Identität für die Zukunft zu finden. Heute gibt es viele neue städtische Typologien, Abu Dhabi, Masdar-City von Norman Foster und viele andere. Wir wollten wissen, was dies, übertragen auf den Massstab einer kleinen Stadt wie Dietikon, bedeutet.» Die Architekten haben sich öffentliche Plätze angeschaut, die gut funktionieren, und versucht, die guten Elemente zu übernehmen. Sie wollten etwas Fröhliches schaffen, Parzellen mit unterschiedlichen Formen. Sie möchten die Architekten dazu bringen, ein wenig zu spielen und nicht einfach alles rechteckig zu bauen. Auf ihre doch sehr plakativen und bunten Pläne angesprochen, die den Eindruck erwecken, dass sie sich bei der Arbeit auch amüsiert haben, lachen sie, betonen aber, dass es nicht so einfach gewesen sei. Ihr Vorschlag müsse als Konzept verstanden werden. Nach einem ersten Treffen mit den Verantwortlichen der Stadt haben sie den Eindruck, Dietikon sei sehr interessiert. Virginia Rabitsch
 

Dietikon ZH, La-Chaux-de-Fonds NE, Montreux VD, Neuenburg und Nyon VD hatten je einen Standort ausgeschrieben für Europan 10. Die Wettbewerbsresultate wurden im Januar bekanntgegeben. Die vollständige Auflistung der Siegerteams sowie eine ausführliche Beschreibung der Standorte und der prämierten Projekte sind in der Europan-Spezialausgabe der Docu Media Schweiz GmbH zu finden:

Publikation EUROPAN 10
Wettbewerbs-Resultate
Dietikon | La Chaux-de-Fonds | Nyon | Neuchâtel
deutsch/französisch
64 Seiten
Schutzgebühr: 25 Franken

Erhältlich bei:
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