Waldfriedhof Skogskyrkogården: Kreislauf von Leben und Tod

Waldfriedhof Skogskyrkogården: Kreislauf von Leben und Tod

Teaserbild-Quelle: Hans Lindqvist, CC BY-SA 3.0
Unter allen Wipfeln ist Ruh'

Perfekt in die Landschaft eingepasste Gebäude und eine ausgesprochen naturnahe Gestaltung lassen einen schwedischen Waldfriedhof noch heute beispielhaft auf die Friedhofsgestaltung in Europa wirken. Ein Rundgang über den Skogskyrkogården bei Stockholm.

Ein äusserst schlicht gehaltener Waldfriedhof ist das vermutlich langwierigste architektonische Projekt, das im 20. Jahrhundert in Schweden in Angriff genommen wurde. 1915 wurde ein internationaler Wettbewerb dafür ausgeschrieben, die ersten Bauarbeiten starteten 1917. Fertig gestellt wurde das Projekt erst 1940. Die Weltwirtschaftskrise sorgte für Verzögerungen, sodass das Projekt bald nach dem Start redimensioniert und immer wieder angepasst werden musste. 

In den Archiven stapeln sich daher an die 10 000 Zeichnungen, die sich alle nur mit diesem einen Projekt befassen. Dass es derart viele sind, liegt nicht an den nötigen Änderungen allein, sondern auch an der perfektionistischen Veranlagung der beiden Architekten. Sie hatten, wie damals in Schweden üblich, nicht nur Architektur, sondern auch bildende Künste studiert und bis zu den Türklinken der Grabkapellen und den Laternen jede Einzelheit im Detail geplant.

Dass das Projekt erst nach fünfundzwanzig Jahren fertig wurde, war nicht abzusehen. Alles hatte eigentlich damit begonnen, dass die Stadt Stockholm 1912 die Idee entwickelte, ein 100 Hektar grosses, mit Koniferen überwachsenes Gelände samt einer aufgelassenen Kiesgrube zum Waldfriedhof umzugestalten. Den Architekten, die sich für die Umsetzung des Projekts bewerben wollten, wurden einige sehr ungewöhnliche Bedingungen gestellt. Der Friedhof sollte so weit wie möglich die natürliche Landschaft belassen. Nur wo absolut nötig durfte diese umgestaltet werden. Die Gebäude hatten sich in die Landschaft einzufügen. Der Friedhof sollte die Besucher den natürlichen Bezug von Leben und Tod spüren lassen. Alles in allem also ein radikales Konzept für eine Zeit, in der Friedhöfe im Stile englischer Landschaftsgärten üblich waren.

Die internationale Ausschreibung gewannen schliesslich zwei junge schwedische Architekten, die sich aus dem Studium kannten: Gunnar Erik Asplund (siehe Infobox «Der Perfektionist» unten) und Sigurd Lewerentz. Die Landschaftsarchitektur lag grossteils in den Händen von Lewerentz, Asplund kümmerte sich um die Gebäude. Es entstanden fünf über das Gelände verteilte Kapellen, wovon Lewerentz nur eine gestaltete. Am Schluss kam noch ein Krematorium dazu. 

Ihr ungewöhnliches Langzeitprojekt war derart gut durchdacht, dass der Skogskyrkogården 1994 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt wurde. Ausdrücklich auch deshalb, weil er die Friedhofsgestaltung in vielen Ländern stark beeinflusst hat. 

Das neue Krematorium von 2014: Johan Celsing nannte sein Projekt «Ein Stein im Wald».
Quelle: 
Alexandra von Ascheraden

Das neue Krematorium von 2014: Johan Celsing nannte sein Projekt «Ein Stein im Wald».

Die Waldkapelle aus Koniferen

Das erste Gebäude auf dem Gelände war die Waldkapelle von 1920. Im seinem anfänglichen Entwurf hatte Asplund noch einen 25 Meter langen Ziegelbau vorgeschlagen. Das gefiel jedoch der Friedhofsverwaltung nicht. So nutzte Asplund stattdessen Koniferen aus dem umgebenden Wald als Baumaterial und erstellte eine kleinere, schindelgedeckte Kapelle. Dafür nahm er sich heraus, einen gut gelaunten golden Engel des Todes über deren Eingang zu setzen, der die Besucher ausgesprochen fröhlich willkommen heisst. Das sorgte für vielfachen Unmut. Schlussendlich durfte der Engel aber bleiben. Daneben entstand ein gemauerter Keller, der zum Kühlhalten der Särge dient. Die Zeitschrift «Das Werk: Architektur und Kunst» würdigte im Jahr 1944 die Kapelle so: «Die sie umgebenden Stämme des Waldes geben das Grundthema an. Ähnlich wie sie wachsen die Pfeiler der Vorhalle ohne Sockel aus dem Boden und tragen das hohe Dach.»

Als zweites Gebäude errichtete Asplund zwischen 1923 und 1924 ein Servicegebäude für die Friedhofsangestellten, das heute als Besucherzentrum mit Café und Ausstellungsräumen dient. Noch immer ziehen sich entlang der Wände die Spinde für die Angestellten. Asplund plante das Gebäude als symmetrisch angelegten Pavillon mit vier pyramidenförmigen Kupferdächern. Inspiration dafür boten Gartenpavillons aus dem 18. Jahrhundert wie etwa Louis Jean Desprez mit seinen Kupferzelten im Hagapark für König Gustav III. nördlich von Stockholm.

Blick vom «Weg der sieben Brunnen» auf die Auferstehungskapelle, die 1925 nach Plänen von Sigurd Lewerentz in klassizistischer Tempelarchitektur fertiggestellt wurde. 
Quelle: 
Guillén Pérez CC BY-ND 2.0

Blick vom «Weg der sieben Brunnen» auf die Auferstehungskapelle, die 1925 nach Plänen von Sigurd Lewerentz in klassizistischer Tempelarchitektur fertiggestellt wurde. 

Widerwillig geostete Kapelle

Bald reichte die Waldkapelle für die Beerdigungen nicht mehr aus. So bekam Sigurd Lewerentz den Auftrag für die Auferstehungskapelle, die 1925 fertig gestellt wurde. Sie war sein erstes grösseres Werk und erinnert mit ihren mächtigen Säulen an klassizistische Tempelarchitektur. Die Kapelle ist komplett nach dem goldenen Schnitt ausgerichtet und opfert ihm alle klassischen Ansprüche an Proportionen für klassizistische Architektur. 

Sie befindet sich am Ende eines Weges, der strikt geradeaus durch den Wald führt und den die Trauerprozession entlang schreitet. Dazu muss man wissen, dass sich Lewerentz auch hier im Grunde an die Vorgaben hielt, möglichst wenig zu verändern. Der Weg existierte nämlich bereits vor der Anlage des Friedhofs. Die Koniferen waren ursprünglich als Bauholzplantage gepflanzt worden und der Weg diente als Feuerschneise. Dieser zur Kapelle führende «Weg der sieben Brunnen» sollte den ursprünglichen Plänen nach tatsächlich an Brunnen entlang führen. Diese fehlen aber bis heute. 

Um einen ununterbrochenen, direkt und schnurgerade verlaufenden Trauerzug bis in die Kapelle zu erreichen, hatte sich der Perfektionist Lewerentz in den Kopf gesetzt, die Kapelle dazu passend in Nord-Süd-Richtung auszurichten. Die Trauergemeinde hätte – um das zu gewährleisten – im Norden in die Kapelle einziehen und diese später Richtung Süden wieder verlassen sollen. 

Das war der Friedhofsverwaltung überraschenderweise dann doch zu radikal. Obwohl der Friedhof von Anfang an konfessionsübergreifend konzipiert war bestand sie auf einer Ostung der Kapelle. Lewerentz, der für seine Sturheit so bekannt war wie für seinen Perfektionismus, musste schliesslich in diesem Punkt nachgeben. Er nahm sich aber heraus, die Kapelle so zu entwerfen, dass zumindest während der Prozession der optische Eindruck entstand, man könne sie ohne jeglichen Richtungswechsel einfach von Norden betreten.

Das Besucherzentrum von 1924 diente ursprünglich als Personalgebäude. Seit 1998 beherbergt es ein Besucherzentrum. Im Inneren ist heute eine Ausstellung zum Friedhof beheimatet.
Quelle: 
Hans Lindqvist, CC BY-SA 3.0

Das Besucherzentrum von 1924 diente ursprünglich als Personalgebäude. Seit 1998 beherbergt es ein Besucherzentrum. Im Inneren ist heute eine Ausstellung zum Friedhof beheimatet.

Krematorium alt und neu

1934 wurde beschlossen, ein Krematorium zu bauen. Damals war dies noch ein ungewöhnliches Konzept, üblich war die Erdbestattung. Die architektonische Aufgabe war, nicht nur ein Krematorium zu schaffen, sondern gleichzeitig auch die drei dazugehörigen Kapellenräume «Glaube», «Hoffnung» und «zum Heiligen Kreuz». Gunnar Erik Asplund formte jede Kapelle mit ihren Nebenräumen und einem Atriumgarten zu einer in sich geschlossenen Einheit. 

Das 1940 fertiggestellte Krematorium tat seinen Dienst fast siebzig Jahre lang, bevor es durch einen im Wald gelegenen Neubau ersetzt werden musste. Das sich auf dem aktuellen technischen Stand befindende neue Krematorium ging 2014 in Betrieb. Es wurde von Johan Celsing unter dem Namen «Ein Stein im Wald» entworfen, um die Einbettung in die Landschaft zu betonen, die auch hier ein wichtiges Kriterium war. Das heutige Krematorium liegt so weit vom alten Gebäude entfernt, dass es von dort aus dank seiner Einbettung in den Wald nicht zu sehen ist. Um das Asplundsche Gebäudeensemble nicht durch einen sichtbar aufragenden Kamin zu stören, wurde das neue Krematorium unterirdisch an den Kamin des alten Gebäudes angeschlossen.

Das vom Funktionalismus geprägte Waldkrematorium von Gunnar Asplund ist heute ausser Betrieb, da es den modernen Ansprüchen nicht mehr genügt. Die ganze Anlage mit den drei zugehörigen Kapellen (im Bild) wurde erst 1940 als letzte Baute des Friedhofs fertiggestellt.
Quelle: 
Kjmagnuson, Flickr CC

Das vom Funktionalismus geprägte Waldkrematorium von Gunnar Asplund ist heute ausser Betrieb, da es den modernen Ansprüchen nicht mehr genügt. Die ganze Anlage mit den drei zugehörigen Kapellen (im Bild) wurde erst 1940 als letzte Baute des Friedhofs fertiggestellt.

Stockholm feuert den Architekten 

Anfangs hatten Asplund und Lewerentz diese letzten Gebäude gemeinsam geplant. Dann aber beschlossen die Auftraggeber, die Umsetzung ganz ins Asplunds Hände zu geben. Denn Lewerentz hatte unterdessen einen strikt modernistischen Stil entwickelt, war nach wie vor sehr stur und lieferte seine Zeichnungen immer zögerlicher ab. Asplund dagegen hatte durch den Bau der Stadtbibliothek in Stockholm längst grosses Ansehen  gewonnen. Sein Stil war zwar ebenfalls modernistisch, aber deutlich gefälliger. Asplund blieb kaum eine Wahl. Man hatte ihm klargemacht, dass entweder er allein das Projekt zu Ende bringen dürfe oder beide Architekten ersetzt würden. 

Drei Monate nach der Fertigstellung von Kapellen und Krematorium starb Asplund im Jahr 1940, sodass ihm nicht genug Zeit blieb, das Verhältnis zu Lewerentz wieder zu kitten, obwohl er es versuchte. Er hat sein Grab in der Nähe des Krematoriums. Sein Leichnam war eine der ersten, die dort eingeäschert wurden. 

Sigurd Lewerentz (1885 – 1975) war über den Rausschmiss naturgemäss sehr aufgebracht. Er beendete dennoch die landschaftsarchitektonischen Aufgaben, die all die Jahre ohnehin zum Grossteil in seiner Hand gelegen hatten. Nach Abschluss dieser Arbeiten verschwand er für viele Jahre aus der Szene. Er baute weiterhin Kirchen in strengen Formen, war an der Planung des Musiktheaters Malmö beteiligt und brachte weiterhin seine Mitarbeiter durch radikale Meinungsänderungen mitten im Projekt und durch seine beträchtliche Sturheit zur Verzweiflung. 

Seinen Durchbruch schaffte Lewerentz erst spät mit seinen von jeglicher Ausschmückung freien Kirchen. Dabei ging er bis hin zu bewusst sichtbaren Technikinstallationen im Stile des Brutalismus. Bekanntestes Beispiel ist die Markuskyrkan in Björkhagen im Süden Stockholms. Für sie wurde er 1962 mit dem wichtigsten schwedischen Architekturpreis geehrt, dem Kasper-Salin-Preis. Obwohl er neunzig Jahre alt wurde, gibt es so gut wie keine Aufzeichnungen von ihm zu den Überlegungen, die dem Entwurf seiner Gebäude zugrunde lagen. So bleibt Lewerentz einer der rätselhaftesten Vertreter der schwedischen Architekturszene. 

Der sanft ansteigende Ulmenhügel dient als Meditationshain für die Trauernden. Die Treppe hat Asplund so angelegt, dass die Stufen niedriger werden je höher man steigt, um den Aufstieg zu erleichtern.
Quelle: 
merxe iturrioz, Flickr CC

Der sanft ansteigende Ulmenhügel dient als Meditationshain für die Trauernden. Die Treppe hat Asplund so angelegt, dass die Stufen niedriger werden je höher man steigt, um den Aufstieg zu erleichtern.

Der Perfektionist

Der Architekt Gunnar Asplund.

Gunnar Erik Asplund (1885 – 1940) studierte von 1905 – 1909 an der Königlich Technischen Schule in Stockholm Architektur. Das konservative Wissen, das ihm dort vermittelt wird behagt ihm nicht und so wechselt er 1910 – 1911 zusammen mit Sigurd Lewerentz an die Klara Schule. Dort machte er Bekanntschaft mit Ragnar Östbergs Ideen zum räumlich atmosphärischen Umgang mit dem Ort.

Asplunds Arbeitsstil würdigt die Zeitschrift «Das Werk: Architektur und Kunst» im Jahr 1944 trefflich so: «Stets hat Asplund mit unbezähmbarer Besessenheit gearbeitet, sich nie mit leicht gefundenen Resultaten zufrieden gegeben, sondern immer ändernd und verfeinernd die endgültige Lösung zu finden gesucht. Seine Hand ist bis in die allerletzten Details spürbar, und seine Zeichnungen atmen die Einmaligkeit des Genauen.»

Schnell hat sich Asplund mit seinen Arbeiten den Respekt seiner Kollegen verschafft. «Das Werk: Architektur und Kunst» formuliert das so: «Gunnar Asplund war seit 1920 der führende Kopf unter den schwedischen Architekten und diese Stellung wurde ihm von allen Kollegen neidlos zuerkannt. Während zwei Jahrzehnten war er der Hauptträger der Architekturentwicklung in Schweden, ja man darf vielleicht sagen im Norden. Jetzt, wo Asplund nicht mehr unter uns ist, merken wir die Nivellierung. Es wird uns klar, dass er die anderen alle um Haupteslänge überragte.» Damit nicht genug, die Zeitschrift schliesst ihren Artikel mit den Worten «In seiner Hand formte sich jede Aufgabe in selbstverständlicher Weise zu dem, was für die Beurteilung allein ausschlaggebend sein kann, zu einem vollwertigen Kunstwerk.»

Mit seiner Berufung zum leitenden Architekten der Stockholmer Ausstellung 1930 gelang ihm der internationale Durchbruch. Ab 1931 war er selbst Architekturprofessor an der Königlich Technischen Schule. 

Zu Asplunds wichtigsten Werken gehören neben dem Waldfriedhof und der Stadtbibliothek von Stockholm das Rathaus von Göteborg (1934 – 1937). Zu seinen Schülern zählt Jörn Utzon, der Architekt des Opernhauses von Sydney.

Autoren

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt.