Abrissbirne läutet letzte Stunde ein

Abrissbirne läutet letzte Stunde ein

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Michael Hunziker
Kontaminierte Böden, 65 Meter hohe Silos, archäologische Funde – das Projekt «Campus-Plus» der Stadt Basel und der Novartis birgt einige Schwierigkeiten. Dementsprechend delikat gestaltet sich der Rückbau. Ein Bericht über das Grossprojekt, Spezialmaschinen und einen ausgeklügelten Einsatzplan, zwischen Abrissbirne und archäologischen Forschungsfeldern.
 
 
Dumpfe Schläge sind von Weitem zu hören, gefolgt von lautem Krachen. Es poltert wie bei einem Bergsturz. Dann steht man vor den hohen Silo-Türmen beim alten Rheinhafen St. Johann und traut seinen Augen nicht: Da schwingt ein Kran eine Abrissbirne auf vierzig Metern Höhe gegen die Aussenmauern eines alten Speichers. Betonbrocken brechen herunter und schlagen wie Meteorite auf. Die Wand des Silos will nicht nachgeben, aber sie bröckelt.
 
Die Eberhard Bau AG ist hier mit schwerem Geschütz aufgefahren, um den alten Hafen St. Johann dem Erdboden gleichzumachen. Da steht etwa ein 70 Meter hoher, gelber Gittermastkran. «Dieses Modell ist 160 Tonnen schwer», sagt Bereichsleiter Pascal Zimmermann. «Damit demontieren wir die Hafenkräne und heben die Bagger auf die Silos.» Denn auf den Flachdächern der Speicher leisten solche «Klein»-Bagger Vorarbeiten. Neben dem hochmastigen Kran manövriert ein Hochabbruchbagger. Er greift mit einer Betonschere bis auf 48 Meter Höhe in die Seitenwand des Silos und bricht sie Stück für Stück ab. Ein Bagger mit einer sechs Tonnen schweren Zange aus Stahl, genannt der «Betonbeisser», zerbröselt Betonblöcke in der Grösse von Personenwagen. «Wir haben hier zehn Bagger von 160 Tonnen bis zu fünf Tonnen im Einsatz», sagt Zimmermann.
 
Aus Schneekanonen ähnlichen Düsen schiesst Wasser auf die Trümmer, um den Staub herunterzudrücken. Ausserhalb der Sicherheitszone sind kleine Zelte über treppenartig abgetragene Gruben gespannt. Hier arbeiteten sich die Archäologen mit Staubsauger, Pinsel und Schaber durch die Erdschichten. Unter dem Hafen St. Johann befindet sich eine 2100 Jahre alte Keltensiedlung, sozusagen das Ur-Basel, mit mindestens zwei Graberfelder von internationaler Bedeutung, nicht nur für die Forschung. «Die Archäologie bestimmt das Arbeitstempo der Baustelle. Je nachdem, was die Forscher finden, dauert es länger», sagt Bauleiter Klaus Wassmer von der Erberhard Bau AG. Bis Ende 2011 möchte die Bauherrschaft Kanton Basel-Stadt den alten Hafen zurückgebaut, den kontaminierten Boden saniert und wieder aufgefüllt haben, um das Gebiet der Novartis zu übergeben.
 
In den leeren Silotürmen gurren Hunderte von Tauben und machen sich über die zurückgelassenen Getreidereste aus der Zeit des Hafens her. Hier, auf dem circa 14 000 Quadratmeter grossen Trümmerfeld, soll bis ins Jahr 2030 der «Campus-Plus» für die Novartis entstehen. Das heisst, Büros und Forschungsräume für 10 000 Mitarbeitende werden gebaut, im Nordwesten des Areals wird eine Hochhauszone geschaffen und 200 bis 300 neue Wohnungen und Einfamilienhäuser und ein weiterer Hochschulstandort sollen entstehen. Der Kanton Basel-Stadt baut dort, wo bis vor Kurzem noch Lastschiffe anlegten, dem Rhein entlang eine Uferpromenade mit Fuss- und Radwegen bis nach Frankreich.
 
Bis aber mit dem Bau des «Campus-Plus» begonnen werden kann, muss, nach dem der Hafen zurückgebaut ist, zuerst der kontaminierte Boden ausgehoben und saniert werden. Denn bis ins Jahr 1906 wurde sowohl vom Gaswerk als auch von der chemischen Industrie der Abfall ans Rheinbord geschüttet, wo er jeweils bei Hochwasser vom Fluss weggetragen wurde. Mit der Befestigung des Ufers zwischen 1906 und 1911 überdeckte man diese Müllhalden mit Mauerwerk. Im Hafenbereich sind die Abfälle von diesen Halden nach wie vor im Untergrund vorhanden. Bis das Gaswerk 1934 abgerissen wurde, kam es immer wieder zu punktuellen Belastungen des Untergrundes und des Grundwassers. Zu der Verschmutzung im nördlichen Hafenareal trug auch die Kohlen- und Brikettwerke AG bei, die zwischen 1920 und 1949 betrieben wurde, und bis 1977 unterhielt hier die Tanklager AG einen Umschlag- und Lagerplatz für Flüssig-Kraftstoffe.
 

Der Boden voller Schadstoffe

Der Umfang der durch die industrielle Nutzung entstandenen Untergrund- und Grundwasserbelastung im Hafenareal wurde in den Jahren 2005 bis 2008 mit insgesamt rund 240 Sondierungen durch das Geotechnische Institut Basel untersucht. Die Untersuchungen haben bestätigt, dass im Untergrund immer noch wesentliche Mengen an schadstoffbelastetem Material aus dem Gaswerkbetrieb und der chemischen Produktion vorhanden sind. Diese gefährden weiterhin das Grundwasser.
 
«Wir haben hier alle Belastungsklassen, von unverschmutztem Untergrund, tolerierbarem Material über Inertstoffmaterial bis hin zu Sonderabfall», sagt Marc Brunkhorst, Oberbauleiter und Projektkoordinator von der Aegerter und Bosshardt AG, und präzisiert: «Bis in zehn Metern Tiefe haben wir Schwermetalle wie Blei, Zink und Quecksilber sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (MKW) und PCB im Boden. Auch die Gebäude müssen wir von Asbest und PCB befreien.» Der Grund muss nach dem Rückbau in Schichten ausgehoben und laufend vom Geotechnischen Institut analysiert und dann auf den entsprechenden Entsorgungsweg geschickt werden. 140 000 Tonnen sauberer Betonabbruch sollen so per Schiff ins Ausland gehen. Vom belasteten Aushubmaterial werden per Bahn rund 126 000 Tonnen in die Bodenwaschanlage nach Rümlang abgeführt, und gegen 62 000 Tonnen ihrem Belastungsgrad entsprechend auf die jeweils geeignete Deponie gebracht. Der Aushub wird dann mit 180 000 Tonnen Kies gefüllt. Das Abbruch- und Aushubmaterial führt man hauptsächlich per Bahn und Schiff weg, womit dem Wohnquartier St. Johann zusätzlicher Lastwagenverkehr, Lärm und Gestank erspart bleiben.
 

Keltensiedlung unter dem Hafen

Während Bagger und Krane mit grobem Werkzeug an den Silos rütteln, knien die Archäologen unter den Zelten und operieren mit feinen Instrumenten, legen Fundstellen frei und bezeichnen sie mit weissen Kärtchen. Sie werden sich bis auf etwa 1,5 Meter schichtweise hinuntergraben. Was für den ungeschulten Betrachter wie Reisterrassen aussieht, sind systematische Raster.
 
Damit die Rückbauarbeiten im Zeitplan voranschreiten können, wurde beispielsweise ein Block von 1,8 mal 1,8 Metern und mit 1,6 Metern Tiefe, in dem man wichtige Funde vermutete, abgegraben und verschalt. Dann bohrte man darunter durch und schob Stahlstangen nach. So barg man den ganzen Quader und das Feld konnte für den Rückbau freigegeben werden. Der Block wird nun in einem Novartis-Gebäude untersucht.
 
«Das Interessante an dieser 2100 Jahre alten Keltensiedlung ist, dass sie wohl als Schnittstelle zur städtischen Entstehung gelesen werden kann», sagt Norbert Spichtig, Ressortleiter der Archäologischen Bodenforschung Basel-Stadt. «Wir haben viele 20-Liter-Amphoren gefunden, die für den Weintransport aus Mittelitalien verwendet wurden, und konnten Keramik-Brennöfen identifizieren.» Die Kelten hatten hier regen Handel betrieben, was die vielen Fundmünzen bezeugen. «Wir sind seit 1989 in dieser Siedlung, die sich über 17 Hektaren erstreckt, am Graben», sagt Spichtig und unterstreicht die internationale Bedeutung: «Die Siedlung ist in vielem aussergewöhnlich. Der Bestand an Fundmünzen ist gar einer der grössten Europas.»
 
Mittlerweile liegt die Abrissbirne am Boden. Sie wurde nur getestet. Die Verantwortlichen sind am Ende des Tages zum Schluss gekommen, dass sie alles mit der Zange zurückbauen werden. Noch steuern Schiffe den Hafen an und die alten Hafenkräne beladen sie mit Bauschutt. Eine Weile noch wird der Hafen so in eigener Sache in Betrieb sein. Michael Hunziker