Campus Galli: Hier wird der St. Galler Klosterbezirk nachgebaut

Campus Galli: Hier wird der St. Galler Klosterbezirk nachgebaut

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: Stefan Breitenmoser
Nachbau eines Klosterbezirks

Im badischen Messkirch wird seit 2013 mit mittelalterlichen Baumethoden der St. Galler Klosterbezirk nachgebaut. Dabei lernen die Macher des Campus Galli viel über die damaligen Bauverfahren. Eine erste Kirche aus Holz steht bereits.

Der Campus Galli im badischen Messkirch unweit des Bodensees ist ein waghalsiges Projekt. Denn es ist ein Projekt, das eigentlich vor 1200 Jahren begann. Ziel ist es, anhand des St. Galler Klosterplans, den Mönche 830 vor Christus auf der Insel Reichenau gezeichnet haben, ein mittelalterliches Kloster mit einer grossen Abteikirche, Wohnräumen, Werkstätten, Stallungen und Gärten zu bauen.

Die Idee dazu hatte Bert Geurten, der Mitte dieses Jahres verstorben ist. Vor seinem Tod erzählte er Interessierten aber gerne die Geschichte, wie ihn Mitte der 60er-Jahre der in der Stiftsbibliothek liegende St. Galler Klosterplan, notabene die älteste überlieferte Architekturzeichnung des Abendlandes, so in seinen Bann gezogen hatte, dass er fortan davon träumte, diesen in die Realität umzusetzen.

Als Geurten dann eine Dokumentation über den Burgenbau von Guédelon im Burgund sah, wo ebenfalls mit mittelalterlichen Baumethoden und purer Manneskraft eine Burg gebaut wird, war für ihn klar, dass nun die Zeit für den «Campus Galli» gekommen sei. Also rief er seine ehemalige Sekretärin und gute Freundin Verena Scondo an und erzählte ihr von seiner Idee. Zusammen machten sie sich dann auf die Suche nach einem geeigneten Ort, was natürlich nicht ganz einfach war. 49 Mal hörten die Schweizerin Scondo und Geurten das Wort «Nein», bis sie schliesslich 2010 in Messkirch bei Bürgermeister Arne Zwick erfolgreich waren. «Geurten und Scondo haben lange gesucht. Denn das Problem war auch, dass eine grosse Stadt zwar das Geld aber nicht die Fläche hat für ein solches Projekt. Bei kleinen Gemeinden war es genau umgekehrt», erklärt Hannes Napierala, Geschäftsführer des Campus Galli. In Messkirch fanden sie dann den optimalen Partner. Denn Stadt und Umgebung sind zwar schön, aber nicht so schön, dass Millionen Touristen die Gegend aufsuchen. Sollte das Projekt funktionieren, wäre es für die Umgebung also die Eintrittskarte in die Zukunft, muss sich der Bürgermeister gedacht haben. 

Materialien vor Ort

Heute, fünf Jahre nach der Eröffnung, kann konstatiert werden, dass es funktioniert. Zwar liegen die Besucherzahlen immer noch unter den gewünschten 100 000 pro Jahr, doch steigen sie Jahr für Jahr und liegen mittlerweile bei rund 90 000 pro Saison, die von April bis November dauert. «Es verlief nicht alles gradlinig», meint Napierala. Doch zum Glück seien im ersten Jahr nicht schon die von Geurten prognostizierten 200 000 Besucher gekommen. Denn darauf wäre man gar nicht vorbereitet gewesen. Sanitäre Anlagen gab es damals beispielsweise noch nicht. Abgesehen davon wächst der Campus Galli nur langsam. Zu sehen gab es anfangs nicht viel.

Heute ist das anders. An jeder Ecke wird gewerkelt und gebaut. Auf einem Rundgang über den Campus können Besucher so Schreinern, Korbflechtern, Töpfern, Schmieden, Schindelmachern, Drechslern, Webern, Steinmetzen, Seilern und Färbern bei der Arbeit zu sehen. Denn auf dem Campus wird alles selbst gemacht. Das bedeutet, dass der Schmied zuerst das Werkzeug herstellen muss, bevor sich beispielsweise die Zimmermänner überhaupt an die Arbeit machen können. Und natürlich wird der Wald, in welchem der Campus Galli steht, zusehends lichter. Auch der Lehm für die Töpfe wird vor Ort gewonnen, das Erz kommt aus der Gegend und natürlich gibt es einen Kräutergarten, Äcker und Tiere.

Insgesamt 45 Angestellte hat der Campus Galli. 25 davon bilden das Baustellen-Team und sind grösstenteils Fachmänner auf ihrem Gebiet. «Die Mitarbeiter müssen sich natürlich zuerst ins Mittelalter einarbeiten. Denn am Ende müssen sie Lösungen präsentieren, die historisch und praktisch funktionieren», erklärt Napierala. Zu den «Profis» kommen zehn Langzeit-Arbeitlose und rund 15 Freiwillige pro Tag. Denn jeder, der will, kann beim Campus Galli mitwirken. Die meisten Freiwilligen, darunter auch viele Schweizer, schätzen dabei vor allem die Entschleunigung. Schliesslich ging im Frühmittelalter nichts so schnell wie heute.

Von Holz zu Stein

«Das Frühmittelalter ist eine spannende Zeit. Denn in diese Zeit fällt auch der Übergang von Holz zu Stein und mit dem Stein wurden die Siedlungen permanenter. Denn sobald eine Kirche aus Stein steht, bleibt der Ort», erklärt Napierala, selbst ausgebildeter Archäologe. Diesen Übergang von Holz zu Stein will man auch im Campus Galli schaffen. Doch das dauert noch. «Zuerst bauen wir einen kleinen Konvent mit Siedlungen rundherum. Die nächste Phase ist dann die Abtei», so Napierala.

Erste Erfolge konnten bereits gefeiert werden, denn eine erste Kirche aus Holz steht schon. Am Glockenturm wird gerade gebaut, die Glocke dazu ist aber bereits gegossen, was viele Schaulustige anzog. Als nächstes steht der Bau der grossen Scheune an. Dafür wird zurzeit der Bauplatz vorbereitet. Das bedeutet, dass sämtliche Bäume gefällt und die Baustümpfe entfernt werden müssen. Diese Aufgabe ist ohne moderne Hilfsmittel gar nicht so einfach. Denn es dauert etwa zwei Wochen und benötigt etwa fünf Arbeiter, um einen Baumstumpf nur mit purer Manneskraft, Schaufeln und Sägen komplett aus dem Boden zu entfernen. Die Scheune soll trotzdem bis Ende 2020 stehen.

Darauf folgt das Nebengebäude des Abthauses. «Das wäre dann das erste abgeschlossene Gebäude in Stein», so Napierala. Geplant ist der Bau ab 2021 und sollte wohl zwei bis drei Jahre dauern. Doch so genau weiss man das nicht. Denn der Campus Galli ist auch ein Experimentierfeld und versteht sich als eine Art Mischung aus Freilichtmuseum und Forschungsprojekt.

Die grösste Schwierigkeit ist, dass wir einen mittelalterlichen Bau mit modernen Auflagen realisieren.

Hannes Napierala, Geschäftsführer Campus Galli
Hannes Napierala, Geschäftsführer Campus Galli

Lernen vom Alltag

Zurzeit ist man aber noch beim Holz. Das heisst, dass selbst die Nägel aus Holz sind und die Schreiner, Zimmermänner und Drechsler besondere Wichtigkeit geniessen. «Ein Archäologe muss sich immer bewusst sein, dass unsere Sicht der Geschichte immer eine Interpretation ist. Oftmals sagt unser Geschichtsbild mehr über uns aus als über unsere Geschichte», meint Napierala. Trotzdem wird natürlich versucht, anhand von Quellen ein möglichst plausibles Bild zu schaffen. Doch manchmal fehlen diese schlicht und einfach wie beispielsweise bei den Chorschranken der Holzkirche. «Es gibt zwar Überreste von hölzernen Chorschranken, doch wirkliche archäologische Befunde gibt es nur aus Stein. Als wir dann aber die Chorschranken aus Holz erstellt haben, haben wir festgestellt, dass man bei den steinernen Chorschranken von der Holzkonstruktion gelernt haben muss», so Napierala. Insofern seien die steinernen Chorschranken eine Art Imitat ihrer hölzernen Vorgänger. 

«Manchmal müssen wir auch etwas rekonstruieren, das archäologisch gar nicht nachgewiesen ist.» Doch genau in diesem Prozess lerne man viel – insbesondere über den Alltag. So habe beispielsweise der Töpfer, der selbst Archäologe ist, bei der Arbeit herausgefunden, dass die oftmals bereits als Ornamente wahrgenommenen Striche auf antiken Töpfen eher der Praxis als der Dekoration geschuldet sind, da man im Arbeitsalltag als Töpfer öfters mal Schnüre braucht, die dann ihre Spuren hinterlassen.

«Beim Handwerk sind wir ziemlich akkurat», meint deshalb Napierala. «Wo wir hingegen am meisten von der damaligen Realität weg sind, ist beim Aussehen der Leute.» Schliesslich hätten die Menschen im Frühmittelalter oft wüste Krankheiten im Gesicht gehabt. Ausserdem wohnen die Mitarbeiter nicht auf dem Campus und erscheinen deshalb morgens frisch geduscht. «Bei der Kleidung probieren wir hingegen möglichst nahe dranzukommen. Doch ganz genau weiss man das nicht», so Napierala. Und natürlich gab es im Frühmittelalter noch eine andere Trennung zwischen den Geschlechtern, die für den Campus nicht gilt. Deshalb sieht man auch mal eine Frau, die einen Holzstamm zerlegt.

Alter Bau, moderne Auflagen

Es ist also auch ein bisschen Learning by Doing, selbst wenn die Bauforscher versuchen, alles möglichst echt abzubilden. Doch manchmal scheitern sie schlicht an der Realität. So sei man beispielsweise beim Aufrichten der Wände für die Kirche an die Grenzen gestossen. Denn man habe gemerkt, dass 15 Leute und Aufrichte-Schwalben dafür nicht ausreichen. Also habe man überlegt, ob es vielleicht mit einer Art Hebel gehe und Verschiedenes ausprobiert. Trotzdem habe es nicht funktioniert. Also habe man einen Aufruf gemacht, es anderntags mit 30 Leuten versucht und im Nu seien die Wände gestanden. «Sowieso haben wir immer wieder praktische Schwierigkeiten im Umgang mit grossen Lasten», sagt Napierala. So sei auch das Auflegen der 500 Kilogramm schweren Altarplatte, welche zart auf dem Mörtelbett plaziert werden musste, nicht ganz einfach gewesen. Denn erstens seien die Leute schlicht nicht durch die Türe gekommen, weshalb man eine Wand der Kirche offen lassen musste. Und zweitens habe es abermals viele Leute für den Transport gebraucht.

«Die grösste Schwierigkeit sind aber sicher die behördlichen Auflagen. Daran sind wir öfters fast gescheitert. Denn schliesslich realisieren wir hier einen mittelalterlichen Bau mit heutigen Vorschriften an Brandschutz et cetera», sagt Napierala. So gesehen sind beim Campus Galli nicht nur historische Quellen sondern immer wieder Improvisationstalent gefragt. Das kommt in der Mittelalterszene nicht bei allen gut an. So hat sich beispielsweise der österreichische Blogger und selbsternannte Wanderer zwischen Antike und Mittelalter «Hiltibold» regelrecht auf den Campus eingeschossen und bezeichnet ihn gerne mal als «verkapptes Disneyland».

Bildung transportieren

Diese Kritik ist übertrieben. Denn wer in der heutigen Zeit den St. Galler Klosterplan 1200 Jahre nach seiner Schöpfung zum ersten Mal in die Realität umsetzen will, muss natürlich an der einen oder anderen Stelle Abstriche machen.

Ausserdem tut der Campus Galli viel für die Bildung. Immer wieder sieht man Schulklassen über das Gelände schlendern. Dabei dürfen sie natürlich auch Hand anlegen und beispielsweise selbst einen Baumstamm zerlegen oder Schindeln machen. Viele der Kinder haben sicherlich noch nie an einem antiken Webstuhl gestanden oder Schnüre geknüpft. Die Mitarbeiter nehmen sich aber nicht nur für Kinder Zeit und erklären gerne, was sie gerade tun. Sei dies der Drechsler, der gerade eine Säule fertigstellt, oder die Zimmermänner, welche die Wände für den Glockenturm vorbereiten.

Insofern lohnt sich ein Besuch des Campus Galli für die ganze Familie. Denn auch wenn sich der Gründer Bert Geurten in einem Anflug von Grössenwahn damit aufs Alter noch ein Denkmal setzen wollte, so scheint diese tollkühne Idee aufzugehen. Ob der St. Galler Klosterbezirk in 60 Jahren tatsächlich in Messkirch aus Stein stehen wird, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Denn es geht vor allem um den Prozess, das mittelalterliche Handwerk und Leben und den Übergang von Holz zu Stein. Und dabei gibt es noch eine Menge zu lernen – für Macher und Besucher des Campus Galli gleichermassen.

Weitere Informationen: www.campus-galli.de

Autoren

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.