Geduldsprobe Brexit: Der wandernde EU-Mittelpunkt

Geduldsprobe Brexit: Der wandernde EU-Mittelpunkt

Teaserbild-Quelle: Mf Dieter, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Der Brexit hält derzeit einige in Wartestellung, so auch die kleine fränkische Ortschaft Gadheim. Wird sie nun neuer geografischer Mittelpunkt der EU – oder doch nicht?

9°54'07" östlicher Länge und 49°50'35" nördlicher Breite: Hier liegt ein recht gewöhnlich wirkender Acker in Gadheim, einem Ortsteil von Veitshöchheim in Unterfranken (Bayern). Dem Acker könnte einst buchstäblich zentrale Bedeutung zukommen. Ob und wann aber, das liegt ganz in der Hand der zaudernden Briten. Treten sie aus der EU aus, dann würde an exakt diesen Koordinaten der neue geografische Mittelpunkt der EU liegen.

Diese werden seit mehr als dreissig Jahren mit absoluter Präzision vom französischen «institut national de l’information géographique et forestière» berechnet. Jedes Mal wenn die EU neue Mitglieder gewinnt, werfen die Franzosen ihre Software an. Vorsorglich haben sie wegen der Briten schon mal neu gerechnet. Entscheiden sich diese doch irgendwann für den Austritt, dann bekämen die Gadheimer einiges zu tun.

Es ist nämlich so: Im Moment liegt der EU-Mittelpunkt einige Dutzend Kilometer weiter westlich. Sollten sich die Briten doch entschliessen, der EU Lebewohl zu sagen, so würden die Einwohner des Örtchens Westerngrund ihre EU-Fahne einrollen, die im Moment in der Nähe eines einfachen Sandsteinquaders weht, der den aktuellen Mittelpunkt markiert. Auch hier war einst nur feuchte Wiese.

In Gadheim mit seinen 80 Einwohnern weiss man noch nicht so recht, wie man sich in seiner neuen Rolle als Mittelpunkt künftig ausstatten soll. Unternehmen die Gadheimer erst mal nichts und die Briten treten doch irgendwann aus, machen sie sich zum Gespött, weil sie das offenbar unvorbereitet trifft. Richten sie aber einen repräsentativen «Mittelpunkt» ein und die Briten überlegen es sich doch anders, ist das Gespött mindestens ebenso gross und sie stehen da wie der versetzte Liebhaber mit dem welkenden Bouquet in der Hand.

Sie können es nicht richtig machen und das ist ihnen durchaus bewusst. Also fahren sie im Moment eine Art Minimalkonzept und warten ab. Man hat jetzt erst einmal, mit möglichst viel Eigenleistung, einen kleinen Platz hergerichtet und einfach einen Fahnenmast samt Findling aufgestellt. Seitdem verharrt Gadheim in Wartestellung. Bis die Briten sich entschieden haben, darf Westerngrund seinen Status als Mittelpunkt der EU behalten. Es hat ihn auch noch nicht so lange. Erst seit dem 1. Juli 2013. Damals trat Kroatien der EU bei.

Von einer Stadt zur andern

Der EU-Mittelpunkt hat grosse Freude am Wandern. Mit jedem Zuwachs zur Gemeinschaft zieht er weiter. So war er seit 1995 bei Viroinval im Süden von Belgien. Ab 2004 kam im Zuge der EU-Osterweiterung Kleinmaischeid in der Nähe von Koblenz die Ehre für wenige Jahre zu. Der Ort leistete sich einen Gedenkstein mit Zirkel als Markierung. Dieser tat nur zwei Jahre lang seinen Dienst. Schon 2006, als Bulgarien und Rumänien dazukamen, wurde Meerholz, ein Stadtteil von Gelnhausen in Osthessen zum Mittelpunkt. Dort schufen sieben Künstler einen hohlen Körper aus rotem Sandstein, der mit Erde aus den damals 27 EU-Mitgliedsstaaten befüllt wurde. Dann sorgte 2013 Kroatien für den Umzug des Mittelpunkts nach Westerngrund bei Aschaffenburg in Bayern. Der Ort konnte seinen Status übrigens schon einmal verteidigen. Als kurz nach Kroatien das französische Überseedepartement Mayotte der EU beitrat, verschob sich der Mittelpunkt ebenfalls. Aber nur um 500 Meter.

Dort verweilt er nun, bis die Briten sich vielleicht irgendwann doch noch entscheiden. Jetzt mussten sie erst einmal ihre Vertreter im EU-Parlament wählen. Ohne dass diese wissen, für wie lange sie dort sitzen dürfen. Immerhin hat es der Ort auch ohne britischen Entscheid bereits zu einer gewissen Berühmtheit gebracht: So viel wie in den vergangenen Monaten war das Städtchen mit Sicherheit noch nie in den Medien.

Obwohl – man kann den Gadheimern eigentlich nicht vorwerfen, sie würden einfach nur abwarten und Tee trinken. Sie haben bereits 2017 für Theresa May ein wunderbar selbstironisches Video produziert, das erklärte, warum man es den Gadheimern nicht antun könne, womöglich doch in der EU zu bleiben.

Vor dem Brexit möchte man in Gadheim noch nicht zu viel Aufwand in den möglicherweise baldigen EU-Mittelpunkt stecken. Vorerst entschied man sich deshalb für einen kleinen Platz mit Findling.
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Mf Dieter, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Vor dem Brexit möchte man in Gadheim noch nicht zu viel Aufwand in den möglicherweise baldigen EU-Mittelpunkt stecken. Vorerst entschied man sich deshalb für einen kleinen Platz mit Findling.

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Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.