Historische Hammerschmiede Seengen als Museum wieder in Betrieb

Historische Hammerschmiede Seengen als Museum wieder in Betrieb

Teaserbild-Quelle: Claudia Bertoldi
Hammerschmiede in Seengen AG

Seit Anfang Juni ist das schweizweit grösste noch erhaltene wasserbetriebene Hammerschmiedewerk wieder als Museum in Betrieb. Zahlreiche Freiwillige haben das Schmuckstück in Seengen AG vor dem Verfall bewahrt.

Geschäftiges Treiben herrscht in den letzten Maitagen auf dem Areal der Firma Sandmeier AG Landmachinen an der Bergstrasse in Seengen. Maler weisseln die obere Fassade des Werkstattgebäudes, das grosse Eingangstor zur darunter liegenden Werkstatt ist geöffnet. Hier werden die letzten Vorbereitungen für den Samstag getroffen. Dann präsentieren die Mitglieder des «Vereins Hammerschmiede Seengen» das Ergebnis ihrer vierjährigen Arbeit: das komplett sanierte Gebäude der historischen Hammerschmiede.

Tausende von Stunden haben die Freiwilligen eingesetzt, um das grösste noch erhaltene wasserbetriebene Hammerschmiedewerk der Schweiz wieder zum Laufen zu bringen. Nicht allein die Restaurierung der drei grossen und zwei kleineren Schwanzhämmer, des enormen Wellbaums und des Wasserrads mit einem Durchmesser von vier Metern erforderten Einsatz und Geduld, jedes einzelne Werkzeug der alten Schmiede wurde aufgearbeitet, gereinigt und poliert, sodass es scheint, als hätte die Schmiede der Vergangenheit gerade erst ihr Tagwerk niedergelegt.

Dies war auch das Ziel der Freiwilligen, die die Hammerschmiede als Zeugen historischen Handwerks erhalten wollten. «Nach dem Bruch des über 100 Jahre alten Wellbaums während einer Demonstration lag das untere Wasserrad und somit auch die Schmiede still», berichtet Vereinspräsident Jörg Leimgruber. Die Besitzer hatten die Schmiede noch gelegentlich für Schauvorführungen geöffnet, nun kam der Betrieb komplett zum Erliegen.

Dies bedeutet in vielen Fällen den Verfall der historischen Gebäude und Anlagen, denn eine Rekonstruktion und auch die weitere Erhaltung derartiger Gebäude sind nicht nur arbeitsintensiv, sondern auch sehr kostspielig. Private sind nur selten imstande, dies allein zu stemmen. Idealisten, die zupacken können, werden dann gebraucht. In Seengen gibt es viele davon.

Der alte Wellbaum war 2011 während einer Schauvorführung gebrochen. Der neue Eichenstamm kam aus Frankreich. Für die Hebebewegung der Hämmer sorgen sogenannte «Froschringe», die um den Wellbaum gelegt sind.
Quelle: 
Claudia Bertoldi

Der alte Wellbaum war 2011 während einer Schauvorführung gebrochen. Der neue Eichenstamm kam aus Frankreich. Für die Hebebewegung der Hämmer sorgen sogenannte «Froschringe», die um den Wellbaum gelegt sind. 

Zusätzliches Juwel im Ort

Der Hallwilersee ist vor allem durch seine schöne Lage und Natur bekannt. Das wussten schon die Herren von Halwyll, die sich am nördlichen Ende bereits im späten 12. Jahrhundert ihr idyllisches Wasserschloss errichten liessen. Nun ist die Region um eine Attraktion reicher: Die in aufwendiger Arbeit restaurierte Hammerschmiede ist der einzige noch existierende Gewerbebetrieb seiner Art im Kanton Aargau. Bereits vor mehr als 200 Jahren drehten sich hier die Wasserräder, die den Wellbaum für die Hämmer, den Blasebalg und weitere Werkzeuge in Bewegung setzten.

Damit dies auch weiterhin geschehen kann, trafen sich 2015 einsatzwillige Personen. Das Ziel war, zur Rettung und Sanierung des technisch und historisch wertvollen Juwels einen Verein zu gründen. «Wir haben damals mit einem Aushang das Projekt beworben und rechneten mit einigen, vielleicht 20 Interessierten. Es kamen über 40 Leute, viele von ihnen sind dabeigeblieben», berichtet Leimgruber. Der «Verein Hammerschmiede Seengen» wurde gegründet. Erfahrung mit der Erhaltung historischer Werkstätten gab es in Seengen bereits. Auch die weiter talwärts liegende Hufschmiede wurde vor einigen Jahren restauriert. Das Museum «Alte Schmitte» kann ebenfalls besichtigt werden.

Wasser als Antriebskraft

Die Werkstatt der Hammerschmiede liegt am Hang oberhalb des Dorfzentrums. Es ist der erste einer Reihe von Handwerksbetrieben entlang des Dorfbachs, die in den vergangenen Jahrhunderten mithilfe der Wasserkraft betrieben wurden. Wie Perlen aufgereiht, lagen die verschiedenen Werkstätten am Hang des Rietenbergs. So sind auf alten Karten die etwas bachabwärts gelegene Ölmühle, später Wagnerei und Stielfabrik, sowie eine mechanische Werkstätte eingezeichnet.

Im Frühjahr 1796 wurde die jetzige Hammerschmiede Büchli durch Johann Hegnauer von Seengen erbaut. 40 Jahre später wechselte der Besitzer, die Schmiede wurde bis 1861 durch die Gebrüder Aeschbach von Reinach betrieben. Dann übernahm Melchior Fuchs die Schmiede, die er 1874 seinem Sohn Jakob Fuchs übergab. Dieser fertigte in der Schmiede unter anderem Klöppel für Kirchenglocken. Dafür wurden die fünf schweren Hämmer eingebaut, die nach der Restaurierung wieder über Wasserrad und Wellbaum per Wasserkraft angetrieben werden.

Demonstration des Wasserrads in der Hammerschmiede bei Seengen AG. (Aufnahme: Claudia Bertoldi)

Ab 1874 wurde in der Werkstatt der legendäre Aargauer Pflug mit dem Holzgrendel, ab 1899 der erste Selbsthalter, auch «Fuchs-Pflug» genannt, gefertigt. Er fand in der gesamten Schweiz reissenden Absatz, sodass zu dieser Zeit bis zu zwölf Personen in der Schmiede beschäftigt waren. Bis in die 1880er-Jahre wurden auch Pferde beschlagen.

1916 übernahm Oskar Büchli die Werkstatt und vergrösserte durch seine guten Schmiedearbeiten den Kundenkreis. 16 Jahre später ging das Geschäft an seinem Neffen Otto Büchli über, der seine Lehre als Hammerschmied bei Jakob Fuchs absolviert und anschliessend Erfahrung in anderen Betrieben gesammelt hatte. Die Pflüge wurden mehr und mehr verbessert, die Geräte nach den neusten Techniken gefertigt. Seit 1984 gehört das Areal, auf dem sich die Hammerschiede befindet, zur Firma Rolf Sandmeier, die Landwirtschaftsfahrzeuge vertreibt und repariert.

Erst Wasserkraft und jetzt Forellen

Oberhalb der Hammerschmiede wurde der Bach in einer Senke in zwei künstlich angelegten Becken aufgestaut. Sie existieren heute noch und können über einen Abfluss die Wasserräder in Gang setzen. Der jetzige Besitzer hat den quadratischen Weihern noch eine weitere Verwendung gegeben. Hier gedeiht im frischen Quellwasser seine Forellenzucht.

Das Wasser vom oberen Weiher wird über einen Kanal auf das im oberen Balghaus eingebaute Wasserrad geleitet. Es treibt den grossen Blasbalg an der Decke an, mit dem das Feuer in der Werkstatt zum Lodern gebracht und das Eisen auf über 1000 Grad erhitzt werden kann. Angeschlossen sind auch die Drehbank, eine Bohrmaschine und der Schleifstein. Mit letzterem wurden die Pflüge geschärft.

 Bei der Renovation des Wasserrads wurde rund eine Tonne Kalk vom Rad abgeschlagen, der sich dort angelagert hatte.  

Jörg Leimgruber, Präsident des «Vereins Hammerschmiede Seengen».
Jörg Leimgruber, Präsident des «Vereins Hammerschmiede Seengen»

Vom unteren Weiher aus, der direkt ans Balghaus angrenzt, wird das zweite Wasserrad für das Hammerwerk angetrieben. Dieses Rad hat einen Durchmesser von vier Metern. Für die Inbetriebnahme der Schmiede wird der Wasser­schieber oberhalb des Gebäudes geöffnet. Mit einer Fallhöhe von 4.71 Metern wird eine mittlere Wasserkraft von 2,51 PS erzeugt.

Der Wasserdruck bringt das Wasserrad zum Drehen, dieses treibt wiederum den Wellbaum an. Werden die Sperren aus Holzbohlen unter den Stielen entfernt, beginnen die Hämmer zu schlagen. Nachdem der Wellbaum gebrochen war, musste das untere Wasserrad blockiert werden. Die Hämmer standen still.

Dies ist nun vorbei. Der «Verein Hammerschmiede Seengen» hat die Restaurierung der gesamten Anlage ermöglicht. Nachdem Freiwillige gefunden waren, ging es an die Sammlung von Spenden. Die Rettung der alten Hammerschmiede umfasste neben der Sanierung des Hammerwerks auch das komplette Werkstattgebäude, das Wasserrad, den Wellbaum sowie die vorhandene Schmiedeeinrichtung inklusive der Werkzeuge.

Vier Jahre für die Arbeiten

Der Blickpunkt der Werkstatt ist der enorme Wellbaum. Sein Vorgänger wurde 2016 gemeinsam mit dem Wasserrad ausgebaut. Wer die Grösse der beiden nicht selber gesehen hat, mag sich kaum vorstellen, mit welchem Aufwand allein diese Arbeit verbunden war. Mauerwerk musste teilweise abgetragen werden, um die Elemente mit dem Kran herauszuheben. Der alte Wellbaum wurde direkt auf dem Gelände zersägt. Teile des gut 8,5 Meter langen alten Eichenstamms sind jetzt als massiver Bartisch in die Werkstatt zurückgekehrt.

Das Wasserrad, das gut dreieinhalb Tonnen wiegt, wurde zunächst entkalkt. «Bei der Renovation des Wasserrads wurde rund eine Tonne Kalk vom Rad abgeschlagen, der sich über die Jahre dort angelagert hatte», sagt Leimgruber. Mit einem Spezial­transport wurde das Rad zur Reparatur in zwei Werkstätten transportiert. Dort wurde es sandgestrahlt und die Oberfläche neu beschichtet.

In der Zwischenzeit wurde das Mauerwerk der Werkstatt instandgesetzt, das Gebäude gesäubert und gestrichen, die Werkzeuge entrostet und geölt. Ein geeigneter Stamm einer 200-jährigen Eiche für den neuen Wellbaum fand sich in Frankreich. Er wurde in einer Werkstatt in Lauenen BE angefertigt und 2017 nach Seengen transportiert. Zuvor hatte man die alten Radlager-Blöcke in der Werkstatt und im Radhaus rückgebaut und dann nach dem provisorischen Einbau des Wellbaums neu betoniert.

Der erste Test ohne Hammerantrieb fand Mitte August 2017 statt. Danach erfolgten die Anpassung der Hämmer und die Montage des neuen, fünften Hammers durch Simon Oehrli und Christoph Friedrich. Die offizielle Inbetriebnahme mit Testlauf des gesamten Hammerwerks inklusive Wasserrad und Schwanzhämmer fand im April 2018 statt. Dabei zeigte sich, dass der Wellbaum nicht «rund lief». Diverse Versuche, den Wellbaum in einen ruhigen Lauf zu bringen, hatten erst im Frühjahr dieses Jahres den gewünschten Erfolg, als neue Lagerungen aus Metall und längsseitige Versteifungen des Wellbaums mit Metallstäben eingebaut wurden.

Finanzierung fast gedeckt

Die vielen Stunden, die die Freiwilligen mit Reinigen, Entrosten, Instandsetzen und Ölen zugebracht haben, sind kaum zählbar. Doch man sieht es dem schmucken Gebäude an, dass es mit viel Enthusiasmus, Liebe zum Detail und Sachkenntnis vollendet wurde. Nichts wurde dem Zufall überlassen.

Selbst ein funktionstüchtiges Modell der Hammerschmiedeanlage hat Schreiner und Vereinsmitglied Hans Gugerli in rund 400 Arbeitsstunden nachgebaut. Alle Details sind im Massstab 1 : 10 gefertigt. Anhand des Modells werden bei Vorführungen die Funktionsweise von Wasserrad, Wellbaum und der Schlagbewegungen der grossen Hämmer erklärt. Unterstützung erhielt der Verein auch seitens des Heimatschutzes und der Denkmalpflege.

Aufgrund des industriehistorischen Werts wurde die Hammerschmiede 2016 unter kantonalen Denkmalschutz gestellt, der Bundesschutz unterstreicht zudem die überregionale Bedeutung. «Die Sanierung stiess bei der Bevölkerung und in der Gemeinde auf grosses Interesse. Der Verein zählt heute gut 200 Mitglieder, die nicht nur finanzielle Unterstützung leisten, sondern tatkräftig mit angepackt haben», berichtet Leimgruber, der als ehemaliger CEO der Werkzeugfabrik Alesa AG Seengen auch über den fachlichen Hintergrund verfügt. Allein an sechs freiwilligen Arbeitstagen im Jahr 2016 leisteten über 150 Helfer 1200 Stunden freiwillige «Fronarbeit», wie Leimgruber schmunzelnd berichtet.

Doch die Mitgliederbeiträge reichten für die geplanten Sanierungs- und Instandsetzungskosten von 750 000 Franken längst nicht aus. Subventionen der Kantonalen Denkmalpflege, des Bundesamts für Kultur sowie der Gemeinde decken einen grossen Teil der Investitionen und werden von weiteren Sponsoren und den Eigenleistungen der Mitglieder ergänzt. Zudem hat die Gemeinde die weitere Unterstützung für den Demonstrationsbetrieb zugesichert.

Am 1. Juni wurde die restaurierte historische Hammerschmiede Seengen erstmals dem Publikum vorgestellt. Auf Anfrage werden Besichtigungen angeboten.
Quelle: 
Claudia Bertoldi

Am 1. Juni wurde die restaurierte historische Hammerschmiede Seengen erstmals dem Publikum vorgestellt. Auf Anfrage werden Besichtigungen angeboten.

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