Schweizer Wirtschaft rutscht in die Rezession

Schweizer Wirtschaft rutscht in die Rezession

Teaserbild-Quelle: Shivendu Shukla, Unsplash
Schweizer Wirtschaft rutscht in Rezession

Die Coronaepidemie wird eine Rezession nach sich ziehen. Darin sind sich die Experten des Bundes sowie von Banken und Prognoseinstituten einig. Die epidemiologischen Entwicklungen sind derart unsicher, dass verschiedene Szenarien über die Folgen des Konjunktureinbruchs möglich sind.

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Rasch verdüstern sich die Aussichten. Wir schnell die Wirtschaft wieder Tritt fasst, hängt von den epidemiologischen Entwicklungen ab.

Das Positive vorneweg. Es scheint, dass Asien die Folgen des Corona-Virus langsam in den Griff bekommt. In China und Südkorea nimmt die Zahl der Neuinfektionen kontinuierlich ab, in Taiwan konnte dank einer umsichtigen Pandemiestrategie eine rasche Ausbreitung verhindert werden, weil das Land aus den dramatischen Folgen der letzten Sars-Epidemie die Lehren gezogen hatte.

Auch in Japan greifen die Massnahmen. Damit besteht die Hoffnung, dass die ergriffenen und einschneidenden Massnahmen in der Schweiz und Europa in den nächsten Wochen Wirkung zeigen werden. Auch wenn hierzulande manche den Ernst der Lage für sich und andere noch nicht erkannt haben, die wirtschaftlichen Folgen werden alle zu spüren bekommen.

Corona löst Konjunkturschock aus

Denn die Verbreitung des neuen Corona-Virus im In- und Ausland legt Teile der Wirtschaft vorübergehend still. 2020 wird die Schweiz deswegen in eine Rezession fallen. Für dieses Jahr erwartet die Expertengruppe des Bundes einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) in Höhe von 1,5 Prozent (ohne Sportanlässe). Die Dezember-Prognose lag noch bei +1,3 Prozent. Falls sich die epidemiologische Lage stabilisiert, sollte sich die Konjunktur ab der zweiten Jahreshälfte schrittweise erholen, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco am Donnerstag mitteilt.

Wachstum dank Aufholeffekten

Das Ausmass der Virusverbreitung in der Schweiz und in anderen Ländern sowie der zeitliche Verlauf seien schwer abzuschätzen. Bei einer Stabilisierung und einer Eingrenzung der Coronaepidemie im Verlauf von 2020 geht die Expertengruppe in der zweiten Jahreshälfte und für das kommende Jahr von einer Wiederbelebung der Konjunktur aus, sodass das BIP der Schweiz wieder wachsen könnte.

Ausgehend vom deutlich tieferen BIP-Niveau für 2020, ergäbe sich im nächsten Jahr zwar ein stärkeres Wirtschaftswachstum als in der Vorprognose angenommen (+3,3 Prozent). Doch wird die Wirtschaftsleistung trotz Aufholeffekten bis Ende 2021 aufgrund des Basiseffekts unter dem Niveau bleiben, das ohne Corona-Virus zu erwarten gewesen wäre. Die Dezember-Prognose ging für 2021 von einer Wachstumsrate von +1,6 % aus (ohne Sportevents).

Dass es im zweiten Halbjahr zu gewissen Nachholeffekten kommt, hofft auch die Konjunkturforschungsstelle KOF-ETH. Dies könnte dann wieder zu einem BIP-Wachstum führen. Ohnehin liege für das Gesamtjahr 2020 aber nur ein sehr geringes Wachstum von 0,3 Prozent drin, so die Experten. 2019 lag das Plus bei der Wirtschaftsleistung der Schweiz bei 0,9 Prozent (2018: 2,8 Prozent).

Verschiedene Szenarien wegen Unsicherheit

Die KOF-Prognosen sind laut Mitteilung mit einer «sehr grosser Unsicherheit» behaftet. Deshalb seien unterschiedliche Szenarien zu berücksichtigen, wobei das Basisszenario derzeit am wahrscheinlichsten sei. Beim Positivszenario beschränken sich die Behinderungen der Wirtschaft vor allem auf das zweite Quartal. Im dritten Quartal könnte der Grossteil der ausgefallenen Produktion bereits nachgeholt sein, sodass das BIP 2020 gesamthaft gleichwohl um 1,2 Prozent wachsen werde, so die KOF.

Im Negativszenario hingegen verlängert sich die Rezession und führt auch im zweiten Halbjahr zu einem negativen Wachstum, was laut Prognose die Wirtschaft um 2,3 Prozent schrumpfen liesse. Für das Jahr 2021 erwartet die KOF im Basisszenario ein Wachstum von 1,4 Prozent, in den beiden anderen Szenarien von 0,9 und 1,3 Prozent.

Von einem Abgleiten in die Rezession im ersten Halbjahr 2020 gehen aber auch die Ökonomen der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) so oder so aus. Für die Schweizer Wirtschaft sei in den ersten beiden Quartalen 2020 mit starken Rückgängen beim privaten Konsum zu rechnen und mit tieferen Investitionen der Unternehmen sowie einer beeinträchtigten Produktion wegen der Grenzschliessungen. Betroffen seien praktisch alle Branchen.

Höhere Arbeitslosigkeit

Aufgrund des unsicheren Umfelds und der sinkenden Auslastung der Kapazitäten dürften die Unternehmen ihre Investitionen stark zurückfahren und die Beschäftigung abbauen, was zu einer deutlich höheren Arbeitslosigkeit führen werde (2,8 Prozent im Jahresdurchschnitt). Im Dezember prognostizierte das Seco eine Quote von 2,4 Prozent. Im nächsten Jahr könnte laut Seco die Arbeitslosigkeit 3,0 Prozent betragen (Dezember- Prognose: 2,6 Prozent). Aufgrund des Instruments der Kurzarbeit dürfte laut Experten der Credit Suisse die Arbeitslosenquote von heute 2,3 auf 2,9 Prozent ansteigen.

Credit Suisse rechnet mit kurzem Konjunktureinbruch

Eine kurze Rezession halten die Ökonomen der Credit Suisse angesichts der Coronakrise für unvermeidbar. Sie gehen für 2020 von einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 0,5 Prozent aus, dies nach einem bisher prognostizierten Wachstum von 1,0 Prozent. Die Unsicherheiten rund um die Prognose seien allerdings hoch, wie es in der am Mittwoch publizierten Analyse heisst. Zum Angebotsschock hinzu komme die sinkende Nachfrage von Konsumenten und Unternehmen als Folge der Verunsicherung und der zumindest temporär rückläufigen Einkommen und Gewinne, insbesondere werde der Einfluss auf den privaten Konsum massiv sein.

Positive und negative Annahmen

Die CS-Prognose geht davon aus, dass die aktuelle Ausnahmesituation bis Mitte Mai andauern und sich danach allmählich entspannen könnte. Wenn dem so wäre, könnte das Wachstum gegen Ende 2020 stark anziehen. 2021 kann es sogar zu einem Überschiessen des Wachstums kommen, was laut den CS-Ökonomen im nächsten Jahr zu einem Anstieg des Schweizer BIP um 2,0 Prozent führen könnte.

Der private Konsum dürfte insgesamt nach dem Einbruch in den kommenden Monaten – dem ersten Rückgang seit 1993 – zwar wieder zunehmen, im Jahresdurchschnitt 2020 aber sinken. Sollte die Pandemie länger dauern, müsse aber mit einer anhaltenden Wachstumsschwäche gerechnet werden. Auch die Gegenmassnahmen der Geld- und Fiskalbehörden würden das im laufenden Jahr nicht kompensieren.

Entscheidend für die Entwicklungen wird auch sein, wie Deutschland als wichtigster Handelspartner der Schweiz mit der Wirtschaftskrise umgehen wird. Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) rechnet in Deutschland mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung von 2,5 Prozent.

Ab dem dritten Quartal 2020 könnte sich die Konjunktur nach heutiger Einschätzung allmählich wieder erholen, sagte Stefan Schneider, Deutschland-Chefökonom der Deutschen Bank am Mittwoch. Insgesamt funktioniere die deutsche Wirtschaft recht gut. Im Jahr 2021 halten die Ökonomen bereits wieder ein Wachstum des deutschen BIP von gut 2,0 Prozent für möglich.

Schrumpfung in der Eurozone bei längerem Lockdown

Auch wenn die Epidemie nur vorübergehender Natur ist, wird sie sich erheblich auf die Konjunktur auswirken. «Insbesondere wird sie die Produktion infolge der unterbrochenen Lieferketten verlangsamen und die in- und ausländische Nachfrage verringern», sagte EZB-Päsidentin Christine Lagarde. Nach einem Bericht der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» rechnet Lagarde mit einem Konjunktureinbruch im Euroraum. Grundlage sei eine Kalkulation der Folgen, die ein einmonatiges Herunterfahren der Wirtschaft hätte.

Das könnte die Wachstumsleistung um 2,1 Prozent verringern. Dann würde das Bruttoinlandprodukt in diesem Jahr im Euroraum um 1,3 Prozent schrumpfen. Wenn der Lockdown drei Monate betrage, könnte die Wirtschaftsleistung um 5 Prozent zurückgehen. Das wäre mehr als im Zuge der Finanz- und Eurokrise. 2009 schrumpfte das Bruttoinlandprodukt im Euroraum um 4,4 Prozent. Bereits letzte Woche hatte die EZB die Prognose der Notenbank-Volkswirte für das Wirtschaftswachstum in der Währungsunion auf 0,8 Prozent gesenkt (Dezemberprognose für 2020: 1,1 Prozent). (sts/sda)

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Redaktor Baublatt

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