08:02 KOMMUNAL

«Schlammhausen»: Die Plattenbau-Siedlung Grünau als Abenteuerspielplatz

Geschrieben von: Ben Kron (bk)
Teaserbild-Quelle: Harald Kirschner

Der Fotograf Harald Kirschner hat in den 1980er-Jahren den Alltag rund um die damals neu erstellte Plattenbau-Siedlung Grünau in Leipzig dokumentiert, die in der Bevölkerung einen wenig schmeichelhaften Spitznamen trug. Nun erschien darüber der Bildband «Abenteuer Platte», der vor allem das improvisierte Spielen der Kinder auf der ständigen, oft verschlammten Baustelle zeigt.

Grünau Leipzig Plattenbau DDR Abenteuerspielplatz Kinder

Quelle: Harald Kirschner

Halsbrecherisches Spielen auf dem vernachlässigten Aussengelände der Grünau in Leipzig. Für die Kinder damals ein grossartiger Abenteuerspielplatz, heute aus diversen Gründen unvorstellbar.

Wie war Ihre persönliche Situation im von Wohnungsnot geplagten Leipzig, bevor Sie nach Grünau zogen?

Harald Kirschner: In DDR-Zeiten war die Wohnungssituation prekär. Vor allem junge Familien hatten Mühe, etwas zu finden. In Leipzig gab es 30 000 Familien, die keine Wohnung hatten, also zur Untermiete, bei Eltern oder Schwiegereltern wohnten. Wir selber wohnten in einem Gewerberaum bis 1981 fünf Jahre lang mit unserem Sohn. Das war eigentlich illegal, wurde aber wegen der Notlage geduldet. Es war ein Laden mit zwei grossen Schaufenstern. Wir haben uns sozial wohl gefühlt, obwohl wir kein Bad hatten und nur eine provisorische Küche, Ofenheizung und Toilette im Hausflur.

Wie kamen Sie zu ihrer Plattenbau-Wohnung?

Als das zweite Kind unterwegs war, bemühten wir uns um eine Wohnung, über den Verband bildender Künstler, bei dem meine Frau und ich beide Mitglieder waren. Es gab ja keinen freien Wohnungsmarkt. Nachdem unser Antrag schon drei Jahre lief, erhielten wir Mitte 1981 eine Wohnung, waren aber erst enttäuscht, dass sich die Wohnung in Grünau in der Platte befand. Trotz einigen Bedenken zogen wir aber dann doch dorthin, weil damals eine Neubauwohnung mit einem Sechser im Lotto gleichzusetzen war. Immerhin hatten wir eine Atelierwohnung im 15. und 16. Stock – grosszügige 130 Quadratmeter für damals 200 Ostmark Miete.

Weshalb die Bedenken?

In Leipzig-Grünau herrschte damals eine chaotische Situation, die mit Unannehmlichkeiten, Problemen und Provisorien verbunden war. Grünau wurde «Schlammhausen» genannt, und vor jeder Wohnung standen die Gummistiefel. Das Ganze war eine Dauerbaustelle, auf der fortwährend neue Gebäude errichtet wurden. Das Quartier sollte am Ende ja 90 000 Menschen aufnehmen. Daneben wurde wegen der Mangelwirtschaft sehr vieles vereinfacht und eingespart. Wichtige Planungen im Bereich Kultur, Sport und Handel wurden gestrichen. Das Umfeld der Gebäude blieb über Jahre in diesem Zustand, und wir Bewohner haben selber Hand angelegt, Bäume gepflanzt und die Pflegearbeiten übernommen. Wir haben auch unsere grosse Wohnung selbst ausgemalt, weil es zu wenige Betriebe und Handwerker gab.

Wie gestaltete sich das Zusammenleben in der Platte?

Wir Bewohner waren uns ja alle gegenseitig fremd und versuchten deshalb, eine Gemeinschaft zu entwickeln und eine gute Nachbarschaft zu pflegen. Wir haben zum Beispiel Hausfeste und Kinderfeste veranstaltet, hatten einen Sportraum in unserem Haus. Wichtig waren für uns auch die Kirchgemeinden. Für mich und meine Familie war das Leben in diesen Gemeinden sehr wertvoll, weil man sich dort frei äussern konnte und dort kulturelles Leben stattfand, also Lesungen, Ausstellungen, Konzerte, Gespräche.

Grünau Leipzig Plattenbau DDR Dumper

Quelle: Harald Kirschner

Ein Dumper aus DDR-Produktion als Spielplatz: Die Kinder der Platte haben einfach alles in Besitz genommen und in ihre Spiele eingebaut.

In Ihrem Bildband «Abenteuer Platte» geht es vor allem um Kinder. Weshalb?

Grünau war damals ein unwahrscheinlich kinderreicher Stadtteil. So gab es nicht weniger als 26 Schulen und ähnlich viele Kindergärten im Quartier. Für diese Kinder waren die Baustellen damals toll. Die Kinder haben Eigeninitiative entwickelt und konnten und mussten ihre Phantasie in dieser Umgebung austoben. Sie wurden angeregt und ermutigt, kreativ immer wieder an ihre Grenzen zu gehen. Erstaunlich, was sie alles in Besitz genommen und wie sie damit gespielt haben.

Sicher sieht das Ganze nicht immer aus. Haben Sie sich als Eltern keine Sorgen gemacht?

Wir als Eltern waren damals unwahrscheinlich tolerant und wundern uns bis heute, dass wir das zugelassen haben. Aber das war die Zeit. Die Kinder haben unbeaufsichtigt gespielt, auch im Alter von vier, fünf, sechs Jahren gingen sie auf die Strasse und spielten und kamen wieder hoch, wenn es Zeit war. Das war damals ganz normal, und niemand hatte Angst, dass was passiert. Was aber sicher nicht ungefährlich war. Wir glaubten aber auch, dass es langsam besser werden würde und wir uns in einem sozialen Prozess befinden und das Ganze insgesamt lebensfreudiger wird.

Grünau Leipzig DDR Plattenbau Armierungsstahl

Quelle: Harald Kirschner

Liegengebliebener Armierungsstahl: Zugleich Spielzeug und Gegenstand mit erheblicher Verletzungsgefahr. Nach der Wiedervereinigung wurden die Gebäude saniert und auch die Umgebung nach und nach begrünt.

Wie sieht es rund um die Plattenbauten heute aus?

Die Umgebung ist inzwischen viel besser gepflegt, Grünau ist der grünste Stadtteil von Leipzig, es hat Geschäfte und Verbindungsstrassen, insgesamt eine positive Entwicklung. Doch ist das Spielen der Kinder ein ganz anderes. Es gibt kaum einheimische Kinder, die man draussen beim Spielen antrifft. Die sitzen vor allem vor ihrem Smartphone und klicken und ticken. Das Buch zeigt, wie damals gespielt wurde, und lässt einen Vergleich zu heute zu. Es sind Geschichten, Beobachtungen, keine gestellten Aufnahmen, sondern der Alltag in Grünau, wie die Kinder gespielt haben. Es ist Geschichte, und es sind auch Geschichten, das war mein Anliegen. Der Gegensatz zu heute ist ein Grund, weshalb «Abenteuer Platte» erschienen ist.

Wie ist der Zustand der Gebäude?

Die meisten Plattenbauten wurden umfassend erneuert. In den Punkthochhäusern, worin wir unsere Wohnung haben, wurde aber nur das Allernötigste gemacht, und es zogen vor allem sozial schwache Menschen ein, was zu einer ungesunden sozialen Gettoisierung führte. Das Ganze ist aber kein Migrationsproblem, obwohl viele Migranten hier wohnen, die meistens Kinder haben und die Spielplätze bevölkern. Und gerade diese Kinder sind es, welche die Spielplätze benutzen.

Es gibt also heute richtige Spielplätze.

Es gibt sogar einige Abenteuerspielplätze, wo sich die Kinder austoben können. Aber in der Regel sind die Spielplätze so angelegt, dass sie hundert Prozent sicher sind und nichts passieren kann. Aber auch entsprechend weniger spannend für die Kinder sind. Da könnte man sicherlich mehr draus machen.

Die Aufnahmen haben durchaus einen Aspekt der Kritik, in einem für seine Überwachung berüchtigten Staat. Konnten Sie sich als Fotograf ungestört bewegen?

Ich konnte relativ frei arbeiten, was Grünau betrifft. Natürlich gab es auch Schilder mit der Aufschrift «Fotografieren nur mit Erlaubnis des Generaldirektors des Wohnungsbaukombinates gestattet» – so hiess das damals. Ich hatte nie eine Genehmigung, hatte über zehn Jahre hinweg keine Schwierigkeiten, alles zu fotografieren. Eigentlich hätten die Bewohner von Grünau auch nicht auf die Strasse gehen dürfen, da dort permanent eine Baustelle war, die man weder betreten noch fotografieren sollte. Aber natürlich war dieses Verbot absurd.

Grünau Leipzig DDR Plattenbau Kabeltrommel

Quelle: Harald Kirschner

Eine Kabeltrommel als Kletterwand: Harald Kirschner konnte seine Grünau-Fotos zu DDR-Zeiten nur gerade in drei Ausstellungen zeigen. Nun liegt ein sehenswerter Bildband vor.

Welches waren damals die Reaktionen auf Ihre Bilder?

Es gab zu DDR-Zeiten kaum Gelegenheit, seine Bilder zu veröffentlichen. So konnte ich meine Grünau-Fotos nur in drei Ausstellungen zeigen. Die Bilder wurden im Allgemeinen sehr positiv aufgenommen, aber es gab auch kritische Meinungen. Zum Beispiel ist mir bekannt geworden, dass Wirtschaftsfunktionäre sich gefragt haben: «Sind das nicht unsere Kabeltrommeln, worauf das Kind spielt? Darf der das fotografieren?» Sie kamen also nicht auf die Frage, ob das in Ordnung ist, dass die Kabeltrommel da so ungesichert steht. Eine Publikation zu DDR-Zeiten hatte ich nicht gemacht, glaube auch, dass kein Verlag darauf eingegangen wäre.

Machen Sie heute noch Aufnahmen in der Platte?

Ich würde gerne weiter so fotografieren als Strassenfotograf, aber das darf man heute nicht mehr aus Gründen des Datenschutzes und des Rechts am eigenen Bild. Ich bräuchte eine schriftliche Bevollmächtigung von jedem einzelnen Kind, bevor ich ein Bild veröffentlichen dürfte. Wir werden wohl in Zukunft nicht wissen, wie man heute auf der Strasse lebt und was man alles macht. Da werden die Bilder fehlen, aber das geht allen Fotografen so.

Grünau Leipzig DDR Plattenbau «Schlammhausen»

Quelle: Harald Kirschner

Das neu gebaute Quartier Grünau, genannt «Schlammhausen», kurz nach seiner Fertigstellung. In der Plattenbau-Siedlung wohnten zu Spitzenzeiten rund 90 000 Menschen.

Den Schwerpunkt Ihrer Arbeit bildet die Sozialreportage. Wie kamen Sie dazu?

Gerade in der DDR musste man sich immer wieder mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen. Für mich war die Fotografie eine Ausdrucksweise solcher sozialer Themen, wie im Grund die Sozialreportage sozusagen das Markenzeichen der ostdeutschen künstlerischen Fotografie war. Wir befassten uns vor allem mit den Gegensätzen, sei es im Alltag oder im Betrieb. Die Themen Anspruch und Wirklichkeit lagen auf der Strasse, das wollten wir dokumentieren.

Erhielten Sie hierfür Aufträge vom Staat?

Nein, wir Fotografen machten dies fast immer im Eigenauftrag, ohne Auftrag eines Verlags oder einer Institution. Wir betrieben fast alle die freie Autorenfotografie.

Haben Sie Vorbilder?

Zwei: den französischen Fotograf Henri Cartier-Bresson und den Schweizer Robert Frank.

Weshalb kommt «Abenteuer Platte» gerade jetzt heraus?

Daran hat unter anderem die Pandemie Schuld. Man konnte ja nicht gross rausgehen, und deshalb habe ich mich mit meinem Archiv befasst und gemerkt, dass ich noch viele Sachen dabei habe, die ich für wichtig halte. So kam die Idee zu diesem Buch zustande.

Hinter der glatten Fassade des Plattenbaus zeigten sich durchaus Buntheit, Vitalität, Vielfalt und Individualismus.

Harald Kirschner, Fotograf

Was haben Sie zuletzt in Grünau fotografiert?

Um das Jahr 2000 ist die Bewohnerzahl von 90 000 auf 41 000 gesunken. Es standen also viele Häuser leer. Im Rahmen des Stadtumbaus wurden danach deshalb zirka 10 000 Wohnungen abgerissen, auch ein grosser Komplex von 550 Wohnungen mit dem Spitznamen «Eigernordwand». Zwei Wochen vor Abrissbeginn fotografierte ich rund 200 Wohnungen. Diese sogenannte Tatort-Fotografie thematisiert die Auseinandersetzung mit dem Vergangenen. Ich fotografierte die verlassenen Räume, an denen man Wichtiges ablesen konnte. Die Bewohner hatten sehr viel einfach zurückgelassen, Tapeten, Möbel, diverse Gegenstände. Ich fand sogar Scheidungsunterlagen. Dieses Zurückgelassene erzählt von den Bewohnern, womit sie sich befassten, was sie dachten, wovon sie träumten. Hinter der glatten Fassade des Plattenbaus zeigten sich also durchaus Buntheit, Vitalität, Vielfalt und Individualismus.

Harald Kirschner

Harald Kirschner wurde 1944 in Mecklenburg-Vorpommern geboren, machte in der damaligen DDR eine Fotografenlehre und studierte anschliessend Fotografie in Leipzig, wo er danach als Hochschullehrer tätig war. Seit 1981 ist er freischaffender Fotograf mit Schwerpunkt sozialdokumentarische Fotografie und Alltagsreportage. (bk)

www.harald-kirschner.de

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

Auch interessant

Anzeige

Dossier

Spannendes aus Print und Online für Abonnenten
© James Sullivan, unsplash

Spannendes aus Print und Online für Abonnenten

Dieses Dossier enthält die Artikel aus den letzten Baublatt-Ausgaben sowie Geschichten, die exklusiv auf baublatt.ch erscheinen. Dabei geht es unter anderem um die Baukonjunktur, neue Bauverfahren, Erkenntnisse aus der Forschung, aktuelle Bauprojekte oder um besonders interessante Baustellen.

Bauaufträge

Alle Bauaufträge

Newsletter abonnieren

Mit dem Baublatt-Newsletter erhalten Sie regelmässig relevante, unabhängige News zu aktuellen Themen der Baubranche.