08:10 KOMMUNAL

The Playground Project: Wohin mit dem Kinderspielplatz?

Geschrieben von: Stefan Breitenmoser (bre)
Teaserbild-Quelle: Baugeschichtliches Archiv/Hänssler

Die Schweizer Politologin und Raumplanerin Gabriela Burkhalter setzt sich intensiv mit Architektur für Kinder und der Geschichte von Spielplätzen auseinander. Die von ihr initiierte Ausstellung «The Playground Project» tourt schon seit Jahren um die Welt. Das Baublatt hat sie mit einigen kontroversen Thesen zum scheinbar eingeschlafenen Thema des Spielplatzes konfrontiert.

Spielplatz Zürich Wipkingen 1954

Quelle: Baugeschichtliches Archiv/Hänssler

Waren Spielplätze früher cooler? Dieses Bild aus Zürich Wipkingen 1954 lässt es fast vermuten.

Laut Gabriela Burkhalter war der Spielplatz ein Ort mit grossem subversivem Potenzial. Weil keiner so genau hinschaute, waren dort Experimente möglich: verrückte Landschaften aus Beton, poppige Spielskulpturen aus Polyester oder waghalsige selbstgebaute Hütten.

Burkhalter muss es wissen. Denn seit 2008 baut die in Basel wohnhafte Politologin und Raumplanerin ein umfassendes Archiv zum Thema Spielplatz auf, das online unter www.architekturfuerkinder.ch aufrufbar ist. Teil davon ist die Ausstellung «The Playground Project», die 2013 in Pittsburgh erstmals präsentiert und drei Jahre später auch in der Kunsthalle Zürich gezeigt wurde. Diese Ausstellung wandert seither um die Welt, und Burkhalter erweitert den Katalog ständig. Ab Februar 2022 ist sie beispielsweise in der Kunsthalle im schwedischen Lund zu sehen, letztes Jahr war sie im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt. Ausserdem wurden ihr Archive zum Thema überreicht wie beispielsweise jenes der «Group Ludic». Bei Burkhalter handelt es sich also um eine der weltweit angesehensten Expertinnen zum Thema Spielplatz.

Doch obwohl die meisten Menschen einige Wochen oder Monate ihres Lebens auf Spielplätzen verbringen, haben sich wohl die wenigsten je gefragt, woher die Spielplätze kommen und wie sie in Zukunft aussehen werden. Genau dies versucht Burkhalter zu ändern. Denn das Erscheinungsbild des Spielplatzes sagt auch viel über die Zeit und das gängige Menschenbild aus. Dennoch scheint es, dass sich Spielplätze in den letzten 40 Jahren nicht mehr gross verändert haben. Doch stimmt das wirklich? Haben die Spielplätze ihr subversives Potenzial eingebüsst? Interessieren sich Architekten nicht mehr dafür? Wollen wir die Kinder nur noch in ein Leistungskorsett drängen? Oder gibt es das freie Spiel noch? Das Baublatt hat Burkhalter mit einigen kontroversen und teils stark vereinfachten Thesen konfrontiert.

Gabriela Burkhalter Geschichte Spielplatz

Quelle: Laurin Schmid/Bildkraftwerk

Es gibt wenige Menschen auf der Welt, die sich so gut mit der Geschichte des Spielplatzes auskennen wie Gabriela Burkhalter.

Spielplätze gibt es nur, weil man mit Einsetzen der Industrialisierung nicht mehr wusste wohin mit den Kindern während der Arbeitszeit und weil sie auf der Strasse störten.
Gabriela Burkhalter:
Es war sicher ortsabhängig, aber die Situation in grossen Städten wie New York war so, soweit ich das recherchieren konnte. In Europa war es sehr wahrscheinlich ähnlich. Es gab auf jeden Fall eine gewisse Angst, dass die Kinder ihr Unwesen treiben und es gab auch diverse soziale Bewegungen, welche die Kinder «retten» wollten. Die Kinder hat man aber nicht nur positiv gesehen und sie waren im Gegensatz zu heute eher unbeaufsichtigt.

Spielplätze sind heute für Kinder langweiliger als sie in den 60er-Jahren waren.
Das würde ich so nicht sagen, denn in den 60er-Jahren verfügten die meisten Spielplätze über eine eher langweilige Stahlrohr-Ausstattung. In den 60ern war auch der Verkehr extrem dominant. Es gab viele Unfälle mit Kindern. Deshalb wurde beispielsweise anno 1956 der Werbefilm für die Eröffnung des ersten Robinson-Spielplatzes in Zürich vom TCS finanziert. Darin werden die Kinder aufgefordert, diesen zu besuchen, da er sicher ist. Ein Grossteil der öffentlichen Plätze war zugestellt mit parkenden Autos. Dort war es wohl nicht sehr spannend für die Kinder. Wahrscheinlich gab es trotzdem mehr Freiräume irgendwo. Das waren aber kaum ausgewiesene Spielplätze. Die Spielplätze, über die ich schreibe, waren eher Ausnahmen, da sie etwas Neues oder Spannendes gebracht haben. Ich denke, dass man heute wieder mehr Anstrengungen unternimmt, einen Spielplatz spannend zu gestalten. Der 0815-Spielplatz ist aber langweilig. Das gilt aber für heute und für die 60er-Jahre.

Aufgrund der gestiegenen Sicherheitsanforderungen mit Beginn der 80er-Jahre gab es seither kaum mehr Innovationen auf Spielplätzen.
Es gab sicherlich nicht mehr diese Freiheit, die daher rührte, dass niemand hinschaute. Oder die Freiheit, mal etwas auszuprobieren. Dass ein Künstler beispielsweise eine Idee hat und diese umsetzt. Das gab es nicht mehr. Trotzdem gab es noch Innovationen beispielsweise im Spieldesign. So sind die Seil-Spielplätze eher etwas Neueres. Es gab aber auch technische Entwicklungen, mithilfe derer man beispielsweise überhaupt diese hohen Seil-Installationen bauen kann. Die künstlerische Freiheit der Gestaltung hat aber gelitten, weil der Spielplatz den Normen genügen musste. Sicherheit war allerdings schon ein Thema, als es noch keine Regeln gab. Sie lag aber eher im Ermessen des Einzelnen. Oftmals war es ein Gang ins Unbekannte, weil die Erbauer nicht wussten, wie der Spielplatz genau genutzt wird. Viele gingen naiv an die Sache ran. So entstanden verrückte Sachen. Heute hingegen gibt es Experten, die in ihrem Feld durchaus innovativ sind. Sie sind aber weniger naiv und experimentieren deshalb weniger.

Deshalb interessieren sich die Architekten heute nicht mehr für das Thema Spielplatz.
Jein. Es gibt sicher einen Teil der Architekten, die es nur machen, wenn sie müssen. An den Architektur-Fakultäten spüre ich allerdings ein wachsendes Interesse am Thema. Es sind aber meist jüngere Architekten und vor allem Landschaftsarchitekten, die sich für einen spielerischen Bezug zum öffentlichen Raum interessieren. So gibt es durchaus neuere Beispiele wie Rozana Montiel aus Mexiko, Assemble aus England oder gar Alejandro Aravena, die sich dem Thema wieder angenommen haben. Sowieso stelle ich fest, dass das Interesse seitens der Architektur in letzter Zeit eher wieder zugenommen hat.

Das freie Spiel ist völlig unterbewertet.
Seit einigen Jahren steht das freie Spiel wieder im Zentrum der Forschung, besonders in Nordamerika. Man hat gemerkt, dass man es zu sehr eingeschränkt hat. Deshalb bekam es plötzlich wieder eine Aufwertung. Früher war es selbstverständlich und niemand hat diese Art von nicht-überwachtem Spiel benannt. Dann wurde das Spiel stark «instrumentalisiert» durch die Idee, dass man mittels Spiele etwas lernen kann. Doch als man in Amerika gemerkt hat, dass die Kinder nicht mehr so selbstständig sind, kein Risiko mehr eingehen und nicht mehr richtig kommunizieren können, kam es zur Kehrtwendung. Das freie Spiel wurde plötzlich wieder wichtig. Die Idee des freien Spiels wurde auch von Kindergärten stark übernommen. In Fachkreisen erkennt man sowieso die Wichtigkeit des freien Spiels, aber man hat wahrscheinlich Mühe, die Freiräume zu schaffen, wo freies Spiel tatsächlich stattfinden kann. Der Hintergedanken ist meist, dass man Kinder fördern will, was zu einer ständigen Überforderung und Überförderung der Kinder führt. Es ist aber schwierig, anhand von Fakten zu bewerten, ob das freie Spiel zu- oder abgenommen hat. Ich habe das Gefühl, dass man es in den letzten zehn Jahren eher wieder bewertet als in den Hochleistungsjahren um die Jahrtausendwende.

Alfred Ledermann Pro Juventute

Quelle: Baugeschichtliches Archiv/Ingeborg Heise

Alfred Ledermann, der langjährige Präsident der Pro Juventute, ist so etwas wie der Vater der Schweizer Robinsonspielplätze.

Die Skandinavier bauen die besseren Spielplätze.
Ja gut, sie hatten auch schon immer diesen Vorsprung, weil all die neuen Konzepte immer aus Skandinavien kamen. Der Staat hat das auch immer sehr stark gefördert. Ich war gerade kürzlich in Kopenhagen und Stockholm und habe sehr viel unterschiedliche Spielplätze gesehen, auch wenn die grossen Städte immer ein bisschen speziell sind. Normplätze gibt es trotzdem kaum. Man sieht einfach, dass es viele interessante Ansätze gibt, auch wenn Schweden in letzter Zeit zu kämpfen hatte. Das Spielplatz-Design ist im Norden sicher interessanter als in den südlichen Ländern.

Spielplätze sind nur etwas für Stadtkinder.
Am Anfang ging es darum, den Stadtkindern ein Stück Natur und einen Spielort zu geben. Landkinder haben das nie gebraucht. Es ist ein städtisches Thema. Wenn es keine Städte gäbe, gäbe es keine Spielplätze. Aber heute gibt es diesen Unterschied zwischen Stadt und Land nicht mehr so stark. Die Agglomeration ist auch Stadt, es ist sehr dicht, wenn auch ein bisschen weniger. Die Natur ist weg, trotzdem gibt es keine gestalteten Spielorte, die interessant wären.

Es gibt – in der Schweiz, aber auch international – zu wenig betreute Spielplätze.
Die betreuten Spielplätze sind vor allem die Robinsonspielplätze oder Abenteuerspielplätze. Im nördlichen Europa sind diese immer noch beliebt. In der Schweiz haben sich diese in den 50er und 60er-Jahren durchgesetzt und viele haben bis heute einen festen Platz im Angebot. Sie sind nie ganz verschwunden, obwohl sie zeitweise unbeliebt waren. In Basel findet man sechs solcher Spielplätze. Ausserdem gibt es andere betreute Angebote wie beispielsweise die Kindertankstellen, die an einigen Nachmittagen öffnen und so Sozialräume schaffen. In Deutschland und England konnten sich die Abenteuerspielplätze auch halten. Einige mussten jedoch aus Kostengründen schliessen. Diese Orte haben sicher einen Stellenwert, allerdings haben die Kinder mit den heutigen Tagesstrukturen nicht mehr so viel Freizeit. Sie sind sowieso den ganzen Tag in der Schule betreut. Schon zuvor wurden aber viele Robinsonspielplätze in unbetreute Spielplätze umgewandelt. Neue Abenteuerspielplätze werden kaum geschaffen, da sie viel Platz brauchen und dieser schlicht fehlt.

Die Schweiz hat ihre Vorreiterrolle bei den Spielplätzen seit dem Abdanken von Alfred Ledermann als Präsident der Pro Juventute verloren.
Ledermann war auf jeden Fall international gut vernetzt und hat auch einige Veranstaltungen organisiert, die international auf Interesse stiessen und Input geliefert haben. Das ist heute nicht mehr so. Heute wird das Thema stark von einigen Firmen dominiert. Für einige Städte gehört der Bau von Spielplätzen zum Standortmarketing, um bei jungen Familien zu punkten. Es gibt allerdings noch eine internationale Vernetzung wie beispielsweise die International Playground Association, Child Friendly Cities Initiative oder European Playworker Association, die teilweise auf Initiativen der 60er-Jahre zurückgehen.

Heutzutage sind Brachen, Fussballplätze und vielleicht neuerdings die Kinderbaustellen für Kinder interessanter als Spielplätze.
Ich glaube, es ist immer interessanter, wenn man so einen Ort hat. Aber Brachen gibt es heute auch nicht sonderlich viele. Das ist eher ein Glücksfall. Für Kinder sind sicher Spielstrassen sehr attraktiv, jedoch nur wenn es andere Kinder hat. So hat es beispielsweise beim Spielplatz unweit meines Wohnortes in Basel immer Kinder. So gesehen sind Spielplätze zumindest für eine bestimmte Altersgruppe nach wie vor sehr wichtig, auch wenn wir Erwachsenen uns oft abschätzig äussern. Ideal ist es natürlich, wenn sich Spielplätze mit anderen Orten wie Fussballfeldern ergänzen.

Die meisten Spielplätze sind zu flach.
Ja, leider. Denn ein Spielplatz sollte wirklich nicht flach sein. Eine gewisse Terrainform schafft Abwechslung und Bewegungsmöglichkeiten. Es ist aber aufwendiger, einen Hügel zu gestalten, weil er schnell kahl ist oder der Kies abrutscht.

Die Kinder werden beim Bau von Spielplätzen zu wenig einbezogen.
Gut, in der Schweiz gibt es die Kinderbüros, welche die Funktion der Partizipation von Kindern übernehmen. Es gibt immer wieder Bemühungen, die Kinder einzubeziehen, auch wenn diese oft rudimentär sind. Es wäre sicher spannender, wenn man die Kinder mehr einbeziehen könnte und zwar kontinuierlich. Das heisst, eben nicht nur einen Tag während der Planungsphase. Das wäre auch eine Lektion in Stadtplanung und in der Nutzung des öffentlichen Raums. Bei Schulen gibt es diese Bemühungen öfter, so beispielsweise in Basel mit der Drumrumschule. Aber natürlich muss dafür erstens die Schule sensibilisiert sein, und zweitens muss es einen Freiraum geben, den man gestalten kann.

Heutzutage wissen Kinder gar nicht mehr, wie man sich Räume aneignet.
Das glaube ich nicht. Wenn es Platz hat, sind Kinder sehr phantasievoll im Bespielen und Brauchen eines Platzes. In diese Richtung gehen auch die Bemühungen rund um die bespielbare Stadt. Statt das Spiel in abgezäunte Bereiche zu lenken, kann es sich überall und spontan entwickeln und belebt so die Stadt als Ganzes. Denn es gibt viele Verbotsräume, weil vieles so steril und durchgeplant ist.

«Lozziwurm» Ivan Pestalozzi Sonnhalde Adlikon

Quelle: Heidy Gantner

Der «Lozziwurm» des Schweizer Malers und Plastikers Ivan Pestalozzi gehörte in den 70ern zu den beliebtesten Spielplastiken in Schweizer Pärken, Wohnsiedlungen und Spielplätzen (im Bild die Siedlung Sonnhalde in Adlikon).

Den idealen Spielplatz gibt es gar nicht.
Es gibt Faktoren, die einen idealen Spielplatz ausmachen: die Vielseitigkeit, die Topographie, die Naturelemente, herausfordernde Elemente. Eigentlich ist es nicht so schwierig. Es muss auch nicht wahnsinnig verrückt sein. In Zürich hat die Stadt beispielsweise an der Limmatstrasse in der Nähe des Escher-Wyss-Platzes einen neuen Spielplatz gebaut mit einer wahnsinnig hohen Rutschbahn. Das sieht zwar verrückt aus, doch ich frage mich, ob das viel bringt. Da hat mir ein Spielplatz in Brugg mit vielen Naturelementen wie Kies, Sand und Wasser besser gefallen. Das ist auf Dauer interessanter für Kinder. Es gilt also nicht: je teurer, desto besser. Aber es gibt auch einen Nutzungsdruck. Wenn es beispielsweise ein innerstädtischer Spielplatz für viele Kinder ist, werden Naturelemente zu schnell zu stark abgenutzt. Dann braucht es mehr technische Geräte. Ein idealer Spielplatz muss sich daher dem Ort anpassen. Man muss darauf achten, wie viele Kinder es hat, wie alt die Kinder sind und was die Umgebung hergibt.

Die Zukunft des Spielplatzes sieht vor allem aufgrund der Dauerüberwachung der Eltern düster aus.
Man hört dies oft. Ich weiss aber nicht, wie schlimm es wirklich ist. Tatsache ist, dass die Eltern sehr präsent sind und mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen als früher, was nicht nur positiv ist. In der Schweiz haben wir den Vorteil, dass Kinder selber die Wege zurücklegen können – im Gegensatz zu Städten wie London. Man hilft sicherlich keinem Kind, wenn man ständig hinschaut und jeden Konflikt abfedern will, auch wenn es als Elternteil schmerzt, wenn das Kind eine frustrierende Situation erleben muss. Trotzdem müssen die Eltern dem Kind die Chance geben, die Situation selbst zu meistern und so Vertrauen in seine Fähigkeiten zu gewinnen.

Kinderspielplatz 50er und 60er

Quelle: Baugeschichtliches Archiv/Ingeborg Heise

Manchmal scheint es, dass in den 50er- und 60er-Jahren das freie Spiel mehr gefördert wurde als heute.

Robinsonspielplatz Zürich Wipkingen

Quelle: Baugeschichtliches Archiv/Ingeborg Heise

Der Robinsonspielplatz in Zürich Wipkingen sollte unter anderem die Kinder von der Strasse fernhalten. Deshalb machte gar der TCS dafür Werbung.

Die Geschichte des Spielplatzes

Robinspielplatz Heuried Zürich 1956

Quelle: Baugeschichtliches Archiv/Ingeborg Heise

Wer schon mal im neuen Schwimmbad im GZ Heuried in Zürich baden war, kann sich kaum vorstellen, dass es nach der Gründung des Robinspielplatzes 1956 mal so aussah.

Es gab zwar schon im Mittelalter Karussells auf Jahrmärkten und auch Spielgeräte wie Rutsche, Wippe oder Schaukel wurden wohl mehr als einmal erfunden. Dennoch kam die Idee des Spielplatzes erst Ende des 19. Jahrhunderts so richtig auf.

«Der Spielplatz ist ein Nebenprodukt der industrialisierten Stadt des 20. Jahrhunderts. Bis heute ist er hässliches Entlein und viel umworbener Platz zugleich», schreibt Gabriela Burkhalter dazu im Buch «The Playground Project» zur gleichnamigen Ausstellung. Denn mit dem Einsetzen der Industrialisierung wusste man insbesondere in den grösseren Städten der USA nicht mehr wohin mit den Kindern während der Arbeitszeit. Ausserdem wurde das Spielen auf der Strasse mit dem zunehmenden Verkehr immer gefährlicher. So entstanden im Laufe der Zeit in den industrialisierten Städten der USA, Englands und Deutschlands immer mehr Spielplätze. 

Spielplatzkonzepte aus Schweden, Dänemark und Holland

Ab den 1930er-Jahren kam es dann zu einem ersten Paradigmenwechsel. Die Reformpädagogik gewann immer mehr Anhänger. So beschrieb unter anderem der Schweizer Psychologe Jean Piaget, dass die Kindheit in der Entwicklung des Menschen ein entscheidender Moment ist. Wichtige Innovationen kamen aus Skandinavien, insbesondere was das Spiel mit natürlichen Materialien wie Sand, Wasser und Erde betrifft. «Aufbauend auf diesen Erkenntnissen und getragen von der Aufbruchstimmung in Kunst, Architektur und Landschaftsarchitektur, testeten Schweden, Dänemark und Holland in der Zwischen- und Nachkriegszeit neue Spielplatzkonzepte und gaben international die stärksten Impulse», schreibt Burkhalter. Immer mehr stand dabei das freie Spiel als Urbedürfnis des Kindes im Mittelpunkt. Infolgedessen entstand 1943 nach Idee des dänischen Landschaftsarchitekten Carl Theodor Sørensen mit dem «Skrammellegeplads» (Gerümpelspielplatz) in Emdrup bei Kopenhagen der erste Abenteuerspielplatz.

Dieses Konzept sollte auch die Schweizer Spielplatzlandschaft grundsätzlich verändern. Treiber dieser Entwicklung war vor allem Alfred Ledermann, der ab 1948 für die Pro Juventute arbeitete und dieser von 1958 bis 1979 als Präsident vorstand. Ursprünglich 1912 gegründet, um die Tuberkulose zu bekämpfen, übernahm die Pro Juventute fortan vielfältige soziale Aufgaben und widmete sich ab 1920 auch immer stärker den Freizeitangeboten für Jugendliche. Ledermann wollte die Familie als Bezugsort stärken und generationenübergreifende Angebote ermöglichen.

Erster Robinsonspielplatz der Schweiz

Deshalb schuf er zusammen mit dem Architekten Alfred Trachsel 1954 in Zürich Wipkingen mit dem Robinsonspielplatz den ersten Abenteuerspielplatz der Schweiz. Viele weitere in der ganzen Schweiz sollten folgen. Wenn auch heute viele davon nicht mehr bestehen, so gehen beispielsweise in Zürich zumindest die Gemeinschaftszentren Wipkingen und Heuried auf die Schaffung dieser Robinsonspielplätze durch die Pro Juventute zurück. 

Damit entsprach die Entwicklung in der Schweiz einer internationalen. Denn ab den 70er-Jahren kam es erneut zu einem Paradigmenwechsel. «Im Jahrzehnt der Selbstverwaltung und des Do it yourself, in den 60er-Jahren, glaubte man, dass Eltern, Kindern und Nachbarschaftsgruppen am besten selbst aktiv werden», schreibt Burkhalter. Man suchte vermehrt nach Wegen, die Kreativität und die Selbstbestimmung des Kindes zu fördern. «Der gemeinsame Nenner der heterogenen Bewegung war die Infragestellung von Autoritäten, so auch in der Gestaltung von Spielplätzen», so Burkhalter. Dies galt insbesondere für die USA, wo oft in Zusammenarbeit mit den künftigen Nutzern geplant und gebaut wurde.

In Europa hingegen herrschte Hochkonjunktur, und es war viel Geld «für neuartige Spielplatzkonzepte, für Kunst am Bau und die Gestaltung des öffentlichen Raums» vorhanden. So entstanden immer mehr Spielplätze, für deren Bau man mittlerweile vermehrt auf seriell gefertigte Spielgeräte zurückgreifen konnte. Doch auch wenn diese Projekte der öffentlichen Hand in Europa oft im Gegensatz zu den privat initiierten Lösungen in den USA standen, wurde auch hier viel über einen Spielplatz als selbstverwalteter Ort diskutiert, der eine Antithese zur einer «von Konsum und Technik beherrschten Umwelt» darstellen sollte.

Spielskulpturen wie der Lozziwurm

Bis in die 80er-Jahre widmeten sich immer wieder einzelne Architekten und Künstler dem Spielplatz, und es entstanden neue Spielskulpturen wie beispielsweise der Lozziwurm des Zürcher Künstlers Yvan Pestalozzi. «Zwischen 1949 und 1979 war der Spielplatz ein Ort im Umbruch und ein weit gefasstes Überlaufbecken für Ideen und Experimente aus Kunst, Architektur und Pädagogik. Mit dem Beginn der 80er-Jahre änderte sich die Situation jedoch grundlegend», so Burkhalter. Grund dafür waren vor allem die um sich greifenden Sicherheitsbedenken. So wurden 1976 in Deutschland erstmals die sicherheitstechnischen Anforderungen an Spielgeräte definiert. Doch auch sonst liessen die Eltern die Kinder kaum mehr frei spielen. «Der steigende Leistungsdruck ist für ein voll gefülltes Tagesprogramm der Kinder verantwortlich», so Burkhalter.

Trotzdem zeichnet sich laut Burkhalter seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine Wende ab. Denn vielen ist bewusst, dass Kinder mit Risiko und Natur aufwachsen müssen, um sich selbst gut einschätzen zu können.

Öffentliche Räume als «goldener Käfig»

«Eine Balance zu finden zwischen Sicherheitsnormen und kreativem Spiel, gehört daher zur grossen Herausforderung, der sich die Gartenbauämter heute zu stellen haben», schreibt Burkhalter. Auch würden sich wieder vermehrt Künstler und Architekten dem Thema Spielplatz widmen, was sehr zu begrüssen wäre. «Die hohen Sicherheitsstandards in der westlichen Welt haben aus unseren öffentlichen Räumen goldene Käfige gemacht. Aber die Geschichte des Spielplatzes lehrt uns, dass gerade Krisen neue Lösungen erzwingen», schreibt Burkhalter und gibt somit Hoffnung, dass das Thema Spielplatz nicht komplett eingeschlafen ist. (bre)

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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