Kolumne zum Donnerstag: Weniger lesen ist mehr

Kolumne zum Donnerstag: Weniger lesen ist mehr

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In der Kolumne zum Donnerstag berichten Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute beschäftigt sich Benedikt Koch, Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands, mit der eingeschränkten Handlungsfreiheit für die Bauunternehmen.

Schreibmaschine, Schmuckbild.
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libertyslens, Flickr, CC

Schreibmaschine, Schmuckbild.

Das dickste Buch in meinem Bücherregal erstreckt sich über 3702 Seiten: der «Code du travail» mit all den Normen und Regeln des französischen Arbeitsrechts. Ein Beleg dafür, wie stark das arbeitsrechtliche Korsett die französischen KMU einschnürt. Wer den dicken Wälzer mit rotem Umschlag einmal durchgeblättert hat, weiss: Weniger lesen ist mehr.

Ein Zeichen für kurze Lektüren mit umso grösserem Mehrwert hat im November 2017 die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Baumeisterverbands gesetzt. Einstimmig hat sie ein neues Verbandsleitbild verabschiedet, das mit zwölf Seiten in jeder Hemd- und Hosentasche Platz hat. In kleinstmöglichster Form zeigt es, dass der SBV «für grösstmögliche Handlungsfreiheiten für die Bauunternehmen» einsteht.

In diesem Sinne haben wir uns lange vor dem Hitzesommer 2018 mit einer Vorschrift beschäftigt, die unsere Strassenbauequipen in letzter Zeit ins Schwitzen gebracht hat: der Norm SN 640 710 «Warnkleidungen bei Arbeiten im öffentlichen Raum», welche Arbeiter im Strassenbereich ohne Ausnahmen zum Tragen langer Hosen verpflichtete. Im selben Monat, in dem wir unser Leitbild verabschiedet haben, haben wir den Verband für Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) zur Überarbeitung der umfassenden «Lange-Hosen-Pflicht» aufgefordert.

Mit Erfolg: Als Anfang Juli der Hitzesommer einsetzte, teilte uns der VSS auf einer halben A4-Seite knapp und verständlich mit: «Der Vorstand des VSS hat entschieden, die Norm SN 640 710 zurückzuziehen ...» Seither entscheidet man im Strassenbau wieder vor Ort aufgrund der konkreten Gefahrensituation, ob die Arbeiten in kurzen oder langen Hosen ausgeführt werden sollen.

Unser Engagement für grösstmögliche Handlungsfreiheit geht bei den Verhandlungen über den neuen LMV weiter. Wir wollen mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten schaffen – mit einem Modell mit Minder- und Mehrstunden, in dessen Rahmen vorübergehend 100 Minusstunden ebenso erlaubt sind wie 200 Mehrstunden. Mit einem solchen modernen Arbeitszeitmodell sollen die Bauarbeiter pro Jahr nicht länger arbeiten, jedoch dann, wenn Kundenbedürfnisse und Auftragslage dies erfordern. Auf diese Weise kann erfahrungsreiches Stammpersonal in einer Ganzjahresanstellung gehalten werden.

Allen, die bei mehr Flexibilität mehr Aufwand befürchten, empfehle ich, sich an die Worte des irischen Dramatikers und Politikers George Bernard Shaw zu erinnern: «Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten», hat Shaw gesagt. Nehmen wir uns diesen Ratschlag zu Herzen und nehmen wir als Unternehmer unsere Verantwortung wahr, mit gewonnenen Freiheiten vernünftig umzugehen, statt uns von ihnen zu fürchten.

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Benedikt Koch ist Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.
Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.

Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.