Abluftkamin Basel: Salamitaktik zur Beseitigung einer Planungsleiche

Abluftkamin Basel: Salamitaktik zur Beseitigung einer Planungsleiche

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Teaserbild-Quelle: Alexandra von Ascheraden
Abluftkamin kommt weg

Basels nutzlosester Turm wird nun doch abgerissen: Der 53 Meter hohe Abluftkamin der Nordtangente konnte die ihm zugedachte Funktion nie erfüllen und prägte doch 20 Jahre das Stadtbild mit. Ideen für Umnutzungen kamen zwar auf den Tisch, liessen sich wegen der Kosten aber nicht realisieren.

Totgesagte leben länger. Wenn das auch auf Bauwerke zutreffen könnte, so wäre der Abluftkamin der vielbefahrenen Nordtangente in Basel ein passender Kandidat. Schon als er vor 20 Jahren errichtet wurde, war er im Grunde genommen eine Planungsleiche, die bis vor Kurzem noch in den Himmel ragte. Denn schon während des Baus wurde klar, dass er vermutlich nie in Betrieb gehen würde. Aber da man in Basel ungern halbe Sachen macht, baute man ihn dennoch fertig. 20 Jahre später wurde er nun buchstäblich scheibchenweise abgetragen. Seine Lage in einem vielbefahrenen Verkehrsknotenpunkt liess keine andere Lösung zu.

Kamin für Abgase aus Tunnel

Die Nordtangente verbindet die Autobahnen A2 und die A35 nach Frankreich und sollte Basels Norden vor dem Verkehrsinfarkt retten. Der Abluftkamin hätte die Abgase aus dem zugehörigen Horburgtunnel wegführen sollen. Der 53 Meter hohe Turm kostete damals 3,5 Millionen Franken und trägt sein Scherflein bei zum Ruhm der Nordtangente als teuerster Strassenabschnitt der Schweiz. Deren 3,2 Kilometer lange Strecke hatten 50 Jahre Planungs- und Bauzeit benötigt und 1,5 Milliarden Franken verschlungen.

Tatsächlich ging der millionenteure Turm nie in Betrieb. Warum er dann überhaupt gebaut wurde? Das lässt sich nur aus der langen Baugeschichte der Nordtangente erklären. Daniel Hofer, Mediensprecher beim Tiefbauamt, erläutert: «Die Baubewilligung stammt von 1991. Der Turm war darin eine zwingende Auflage. Gebaut wurde im Auftrag des Bundesamts für Strassen dann erst 1997.» Und bis dahin hatte ihn die technische Entwicklung bereits überflüssig gemacht, denn in der Zwischenzeit hatten sich die Abgaswerte der Autos derart verbessert, dass er nicht mehr benötigt wurde. Der sogenannte Kolbeneffekt, bei dem die den Tunnel passierenden Fahrzeuge die Luft sozusagen vor sich herschieben, genügte zur Belüftung.

Der Abriss wurde dann auf «nur» 700 000 Franken kalkuliert. Diese werden, wie schon die Baukosten, zu zwei Dritteln vom Bund und einem Drittel vom Kanton Basel-Stadt getragen. Der Abriss erfolgte, um nicht eines Tages auch noch Sanierungskosten für das mittlerweile funktionslose Bauwerk aufbringen zu müssen. «Umnutzungen aller Art waren immer wieder von verschiedenen Gruppen ins Spiel gebracht worden», berichtet Peter Altherr, der von Seiten des Basler Tiefbauamts für den Abriss zuständig ist. Sie wurden jedoch nie spruchreif. Schon wegen der verkehrsintensiven Lage des Kamins und der fehlenden Zugänge. «Vor einer Nutzung hätte er zudem erdbebenertüchtigt werden müssen», so Altherr weiter. Nur schon unter diesen Umständen hätte sich keiner der Projektvorschläge, vom Quartierzentrum bis zum Restaurant, jemals gerechnet.

«Basels sinnlosestes Bauwerk»

Als der erstmals 2016 angekündigte und immer wieder verschobene Abriss näher rückte, titelte «20 Minuten» vollmundig: «Basels nutzlosestes Bauwerk wird abgerissen». «Sinnlos, nutzlos und endlich fällig» hatte ein Jahr zuvor schon barfi.ch einen entsprechenden Artikel überschrieben. Immer wieder waren Termine verschoben worden. Für Verzögerung hatten vor allem die Einsprachen eines Basler Architekten gesorgt, der das ästhetische Potenzial des Kamins sah. Gegenüber dem SRF etwa sagte er, der Turm sei nicht nur gut und ästhetisch gebaut, sondern er habe auch Potenzial. Besonders gut gefalle ihm die obere Partie, wo sich der Turm öffne. «Das ist wunderbar, wie eine Blume». Er hätte ihn gern unter Schutz gestellt gesehen. Das gelang ihm letztlich trotz allen Engagements nicht. Schliesslich konnte er den Abbruch nur verzögern, aber nicht verhindern. Als ein Jahr nach Antragstellung die Genehmigung zum Abriss vorlag, stand Altherr vor der nächsten Herausforderung: «Dieser Kamin ist schweizweit einmalig. Es gibt keinen zweiten, und entsprechend hatte auch niemand Erfahrung mit einem solchen Abriss. Das hat die Ausschreibung nicht einfach gemacht. Wir mussten sehr genau überlegen, was wir dort hineinschreiben.» Den Zuschlag bekam schliesslich die Eberhard AG. «Sie hat in Zürich am Nordring eine ganze Brücke auf ähnliche Weise abgebaut. Und sie war die einzige, die den Kamin von innen statt von aussen eingerüstet hatte. Das hat uns überzeugt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn an einer dem Verkehr so exponierten Stelle etwas vom Gerüst fiele», so Altherr abschliessend.

Innen eingerüstet

Dann steht der Abriss bevor, mehrere Wochen nimmt er in Anspruch. Anfangs ist von den Abbrucharbeiten wenig zu sehen. Denn die durchgehende Betonzwischenwand, die den Turm im Innern in zwei Kammern aufteilt, muss zuerst entfernt werden. Das erfordert auf der Innenseite des Kamins die Installation eines Gerüsts. Zwei extra eingezogene Zwischenböden dienen dabei als Standfläche für die Gerüste. «Das Einrüsten allein hat drei Wochen gedauert», berichtet Klaus Wassmer, Bauingenieur bei der Eberhard AG. In einer zweiten Phase gibt es auch für die Anwohner einiges zu sehen, denn der weitere Abriss muss in einer Art Salamitaktik scheibchenweise vor sich gehen: Tagsüber wird einmal horizontal rundherum gesägt, um einen Ring vom Kamin abzutrennen. Der Betonring wird dann nachts bei gesperrter Autobahnausfahrt von einem 500-Tonnen-Mobilkran – deren gibt es nur drei in der Schweiz – heruntergehoben.

Am nächsten Tag wird der auf diese Weise geborgene Ring jeweils mit dem Betonbeisser zerkleinert und abtransportiert. In mehreren Etappen schwindet der Kamin so Scheibe für Scheibe. Die extra angebrachten Löcher am Kamin lassen jeweils erahnen, wo die Ketten des Krans durchgeführt werden sollen, die den nächsten Ring sichern sollten. «Insgesamt werden fünf Abschnitte mit einem Gewicht zwischen 16 und 80 Tonnen abgetragen, die auf die Statik des Bauwerks und die Traglast des Mobilkrans abgestimmt sind», so Wassmer weiter. Dann wird das Gerüst auf die jeweils aktuelle Arbeitshöhe rückgebaut. Weiter unten werden die Schnitte dann von einer Hebebühne ausgeführt. Die vier schräg verlaufenden Stützfüsse des Kamins bilden nochmals eine spezielle Herausforderung, erklärt Wassmer. «Sie müssen mittels Spriessrahmen gegenseitig abgefangen werden, da sie durch ihre Schrägstellung erst ab einer Höhe von fünf Metern über der Fahrbahn freistehend sind.»

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.