Smart Suisse: Intelligente Baustellenlogistik gegen Verkehr?

Smart Suisse: Intelligente Baustellenlogistik gegen Verkehr?

Teaserbild-Quelle: Manuela Talenta

In Basel präsentierten die wichtigsten Schweizer Smart-City-Akteure ihre neusten Ideen und Projekte. Lösungen für die Baustellenlogistik durften dabei ebenfalls nicht fehlen. Trotz hoher Technologiedichte in der Schweiz wurde aber Kritik laut: Das Land sei ganz schön ins Hintertreffen geraten.

Auf Baustellen wird es schnell eng, wie etwa hier in Lachen SZ.
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Manuela Talenta

Auf Baustellen wird es schnell eng, wie etwa hier in Lachen SZ. Fehlt der Platz für ankommende Lastwagen, werden sie für ein paar Runden um den Block geschickt.

«Wir sind in der Schweiz sicher nicht die Schnellsten. Aber wir sind die Vertrauenswürdigsten», betonte Andreas Meyer, CEO der SBB, an der diesjährigen Smart-Suisse-Konferenz in Basel. Damit meinte er nicht etwa Marathonläufer oder Schwimmprofis. Die Rede ist von der digitalen Transformation, in der die Schweiz im internationalen Vergleich nicht gerade zu den Spitzenreitern gehört.

In der digitalisierten Welt, welche die Sammlung und Verarbeitung von immensen Datenmengen bedingt, ist aber auch Verlässlichkeit ein wichtiges Merkmal. «Kunden sind bereit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, jedoch nur, wenn mit ihnen vertrauenswürdig umgegangen wird», ist Meyer überzeugt. Hier ortet er eine Chance für die Schweiz, als Markt mit verlässlichen Partnern.

Nicht allen Referenten an der «Smart Suisse» war es ein Anliegen, die Kritik mit einem Lob zu verbinden: «Uns geht es zu gut. Das ist ein Fluch, denn der Leidensdruck fehlt», so Enrico Baumann, CEO von Elektron. Deshalb seien wir in der Digitalisierung etwa zehn Jahre im Rückstand.

Föderalistischer Nachzügler

Zwar trifft man in der Schweiz inzwischen fast überall auf irgendeine Art von Smart-City-Projekt. Dabei handelt es sich aber in aller Regel um Testläufe. «In den letzten fünf Jahren wurden viele Pilotprojekte in Angriff genommen», stellt Baumann fest. Das sei natürlich wichtig, Ideen sollen ja getestet werden. Doch nur in seltenen Fällen komme es schliesslich zu einem «Rollout». Ihm fehle am Ende die Aussage: «Gut, jetzt ziehen wir es durch.»

Baumann plädiert deshalb für mehr Entschlossenheit, gerade auch in den zwar schönen, aber in seinen Augen viel zu brav formulierten Smart-City-Strategien der Städte. «Meine Generation hat keine oder viel zu wenige Pain Points. Wir sind alle sehr verwöhnt. Aber unsere Kinder und deren Kinder werden es mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht mehr so leicht haben. Dann werden die Probleme Überhand nehmen.»

Es gebe viele «smarte» Leute in der Schweiz, doch es sei nun an der Zeit, zu den Taten zu schreiten. Das bedeutet für Baumann zum einen eine stärkere Zusammenarbeit, zum anderen aber auch, dass die Schweiz einen Marktplatz mit Rahmenbedingungen bietet, auf dem Firmen ihr Business verfolgen und weiterentwickeln können.

Kantone als Innovationslabors

Positivere Worte fand Benedikt Würth. Der St. Galler CVP-Regierungsrat, der in der Zwischenzeit als Nachfolger von Karin Keller-Sutter in den Ständerat gewählt wurde, sprach an der Smart Suisse in seiner Funktion als Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen: «Punkto Innovation und Wettbewerbsfähigkeit ist die Schweiz in allen Rankings gut positioniert.» Es habe sich gezeigt, dass insbesondere föderale Staaten in solchen Vergleichen gut abschneiden. «Das deutet darauf hin, dass gerade der wettbewerbsorientierte Föderalismus Innovationen fördert. Man könnte sagen: 26 Schweizer Kantone sind 26 Innovationlabs.» Doch auch Würth sieht deutlichen Handlungsbedarf: Trotz hoher Technologiedichte sei die Schweiz im Bereich der digitalen Transformationskompetenz im Rückstand.

«Woran liegt es, dass wir eigentlich die Technik und das Know-how haben, aber trotzdem eine Distanz zu den Besten besteht?», fragt Würth. Er liefert auch gleich eine mögliche Antwort: Er mache gewisse institutionelle Hürden in der föderalen Schweiz aus, etwa hemmend wirkende Zuständigkeiten und Kontrollmechanismen zwischen Bund, Kantonen, Städten, Gemeinden oder Departementen. «Möglicherweise haben wir für das Thema Digitalisierung ein bisschen viele Checks and Balances.» Er ist überzeugt davon, dass sich sowohl die Kantone miteinander als auch der Bund und die Kantone gemeinsam neu positionieren müssen – «wenn auch vielleicht zehn Jahre zu spät».

Logistik wird vernachlässigt

Weniger systemkritisch und insbesondere mehr auf der «Macherseite» präsentierten sich Unternehmen aus verschiedenen Branchen in den praxisorientierten «Sessions» der Smart-Suisse-Konferenz sowie an der begleitenden Ausstellung. Einmal mehr zeigte der Strategiekongress, dass die Ideen, wie man mit neuen Technologien die Lebensqualität in Städten ressourcenschonend sichern und verbessern könnte, nicht ausgehen.

Potenzial für mehr Nachhaltigkeit und Effizienz wurde etwa im Güterverkehr und der Logistik verortet. «Wo Waren sind, möchten diese auch verschoben werden», leitet Yves König, Leiter Smart Urban Logistics bei Post Logistics, ins Thema ein. Das veränderte Konsumverhalten – etwa durch den weiterhin rasant wachsenden Onlinehandel – beeinflusst den Gütertransport und das Verkehrsaufkommen, insbesondere in den ohnehin schon belasteten Städten. Deshalb befasst sich die Post mit der urbanen Logistik und testet neue Konzepte.

Im Bereich des Zulieferverkehrs in Städten spielt auch die Baustellenlogistik eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Die Post präsentierte an der Smart Suisse deshalb logistische Lösungen für Bauprojekte. «80 Prozent eines Baus bestehen aus Baulogistik», betonte Nick Weishaar, Branchenmanager bei Post Logistics. Trotzdem würden sich wohl nicht einmal zehn Prozent der Bauherren und Bauunternehmer mit diesem Thema beschäftigen, bedauert er.

Just-in-Time führt zu mehr Verkehr

Die Zeit ist einer der entscheidendsten Faktoren auf einer Baustelle. Maschinen, Material und Menschen müssen allesamt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. «Nur so kann der Baufortschritt gewährleistet werden. Das heisst: Materiallieferungen müssen dann erfolgen, wenn sie gebraucht werden», so Weishaar. Doch mit der wachsenden Komplexität der Bauten und der Tendenz zum Bau in die Höhe, schrumpfe der Platz auf der Baustelle. Das führt zu Just-in-Time-Anlieferungen und dadurch zu mehr Verkehr. Weishaar erklärt: «Kommt heute ein Lastwagen auf der Baustelle an, für den es nirgends einen Abstellplatz gibt, lässt man ihn ein paarmal im Quartier im Kreis fahren und alle 20 Minuten zurückkommen.»

Einerseits wünschen sich die Städte und ihre Bewohner weniger Verkehr, CO2-Ausstoss, Lärm und Stau. Doch andererseits sollen Neubauten so zeitnah wie möglich fertiggestellt werden. Kann die Baustellenlogistik mit modernen Lösungen optimiert werden, um diese sowohl für die Städte und Anwohner als auch für die Bauherren nachhaltiger und effizienter zu gestalten?

Mehr Planung, weniger Lastwagen

«Als erstes braucht es eine 360-Grad-Betrachtung der gesamten Baustelle. Wir müssen diese erst einmal verstehen», so Weishaar. Was wird gebaut? Wie gross wird das Gebäude? Wie viel Material wird gebraucht? Je moderner geplant wurde, umso besser: Die BIM-Modelle liefern viele der notwendigen Informationen. Daraufhin wird das Umfeld analysiert. Der öffentliche Verkehr, der Lieferverkehr, andere Baustellen, aber auch die Anwohner sind relevante Faktoren. All diese Informationen müssen schliesslich zusammengetragen werden, um ein Logistikkonzept zu erstellen.

Der beste Bauablauf bringt nichts, wenn die Logistik dahinter nicht funktioniert.

Nick Weishaar, Branchenmanager, Post Logistics
Nick Weishaar, Branchenmanager, Post Logistics

In einem Tool fassen Weishaar und seine Kollegen die digital vorhandenen Daten, beispielsweise Material-, Zeit- oder Aufwandlisten, zusammen. «So wissen wir am Ende ganz genau, welches Gewerk an welchem Tag wo sein muss. Hier kommen der Bauablauf und die Logistik also zusammen.» Denn der beste Bauablauf bringe nichts, wenn die Logistik dahinter nicht funktioniere, so Weishaar.

Doch wie sorgt das Logistikkonzept dann für mehr Nachhaltigkeit auf der Baustelle oder in der Stadt? Weishaar zeigt drei mögliche Massnahmen auf, um die CO2-Emissionen zu reduzieren und den Verkehr zu entlasten:

Warteraum: Lastwagen, die eine weite Strecke zurücklegen, können kaum eine exakte Ankunftszeit voraussagen. «Dann warten sie gewöhnlich einfach vor der Baustelle, wenn sie zu früh sind. Das möchten wir vermeiden und schicken sie dafür in einen vordefinierten Warteraum», erklärt Weishaar. Das Konzept sieht in diesem Fall einen Parkplatz, etwa ausserhalb der Stadt, als Wartezone vor.

Konsolidierungslager: «Diese Option lohnt sich vor allem für grosse Bauten in grossen Städten. Dann fährt niemand einfach in die Stadt rein.» Aufgrund der Planung sei genau festgelegt, wann welches Material auf der Baustelle gebraucht wird. Mit dem Konsolidierungslager und der Zusammenfassung der gerade benötigten Materialen in weniger Lastwagen kann also die Zahl der Fahrten zur und rund um die Baustelle reduziert werden. «Ich bin zwar kein Mathematikgenie, aber über eine längere Bauzeit rechnet sich das deutlich.»

Haltezonen: Eine weitere Möglichkeit sind Haltezonen auf oder direkt neben der Baustelle. «Wir haben teilweise Lieferrhythmen, die wir nicht beeinflussen können. Hier geht es lediglich darum, den Anlieferrhythmus auszugleichen.»

Alle drei Varianten sind zwar «analoge» Massnahmen, die grundsätzlich auch ohne ein intelligentes Logistikkonzept umsetzbar sind. Allerdings macht erst die ausgeklügelte Planung eine effizientere und schliesslich auch umweltschonendere Ausführung möglich: Insbesondere Schleichverkehr um die Baustelle, Lärm und falschparkende Lastwagen sollen damit vermieden werden, fasst Weishaar zusammen. «Ausserdem versuchen wir damit, tote Zeiten zwischen den Lieferungen abzuwenden.» Dadurch wird die Produktivität gesteigert.

Aufwand über Bauzeit betrachten

Post Logistics rechnet so mit einer Reduktion des CO2-Ausstosses um rund 15 bis 20 Prozent und sogar mit einem um 30 bis 40 Prozent gesenkten Aufwand. Mit dieser Vorgehensweise habe man am Anfang zwar natürlich einen grösseren Planungsaufwand in der Konzepterstellung, über fünf Jahre Bauzeit reduziere sich der Aufwand aber deutlich. «Und wenn ich den Arbeitsaufwand nur schon um 20 Prozent reduzieren kann, hat das einen Einfluss auf die Zeit, die Kosten und die Qualität», ist Weishaar überzeugt.

Die an der Smart Suisse präsentierten Projekte und Ideen – seien das Lösungen für 3-D-Stadtmodelle zur effizienteren Planung oder neueste Kollaborationen wichtiger Akteure – zeigen allesamt: Die Schweiz hat in ihrer digitalen Transformationsentwicklung den Reifegrad der Pilotprojekt-Ebene längst erreicht. Das «Erwachsenwerden» geht weiter. Ob an der nächsten Smart Suisse 2020 von mehr Rollouts und flächendeckenden Umsetzungen berichtet werden kann?

Autoren

Redaktorin Baublatt / ehemals Kommunalmagazin

Ihre Spezialgebiete sind Themen der Digitalisierung und Nachhaltigkeit sowie des sozialen Wandels.

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