Modellbogen: Lernen mit Kopf, Herz und Hand

Modellbogen: Lernen mit Kopf, Herz und Hand

Teaserbild-Quelle: Claudia Bertoldi
Modellbogen: Lernen mit Kopf, Herz und Hand

Seit 100 Jahren basteln Schweizer Primarschüler heimische Schlösser und Burgen. Schon so lange gibt es die Modellbogen des Pädagogischen Verlags LLZ. Weshalb diese auch heute noch ihre Existenzberechtigung haben, zeigt der Baublatt-Selbstversuch zum Jubiläum.

Das Schloss Chillon zu basteln, ist selbst für einen Baublatt-Redaktor herausfordernd.

Meine Mission ist klar – ausschneiden, ritzen, falten und zusammenkleben. Vor mir auf dem Tisch liegt das wohl schwierigste Bastelbogen-Modell des Pädagogischen Verlags des Lehrerinnen- und Lehrervereins Zürich: das Waadtländer Schloss Chillon im Massstab 1:390. Vor gut 30 Jahren hatte ich diese Herausforderung als Primarschüler zum ersten Mal angenommen – und war dabei mit klebrigen Fingern fast verzweifelt, obwohl ich eigentlich für mein Leben gern bastelte. Damals hatte ich am eigenen Leib erfahren, weshalb dieser Modellbogen mit den fies kleinen, detailreichen Teilen «genaues Arbeiten und Ausdauer verlangt», wie es in der Anleitung für die mindestens Zehnjährigen heisst.

Ein ganz reales Déjà-vu

Und nun sitze ich also wieder vor dem farbig bedruckten Bastelkarton, um damit Teil um Teil das herrschaftliche Château bei Montreux am Genfersee nachzubauen. Aus Anlass des hundertjährigen Jubiläums der kultigen Schweizer Modellbogen für Kinder und Jugendliche (siehe «Bastel­bogen – eine Schweizer Erfolgsgeschichte» am Ende dieses Beitrags) versuche ich mich als gestandener Redaktor nochmals an diesem «Pièce de Résistance» meiner Kindheit. Während ich mir einen ersten Überblick über die teils filigranen Bauteile A bis Z2 verschaffe, frage ich mich bereits ernsthaft, auf was ich mich da eingelassen habe.

Zum Glück erweist sich das erste, einfach konstruierte Schlosssegment als ideales Übungsobjekt für Bastelwiedereinsteiger. Mit Cutter und Schere sind die Grundmauern und das Dach rasch ausgeschnitten. Doch wie war das schon wieder mit dem Ritzen und Falten? – Ja genau, entlang gestrichelter Linien sind die Teile nach hinten umzubiegen, weisen diese zudem Punkte auf, dann jedoch nach vorne. Vorsichtig appliziere ich den Klebstoff auf die gefalzten Laschen und verleime die vorgeformten Mauern und das Dach. Bis die Klebeverbindungen halten, fixiere ich sie zwischen Daumen und Zeigefinger. Kurz danach steht der erste Teil des Schlosses. Der Baustart ist geglückt.

Modell: Der Baustart ist geglückt.
Quelle: 
Gabriel Diezi

Der erste Schlossteil steht, darauf lässt sich aufbauen.

Nur nichts überstürzen

Als nächstes folgt das Ausschneiden feinster Treppengiebel, welche die Dachkonstruktionen der Anschlussbauten jeweils seitlich abschliessen. Bei dieser Geduldsprobe dürfte wohl schon manchem zehnjährigen Baumeister die Lust am Bastel-Château vergangen sein. Nur gut, dass ich kein jugendlicher Springinsfeld mehr bin, schiesst es mir durch den Kopf. Denn mich führt der konzentrierte Scherenschnitt eher zur meditativen Ruhe. Bald schon füge ich Teil um Teil zur ersten durchgängigen Gebäudereihe, selbst die alles andere als rechtwinkligen Anschlüsse passen. Offenbar habe ich beim Wohntrakt des Schlosses sauber gearbeitet. Darauf lässt sich aufbauen.

Die Bauteile werden nun komplexer. Wer diese korrekt verkleben will, kommt nicht ums Studium der Schemen auf der Arbeitsanleitung herum. Auch als Erwachsener nicht, wie ich noch merken sollte. Zwar läuft die Konstruktion der schmalen inneren Ringmauer flott an. Doch bei der Montage des daran angrenzenden Bergfrieds kommt es beinahe zum folgenschweren Baufehler. Wohl etwas euphorisiert durch den ersten Höhepunkt meiner Bastelei fixiere ich den Hauptturm im Schlosszentrum zuerst mittig an den Wehrgang – statt rechtsbündig wie auf dem Grundriss ersichtlich. Zum Glück realisiere ich dies, noch bevor der Kleber richtig angezogen hat, und schreite zur sofortigen Baumängelbehebung respektive Turmverschiebung. Nun steht der Bergfried dort, wo ihn die Grafen von Savoyen schon im 11. Jahrhundert haben wollten. Vorsichtig ziehe ich die letzte zinnenbewehrte Mauer ein und fixiere diese so, dass der dritte Hof abgetrennt ist. In diesem sogenannten Ehrenhof, der vor feindlichen Übergriffen am besten geschützt war, lagen die Privatgemächer der savoyischen Herrscherfamilie. Mit zwei weiteren Wehrmauern schnell geschlossen ist anschliessend auch der zweite Hof, wo mit dem Kastellan einst der Schlossverwalter wohnte.

Modellbogen Schloss Chillon
Quelle: 
Claudia Bertoldi

Auch das gehört dazu: Das exakte Ausschneiden der einzelnen Bauteile.

Zu meisternde Klippen

Was nun folgt, ist ein ziemlich verschachteltes, bauliches Klein-Klein an der Chillon-Nordspitze – konstruktive Zusatzhürden inklusive. Denn was mit der in der Arbeitsanleitung geforderten «Klebung Stern auf Stern» gemeint ist, erschliesst sich mir vorerst nicht. Suboptimal ist zudem, dass mir auch das Studium der Detailschemata nur bedingt dabei weiterhilft, die Absichten des Modellbogengestalters zu verstehen. Den Durchbruch bringen erst ganz praktische Biegeversuche an den vorgeritzten Teilen. Nun verstehe ich, dass die nächsten beiden Segmente jeweils zuerst an den mit Sternen markierten Stellen mit sich selbst zu verkleben sind, bevor ich sie im Schlossgefüge fixieren kann. Ein Viertklässler ohne gutes räumliches Vorstellungsvermögen dürfte diese Hürde allerdings nur mit tatkräftigem elterlichem Support nehmen.

Befriedigt stelle ich fest, dass für den ersten Rundturm der festungsartigen, mit Bogen-, Schiessscharten, hölzernen Wehrerkern und Pechnasen übersäten Nordfassade eine präzise Anschlussstelle entstanden ist. Die Frage ist nur, wie ich nun Turmbasis und -dach nachhaltig auf schön rund trimme. Die Anleitung rät zur Verwendung eines runden Bleistifts, doch das überzeugt mich nicht. Stattdessen behelfe ich mir mit der ovalen Klebstoff-Verpackung, über die ich die Kartonteile vorsichtig hin- und herziehe. So präpariert, lassen sich anschliessend Basis und Dach überraschend einfach in der gewünschten Rundung fixieren. Vor gut 30 Jahren war mir dies nicht ohne unschöne Knicke gelungen, was zum kindlichen Wutausbruch führte.

Modell Schloss Chillon
Quelle: 
Gabriel Diezi

Es ist vollbracht: Das Schloss Chillon zu basteln, ist selbst für einen Baublatt-Redaktor herausfordernd.

Freude herrscht

Mit jedem weiteren Fassadenelemente geht das Basteln nun leichter von der Hand: Der Lerneffekt ist unverkennbar. Und so fügen sich etwa die Rundtürme zwei und drei deutlich schneller als der Prototyp in die wehrhafte Nordfassade ein, welche einst die mittelalterliche Via Italica überragte. Mit einem Bauteil, das gemäss Arbeitsanleitung «keine Probleme bereiten sollte», schliesse ich den vierten Hof, wo einst der Schlossverwalter wohnte – dies tatsächlich problemlos.

Was nun ansteht, ist der Bau der Diensträume rund um den ersten der vier Schlosshöfe im Südteil der kleinen Felseninsel bei Montreux. Diese Klebearbeiten erweisen sich mit zunehmender Übung als gut lösbare Aufgabe. Nach der Montage des letzten Türmchens an der Südspitze von Schloss Chillon, fehlt nur noch die überdachte Brücke zum Ufer. Aus den beiden letzten Modellbogen-Teilen Z und Z2 habe ich diese im Nu konstruiert und am Eingangstor fixiert. Fertig ist mein kleines Château. Dass dieses deutlich kompakter ist, als ich es in Erinnerung hatte, mindert meine Freude nicht im Geringsten. Nicht ohne Stolz betrachte ich das fertige Werk vor mir auf dem Redaktionstisch. Beim massstabgetreuen Chillon-Nachbau habe ich nicht nur viel über das wohl bekannteste Schweizer Schloss gelernt, sondern ganz nebenbei auch über mich selbst.
 

Bastelbogen – eine Schweizer Erfolgsgeschichte

Davoserhaus

Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs beginnt der Zürcher Primarlehrer Edwin Morf, selbst gezeichnete Modellbogen im neugegründeten Eigenverlag zu veröffentlichen. Als erste Modelle kreiert er 1919 ein Davoser Bauernhaus sowie eine Handvoll längst abgerissener Stadtzürcher Gebäude wie etwa den Hardturm.

Morfs hehres Ziel ist es, mit den Modellbogen des «Pädagogischen Verlags des Lehrerinnen- und Lehrervereins Zürich» hochwertige und billige Lehrmittel für die Schweizer Jugend zu schaffen. In einem Rundschreiben aus dem Jahr 1933 schreibt Morf: «Wenn die Abende früher hereinbrechen, taucht […] die wichtige Frage auf: Wie beschäftigen wir unsere Jungmannschaft, besonders das tatendurstige Bubenvolk, unterhaltend und nutzbringend? Die jungen Leute sollen lesen, höre ich sagen. Nur lesen? Nein, auch mit Hand und Werkzeug will und soll unsere Jugend tüchtig werden, soll Genauigkeit und Ausdauer üben und dies auf eine Weise, als ob’s Spiel wäre.»

Bis zu seinem Tod im Jahr 1937 entwirft Morf 30 Bastelbogen. Allen gemein ist der Einheitspreis von lediglich einem Franken. Als Nachfolger des Verlagsgründers schafft ab 1940 der kreative Heinrich Pfenninger 80 weitere Bogen, von denen eine stattliche Anzahl bis heute im Verkauf sind.

Tiefer Preis, hohe Qualität

Das aktuelle Sortiment des Verlags umfasst rund 100 Modellbogen und Werkhefte. Neue Bastelbogen kreiert heute kein einzelner «Chefkonstrukteur» mehr, sondern diverse Pädagogen, Grafiker und Architekten. Nach wie vor wird der Verlag im Nebenamt geleitet. Das Non-Profit-Unternehmen bietet seine hochwertigen Modellbogen zum Preis von je drei Franken an – und gehört damit zu den wohl günstigsten Anbietern weltweit.

Ohne aufwendige Werbeanstrengungen verkauft der Verlag jährlich weit über hunderttausend Stück. Das Vertriebsgeheimnis: Jeweils im Herbst erhalten schweizweit 2000 Schulen eine Modellbogen-Mustersendung. Vertrauenspersonen sammeln in den Klassen die Bestellungen und leiten sie an den Verlag weiter. Schulen und Privatpersonen können die Modellbogen zudem online beziehen, denn auch ein hundertjähriger Verlag geht mit der Zeit. (gd)

Autoren

Stv. Chefredaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind Baustellen-Reportagen sowie Themen der Digitalisierung, neue Bauverfahren und Geschäftsmodelle.

Tel. +41 44 724 78 64