Chefsache mit Vania Alleva: «Geduld und Respekt»

Chefsache mit Vania Alleva: «Geduld und Respekt»

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Teaserbild-Quelle: Lucas Dubuis

Die erste Aufgabe einer Führungsperson sei es, für ein gutes Arbeitsumfeld der Mitarbeitenden zu sorgen, sagt Vania Alleva, Präsidentin der Gewerkschaft Unia. In der neuen Interview-Serie "Chefsache" nimmt sie Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung.

Vania Alleva (zweite von rechts) steht seit 2015 als erste Frau der Gewerkschaft Unia als alleinige Präsidentin vor.
Quelle: 
Lucas Dubuis

Vania Alleva (zweite von rechts) steht seit 2015 als erste Frau der Gewerkschaft Unia als alleinige Präsidentin vor.

Wie lautet Ihr allerwichtigster Führungsgrundsatz?

Vania Alleva: Wir führen Menschen! Die erste Aufgabe einer Führungsperson ist es, den Mitarbeitenden ein gutes Arbeitsumfeld zu gewährleisten, in dem sie die geforderte Leistung auch erbringen können. Das geht nur, wenn jede und jeder als einzigartiger Mensch mit allen Stärken und Schwächen respektiert wird.

Was macht Sie zu einer guten Chefin?

Geduld und Respekt. Je höher die Ansprüche, desto mehr braucht es Geduld, um auch Rückschläge aushalten zu können. Gegenseitiger Respekt ist gerade in einer derart vielfältigen Organisation wie der unseren essenziell, um den Blick fürs Ganze und die gemeinsamen Ziele zu behalten. Eine gute Chefin muss dies vorleben können.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Das Spannende an unserem Job in der Unia ist, dass wir jeden Tag etwas dazulernen können. Konstruktive Kritik ist dafür entscheidend. Davon kann es gar nie genug geben. Herausfordernd wird es, wenn Kritik, zumindest auf den ersten Blick, nicht konstruktiv gemeint scheint. Ich finde es dann wichtig, nicht in eine reine Abwehrposition zu verfallen, sondern nach dem rationalen Kern der Kritik zu suchen. Manchmal geht es auch darum, unzufriedenen Mitarbeitenden den Blick dafür zu geben, worauf sie trotz allem aktuellen Frust stolz sein können.

Wie fördern Sie Ihre Mitarbeiter?

Ich habe den Anspruch, auf die Stärken der Mitarbeitenden zu bauen. Sie zu ermutigen, auch Gestaltungsfreiheit zu lassen und ihnen gleichzeitig den Rücken zu stärken. Mitarbeitende, die sich in ihrer Arbeit entwickeln können, sind auch motiviert, Leistung zu erbringen.

Darf ein Chef auch Schwächen zeigen?

Ja klar. Jeder hat Schwächen, und alle dürfen Fehler machen. Ich bin überzeugt, diese bringen uns auch weiter, wenn wir sie reflektieren und aus ihnen lernen können.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der Bauwirtschaft ein?

Die Umsätze haben sich auf hohem Niveau stabilisiert, die Auftragsbücher sind derzeit voll. Die starke Zunahme von Temporärbeschäftigungen auf vielen Baustellen bereitet uns aber grosse Sorgen. Sie ist per se eine Form von prekären Arbeitsverhältnissen, führt zu Lohndruck und gefährdet die Arbeitssicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten.

Sehen Sie in der Digitalisierung eine Chance oder eine Gefahr?

Sie ist eine grosse Chance, sofern sie sozial gestaltet wird. Auf dem Bau zum Beispiel helfen Roboter, schwere Lasten zu heben. Drohnen können heute Vermessungen in luftiger Höhe und an gefährlichen Stellen vornehmen. So müssen Bauarbeiter weniger gefährliche Arbeiten verrichten. Das sind reale Verbesserungen. Gleichzeitig steigt – angetrieben auch von digitalen Technologien – der Termindruck, so dass der Stress für die Leute auf den Baustellen ständig zunimmt. Die Unia steht für eine soziale Digitalisierung, die den Menschen dienen, unser Leben einfacher und unsere Arbeit leichter machen muss.

Was schätzen Sie an der Baubranche und was nicht?

Die Baubranche ist der Beweis, dass Integration gelingt. Die Schweiz wird schon lange mehrheitlich von Arbeitnehmenden ohne Schweizer Pass gebaut, sie stehen für Schweizer Qualität. Was ich hingegen nicht mag, ist die Art und Weise, wie der Baumeisterverband auf den zunehmenden Termindruck reagiert: Statt gemeinsam mit den Gewerkschaften endlich mal Stopp zu sagen, wollen die Baumeister Arbeit in der Nacht und am Wochenende ausbauen sowie zusätzliche Überstunden. So schaden sie der gesamten Branche. 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, das Image der Baubranche zu verbessern?

Es braucht eine intelligente Antwort der Branche auf den zunehmenden Termindruck. Dieser macht die Bauarbeiter heute kaputt. Und die Baumeister müssen die Bauarbeiter auch am Erfolg beteiligen. Nach vier Jahren ohne Lohnerhöhung gibt es dieses und nächstes Jahr endlich wieder einen Beitrag an die steigenden Lebenskosten.

Welche Probleme sollte die Politik sofort angehen?

Auch in der Politik gilt es, den Blick aufs Ganze nicht zu verlieren. Ich lasse mich dabei von meinen zentralen Werten leiten. Soziale Gerechtigkeit, individuelle Freiheit und gesellschaftliche Solidarität – gute Politik muss diese Werte stärken und dementsprechend handeln. Mit Blick auf den Bau muss sie erstens dafür sorgen, dass die öffentlichen Bauherren realistische Terminplanungen machen. Zweitens braucht es Verbesserungen bei den flankierenden Massnahmen. Anstatt die Wirkung der Kontrollen massiv einzuschränken, wie das Bundesrat Cassis mit seinem Vorschlag für das Institutionelle Rahmenabkommen will, braucht es endlich einen Ausbau. Firmen, die offensichtlich den GAV verletzen, müssen die Arbeit einstellen, bis sie nachbezahlt haben. Und es braucht eine Beschränkung der geradezu explodierenden Temporärarbeit.

Was wünschen Sie der Schweiz?

Die Schweiz ist ein reiches und privilegiertes Land mit einer grossen kulturellen Vielfalt, einer reichen historischen Erfahrung und starken demokratischen Institutionen. Ich wünsche ihr die mentale Stärke, sich zu öffnen und einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten.

Wo können Sie wirklich abschalten?

An vielen Orten. In einem guten Film im Kino, bei einem packenden Buch, an der frischen Luft, mit Freunden bei einem Abendessen. (stg)

Chefsache

In der neuen Interview-Serie «Chefsache» nehmen bekannte Exponenten der Bauwirtschaft in loser Folge Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung. Alle Teilnehmer erhalten die gleichen 20 Fragen, von denen sie zwölf auswählen und schriftlich beantworten können.