Kolumne zum Donnerstag: Der göttliche Baustoff

Kolumne zum Donnerstag: Der göttliche Baustoff

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Kolumne zum Donnerstag: Der göttliche Baustoff

In der Kolumne zum Donnerstag berichten Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute beschäftigt sich Andreas Steffes, Geschäftsführer der Stahlpromotion Schweiz, mit Material­diskussionen in der Bauwirtschaft.

Schreibmaschine, Schmuckbild.
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Schreibmaschine, Schmuckbild.

Materialdiskussionen werden häufig mit Inbrunst geführt. So auch bereits in der Nacht nach dem Brand der Pariser Kathedrale Notre-Dame zu Beginn der Karwoche. Brandheiss wurde über den idealen Baustoff von Kirchendächern diskutiert. Ist Stahl das Material der Wahl, oder ist Holz der sinnvollere Baustoff?

800 Jahre alte Eichenbalken trugen das Dach des Gotteshauses in der französischen Hauptstadt, und tragischerweise entzündeten sie sich, brannten wie Zunder und stürzten in das Kirchenschiff. Dieses traurige Ereignis rief schnell schlaue Propheten auf den Plan. In Köln und Wien wusste man es besser. Die Dächer der dortigen Kathedralen waren bereits im 19. und 20. Jahrhundert aus Eisen beziehungsweise Stahl errichtet worden. Schon damals kam die Materialwahl einem Glaubensbekenntnis gleich.

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Vor 800 Jahren stellte sich die Frage in der Form nicht, sondern es ging darum, das technische Wunderwerk einer Kathedrale wie Notre-Dame zu realisieren. Vor über 100 Jahren ging es hingegen um die Frage, was der reinen Lehre entsprach, denn zu Gottes Ehren durften nur natürliche Baustoffe verwendet werden.

Heute müssen wir wiederum ganz andere Fragen beantworten, weswegen solche Material­diskussionen ins Leere führen. Die gesellschaftlichen Ansprüche an Bauwerke haben sich in der jüngeren Vergangenheit stark gewandelt. Neben den Ewigkeitsansprüchen wie bei einer Kathedrale oder auch den geliebten Einfamilienhäusern besteht ein immer grösserer Bedarf an Flexibilität und Kurzlebigkeit.

Die Industrie leidet unter den langen Planungs-, Genehmigungs-, Bau- und Lebenszyklen heutiger Bauwerke, welche mit den ständig ändernden Produktionsprozessen kaum mehr vereinbar sind. Die Gesellschaft leidet darunter, dass Ruinen längst vergangener Zeiten ganze Stadtteile und Regionen prägen und so wichtigen urbanen Entwicklungen im Wege stehen und damit die Zersiedelung der Landschaft massgeblich mitverursachen.

Die Zukunft der Bauwirtschaft fordert von allen Beteiligten, Altgeliebtes loszulassen, ohne das Kind mit dem Bade auszuschütten, die Gegenwart laufend zu hinterfragen und sich auf das Kommende vorzubereiten. Auch bei der Materialwahl müssen wir offenbleiben. Aktuell dreht sich die Diskussion darum, wie die Betonnutzung aus Umweltschutzgründen reduziert werden kann. Relativ schnell diskutiert man dann wieder über die Frage, welche Baumaterialien denn die bessere Wahl wären.

Diese Diskussion ist jedoch vor der Definition von Anforderungen an die Gebäude nicht zielführend. Beim Beton sind wir es schon lange gewohnt, Materialien in Kombination zu denken, denn erst durch die Bewehrung mit Stahl konnte der Baustoff seine Stärken ausspielen. Im Stahlbau ist der Brandschutz von Stahlträgern durch die Ummantelung oder räumliche Abtrennung mit Holz eine Möglichkeit.

Es ist wichtig, dass wir vermehrt ein Auge darauf haben, wie wir welches Material in einer intelligenten hybriden Leichtbauweise einsetzen, so dass sich die positiven Eigenschaften der Baustoffe ressourceneffizient entfalten können. Intelligent kombinierte Hybride ermöglichen eine hochflexible Bauweise, welche die Anforderungen an eine Kreislaufwirtschaft optimal erfüllt. Die Legislativen sind herausgefordert, die nötigen rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Öffentliche Auftraggeber sollten materialneutral ausschreiben und so eine innovative Baukultur fördern.

Autoren

Geschäftsführer der Stahlpromotion Schweiz.

Geschäftsführer des Schweizerischen Stahl- und Haustechnikhandelsverbands (SSHV).