«Rohrwerk»: Rohre als einzigartiges Musikinstrument

«Rohrwerk»: Rohre als einzigartiges Musikinstrument

Teaserbild-Quelle: Alexandra von Ascheraden

Was wirkt wie ein 45 Meter hoher Bleistift, ist eigentlich ein Instrument, das es so nirgendwo anders gibt. Es besteht aus allen erdenklichen Arten von Rohren und stellte seine Erbauer vor allerlei Herausforderungen.

Wenn Architekten und Musik von der Öffentlichkeit bemerkt zusammentreffen so meist wegen Schlagzeilen wie denjenigen, die die Elbphilharmonie in Hamburg durch ständige Kostensteigerungen und Bauverzögerungen zu Stande brachte. In Basel entstand aus dem Zusammenwirken von Architekten, Musikern und Komponisten jetzt etwas ganz eigenes.

Ein gigantisches Instrument, wie es noch keines je gegeben hat. Der «Raum aus Rohren», wie ihn Initiator und Komponist Beat Gysin bezeichnet, wird während des Festivals «Zeiträume Basel» im Innenhof des Kunstmuseums von Musikern bespielt. Er ist 45 Meter hoch und erinnert im ersten Moment an einen gigantischen Bleistift, den jemand auf die Spitze gestellt hat.

Rund ums Kunstmuseum in Basel ist seit Monaten Baustelle. Dort wird ein Parkhaus in den Untergrund gegraben. Der zusätzliche Kran, der seit dem Wochenende in einer Seitenstrasse steht, fällt da kaum auf. Erst wenn sie den Blick nach oben richten stutzen die Passanten: Vom Kran hängt eine Stoffröhre in den Innenhof des Kunstmuseums.

Sie gehört zum für kurze Zeit dort installierten Instrument «Rohrwerk. Fabrique sonore». Kern des Ganzen ist ein überdimensionaler, wie ein Kinderkreisel auf der Spitze stehender Sagex-Kegel. Er ist fünf Meter hoch und hat vier Meter Durchmesser. An ihm sind Musikinstrumente, Lautsprecher, Rohre und Membranen installiert. Die Macher bezeichnen das Objekt als eine Art «begehbare Orgel».

Das Instrument ist eine Schönwetterkonstruktion. Kommt Wind auf, muss der Kranführer die Röhre rasch herunter lassen. Beat Gysin: «Wir haben vorsichtshalber eine Standleitung zur Wetterwarnung des Basler Flughafens installiert. Ab Windböen von dreissig Kilometern pro Stunde wird es kritisch.»

Administrativer Hindernislauf

«Lange sah es aus, also ob die Baustelle am Kunstmuseum das Projekt verhindern würde. Wir haben im Scherz sogar über eine Guerillaaktion nachgedacht», räumt Bernhard Günther ein. «Heimlich», hätte sich ein solch grosses Objekt wohl kaum aufstellen lassen.

«Das Instrument benötigt wegen seiner Ausmasse einen 160-Tonnen-Kran. Entsprechend gewichtig waren die Abklärungen im Vorfeld», berichtet Bernard Günther weiter. Er ist Produktionsdramaturg von «Rohrwerk» und Intendant des Festivals «ZeitRäume Basel». In dessen Rahmen findet die Uraufführung der sechs speziell für das gigantische Instrument komponierten Stücke statt.

Das Baublatt durfte bei der Vorpremiere des noch turmlosen, dafür offen liegenden Instruments dabei sein, bevor es zum Museum transportiert wurde. Es war bis kurz vor dem Start nicht klar, ob alles klappen würde. Beat Gysin: «Erst eine Woche vor dem Termin, an dem wir das Instrument spätestens im Museum installieren mussten, hatten wir die schriftliche Zusage in der Hand. Das war schon etwas verrückt. Die mündliche hatten wir nämlich schon lange. Aber beim Amt hat man uns gesagt das handhabe man immer so.»

Bis das Instrument am Kunstmuseum stehen durfte war es ein langer Weg. Komponist Gysin machte erstmals allerlei Bekanntschaft mit Suva-Vorgaben, Bauvorschriften und den Finessen der Verwaltung: «Wir haben bei der Allmendverwaltung für Bauprojekte angefragt, ob wir das Instrument in den Innenhof des Museums stellen dürfen. Die meinte, sie sei nicht zuständig. Das sei ein Kunstprojekt, das behandle eine andere Abteilung.»

Nach viel Hin und Her kam ein typisch Schweizerischer Kompromiss heraus: «Rohrwerk» ist nun ein Bauprojekt, soweit es sich ausserhalb des Museumshofs befindet. Drinnen ist es dann ein Kunstprojekt.

Damit nicht genug. Gysin lernte auch, welchen Aufwand es bedeutet, einen Kran auf einer halbseitig gesperrten Strasse platzieren zu dürfen. «Verkehr korrekt leiten, Licht umspannen, Veloständer entfernen, Fussgänger umleiten, für Lärmschutz während der nächtlichen Arbeiten sorgen – mit all dem habe ich als Komponist ja sonst nichts zu schaffen. Aber wir konnten alle Auflagen erfüllen.»

Bernhard Günther ergänzt: «Das ist die Reibung mit der Realität. Da beginnt es für die Kunst richtig komplex, aber auch erst interessant zu werden. Extrem ungewöhnlich ist ja auch, dass die Musikerinnen und Musiker erst dann wirklich wissen werden, wie das neue Instrument klingt, wenn wir es im Innenhof installiert haben.» Die Akustik jeden Raumes habe einen einzigartigen Charakter. Da könne man vorher noch so viele Berechnungen anstellen.

Ausschnitt aus einem speziell für «Rohrwerk» komponierten Stück, das die Perkussionistinnen Anne Briset und Jeanne Larroutorou aufführen. Ihr eigens angefertigtes Instrument besteht aus Baustahl vom Recyclinghof.

Metallophon aus Recyclinghofmaterial

Spannend war auch die Entwicklung der verschiedenen Instrumente. Unter anderem gehören zwei Metallophone (siehe Video oben) und Chimes dazu. Beide bestehen aus Material, das Gysin und die Musiker bei Kindlimann und bei Thommen Recycling auf den jeweiligen Werksgeländen zusammensuchen durften.

«Wir sind dort mit dem Holzhammer übers Gelände und haben überall probiert, welche Töne die Röhren produzieren. Das hat die Arbeiter so amüsiert, dass einige geduldig mitgekommen sind, um sich das genauer anzuschauen», berichtet Gysin begeistert.

Gysin, auf dessen Idee das Ganze zurückgeht, hat «Rohrwerk» mit dem Genfer Architektenduo «Made In», und dem Bühnenbauer Peter Affentranger entwickelt. Sechs Komponisten haben Stücke dafür komponiert und fünf Musiker spielen die teilweise sehr eigenwilligen Instrumente, die nach ihren Vorstellungen entstanden, darunter eine am Kegel installierte Posaune mit sieben Ausgängen.

Die Zusammenarbeit zwischen Musikern und Architekten fand Gysin hochspannend. Es stellten sich Fragen wie: Soll der Pavillon funktional sein und der Musik dienen oder soll die architektonische Ästhetik überwiegen?

Gysin sagt abschliessend: «Es ging darum, Schnittstellen der Wahrnehmung aufzuspüren: Farbe, also gemalte und Klangfarbe, und Form, die es ja als architektonische und musikalische Form gibt. Dient nun die Architektur zur Präsentation der Musik oder eher als Musikinstrument?» Er liebt diese Art Auseinandersetzung. «Rohrwerk» ist bereits sein drittes Projekt dieser Art. Und vermutlich nicht das Letzte.

Konzerte in Basel bis 21.9., Termine unter www.zeitraeumebasel.com Biennale für Neue Musik und Architektur.

Weitere Aufführungen: 

EPFL Lausanne 28.4. - 2.5.2020
Zürich, im Kreuzgang des Münsters, 26.6. - 28.6.2020

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.