Kolumne zum Donnerstag: Ich weiss nicht, warum ich in die Schule muss!

Kolumne zum Donnerstag: Ich weiss nicht, warum ich in die Schule muss!

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Teaserbild-Quelle: libertyslens, Flickr, CC

In der Kolumne zum Donnerstag berichten Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute beschäftigt sich Benedikt Koch, Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands (SBV), mit der Vermittlung digitaler Fachkompetenzen.

Seit dem letzten Software-Update gibt es beim iPhone eine neue Funktion: Bildschirmzeit. Letzte Woche benutzte ich das Handy durchschnittlich 1 Stunde und 52 Minuten – pro Tag. Erschreckend viel! Ok, ich war oft ausser Haus. Ein entsprechend grosser Anteil davon entfiel auf die Kategorie «Mail». Auf Platz 2 schafften es die Newsportale, auf Platz 3 WhatsApp. Das zeigt, wie die digitalen Medien unseren Alltag bestimmen. News werden nicht mehr Zeitungen entnommen, sondern vor allem mit News-Apps abgerufen. Und wer topaktuell auf dem Laufenden sein will, hat diverse Push-Nachrichten aktiviert.

Ein beliebter Kanal ist YouTube. Beim Videoportal stehen nicht Aktualitäten, sondern Selbstdarstellung und Unterhaltung im Vordergrund. Vor Kurzem entdeckte ich zufällig ein Video über einen Buben, der beim Hausaufgaben machen voller Überzeugung zu seinem Vater sagt: «Ich weiss nicht, warum ich in die Schule muss! Ich möchte Bauarbeiter werden. Da muss man nicht schreiben können. Ich fahre nur mit Fahrzeugen.» Der Vater: «Aber du musst doch rechnen und gucken können, wie hoch die Mauer und wie tief das Loch sein muss. Das muss man alles berechnen.» Der Junge: «Ach, ich bin doch nicht der Bauchef, ich fahr doch nur einen Bagger».

Darauf der Vater: «Aber wenn du den Führerschein machen willst, musst du lesen können. Da muss man den Bremsweg ausrechnen, und du musst berechnen können, wie schwer ein LKW beladen werden darf.» Der Bub denkt nach, zögert, stöhnt und schreibt dann doch weiter an seinen Hausaufgaben – mit Bleistift auf Papier. Das Video wurde bereits über 30 000 Mal angeschaut. Newswert gering – Unterhaltungswert gross.

Kinder und Jugendliche sind es gewohnt, mit digitalen Medien umzugehen. Nutzen wir ihr Know-how auch auf der Baustelle. Unsere Aufgabe als Verband ist es, unsere Aus- und Weiterbildungen so zu modernisieren, dass digitale Fachkompetenzen mindestens so umfassend vermittelt werden wie traditionelle Arbeitstechniken. So soll die BIM-Software auf dem Bau bald ebenso vertraut sein wie die Maurerkelle. Gleiches gilt für Tablets, Drohnen und sonstige digitale Arbeitsgeräte.

Weil die Digitalisierung der Bauwirtschaft aber nicht nur eine Frage von neuen Technologien ist, sondern auch neue Prozesse, Arbeitsweisen und Geschwindigkeiten beinhaltet, ist die Förderung der digitalen Kompetenzentwicklung nur einer der sechs zentralen Punkte im Digitalisierungskonzept des SBV, das «Baumeister 5.0» heisst. Damit unsere Branche optimal auf die Digitalisierung ausgerichtet ist, braucht es ebenso Engagement in den Bereichen Produktivität, Innovation, Transformation, Nachhaltigkeit sowie bei den Rahmenbedingungen.

«Baumeister 5.0» ist für das Digitalisierungskonzept eine treffende Bezeichnung, soll es doch Ansporn dafür sein, dass sich Bauunternehmer wie die Kinder und Jugendlichen auf die Chancen und Herausforderungen der digitalen Welt einlassen – weit über iPhone, News-Apps und YouTube hinaus.

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Benedikt Koch ist Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.
Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.

Direktor des Schweizerischen Baumeisterverbands.