Europa: Zentralismus löschte erste Grosssiedlungen aus

Teaserbild-Quelle: Umzeichnung René Ohlrau, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Universität Kiel
Das Ende vom Anfang der Städte

Als im heutigen Irak mit Ur oder Eridu die ersten Städte entstanden, gab es auch in Europa grossangelegte, urban anmutende Siedlungen mit bis zu 15‘000 Einwohnern. Sie verschwanden vor rund 3700 Jahren bereits wieder. Schuld war die Zentralisierung der Macht. Diesen Schluss zieht ein internationales Forscherteam in einer Studie.  

Quelle: 
Institut für Ur- und Frühgeschichte, Universität Kiel

Luftbild des 200 Hektar grossen Siedlungsareals der Tripolye Maidanetske in der Ukraine mit Grabungsflächen. Hier fand sich vor rund 6000 Jahren eine Siedlung von zwischen 5'000 bis 15'000 Menschen war auch in sozialer Hinsicht eine grosse Herausforderung.

Der sogenannte Fruchtbare Halbmond zieht sich vom Irak über den Norden von Syrien, den Libanon, Israel und Palästina bis nach Jordanien. Er gilt als Wiege der westlichen Zivilisation. Hier entstanden einige der ersten bekannten Städte: Die ältesten Überreste von Eridu im heutigen Irak sind bis zu 8000 Jahre alt, jene von Ur rund  6000 Jahre.

Derweil entstanden auch rund 3000 Kilometer nördlich grossangelegte Siedlungen: Auf dem Gebiet der Ukraine, von Moldawien und von Rumänien schuf die Tripolye-Kultur die grössten vorstädtischen Siedlungen Europas, sie hatten bis zu 15‘000 Einwohner und umfassten eine Fläche von bis zu 340 Hektaren. Im Gegensatz zu den Städten im Nahen Osten verschwanden sie vor rund 3700 Jahren bereits wieder von der Bildfläche.

Bislang war nicht klar, weshalb ihnen ein vergleichsweise kurzes Leben beschieden war. Ein deutsch-ukrainisches Wissenschaftlerteam hat nun im Rahmen einer Studie eine Antwort auf das schnelle Ende dieser vorstädtischen Gesellschaften gefunden. Die Forscher untersuchten dazu die Überreste von den teils einst weithin sichtbaren Versammlungshäusern. Von verschiedenen Bevölkerungsgruppen genutzt und unterhalten wurden unter ihrem Dach Entscheide gefällt, die die Gemeinschaft betrafen gefällt, aber auch rituelle Handlungen vollzogen.

Wenn Bauten die Verteilung der Macht widerspiegeln

„Während zu Beginn der Entwicklung der Grosssiedlungen mindestens drei unterschiedliche Grössenklassen dieser Versammlungshäuser bestehen, gibt es nach circa 300 Jahren nur noch die grössten von ihnen“, erklärt Robert Hoffmann vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Kiel, der an der Studie beteiligt war.  „Offensichtlich wurden die unteren und mittleren Entscheidungsebenen aufgrund innergesellschaftlicher Spannungen ausgeschaltet. Dies führt schliesslich zur Auflösung der Grosssiedlungen.“ Hoffmann und seine Kollegen schliessen aus dem Verschwinden der kleineren Versammlungshäuser, dass die Macht anfangs über die Gemeinschaft verteilt war und im Laufe der Zeit zentralisiert wurde.

„Die drastische Zentralisierung und der Wegfall demokratischer Entscheidungsstrukturen auf unterer und mittlerer Ebene waren der Hauptgrund für den Kollaps der Tripolye-Grosssiedlungen“, so Hoffmann. Andere Auslöser wie die Knappheit an Holz oder die Erschöpfung der Böden könne man ausschliessen. „Bis zu 10‘000 Menschen konnten nicht durch nur eine zentrale Institution gemanagt werden.“ (mai/mgt)

Quelle: 
Umzeichnung René Ohlrau, Institut für Ur- und Frühgeschichte, Univesität Kiel

Archäomagentischer Plan der Tripolye-Siedlung Maidanetske. Rund 3000 Häuser und zugehörige Gruben waren in konzentrischen Reihen um einen leeren Platz gruppiert und von einem Graben umgeben. Die Versammlungshäuser (schwarz) sind in regelmässigen Abständen an unterschiedlichen Stellen im öffentlichen Raum der Siedlung plaziert.