Buchtipp und Interview: Marcel Chassots "Orte der Ergriffenheit"

Buchtipp und Interview: Marcel Chassots "Orte der Ergriffenheit"

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Buchtipp und Interview: Marcel Chassots "Orte der Ergriffenheit"

Ob Santiago Calatrava, Peter Zumthor, EM2N oder Frank Gehry: Mit seinen Aufnahmen schärft Architekturfotograf Marcel Chassot das Auge für Details zeitgenössischer Architektur, indem er sie aus besonderen Perspektiven zeigt. Im Interview erzählt er, was ihm bei seiner Arbeit wichtig ist und was ihm die Architektur bedeutet.  

 

An der A45 in Nordrhein-Westfalen steht ein architektonisches Kleinod: die Autobahnkirche Siegerland (Bild links). Während der Verkehr vorbeibraust, soll sie zum Innehalten einladen. Das Gotteshaus stammt aus der Feder des Frankfurter Büros Schneider + Schumacher. Marcel Chassot hat die Kirche in der Dämmerung fotografiert. Aus dem Eingang schimmert das Innere in warmem Rot und kontrastiert mit dem tiefblauen Himmel.

Ähnlich wie die Kirche lädt auch Chassot zum Innehalten ein. Oder vielmehr zu genauem Hinsehen: Mit seinen Aufnahmen, die sich durch den gezielten Einsatz der fotografischen Mittel – Perspektive, Farbe, Licht und Kontrast – auszeichnen, schärft er den Blick für die Details zeitgenössischer Architektur. Beton, Stahl, Glas und Holz werden vor Chassots Kamera vielfach zur abstrakten Komposition. In seinem Bildband «Architektur und Fotografie – Staunen als visuelle Kultur» nimmt er den Betrachter mit auf eine Reise durch moderne Architektur: Sie reicht vom Wohn- und Geschäftshaus in Schlieren ZH von EM2N über Santiago Calatravas Bahnhof im belgischen Lüttich oder Peter Zumthors Kunsthaus Bregenz bis zum «Library & Learning Center» der Wirtschaftsuniversität Wien der Zaha Hadid Architects.

Auch wenn der 1947 geborene Chassot seine Leidenschaft für die Fotografie bereits als Jugendlicher entdeckt und sie ihn sein ganzes Leben begleitet hat; Zum Architekturfotografen wurde er erst in den späteren Phase seines Schaffens. Er war als Wirtschaftswissenschafter am Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich tätig und blickt auf eine langjährige Lehrtätigkeit zurück. Heute arbeitet Chassot als freischaffender Fotograf und Buchautor.

Gab es eine Art Initialzündung oder ein Erlebnis, das Ihr Interesse für die Fotografie geweckt hat?
Marcel Chassot: Mein Vater betätigte sich in seiner Freizeit leidenschaftlich als Fotograf. Kommt hinzu, dass Eltern ihre Kinder liebend gerne fotografieren. Auf diese Weise erlebte ich die Fotografie schon in frühester Kindheit als etwas Schönes, emotional Bereicherndes. Vielleicht noch wichtiger war die gemeinsame Arbeit in der Dunkelkammer, in die mich der Vater schon in jungen Jahren einführte.

Hatten Sie auch bei der Architektur so etwas wie ein Schlüsselerlebnis?
Fast immer haben mich diverse Themenbereiche gleichzeitig beschäftigt, je nach Lebensabschnitt jedoch mit unterschiedlicher Intensität: Makrofotografie, Menschen, Architektur und Industrie. In späteren Jahren trat die Architekturfotografie zunehmend in den Vordergrund. Prägend war die Begegnung mit den Sakralbauten von Mario Botta, die bis in die tiefsten Schichten unseres Seins vordringen. Vielleicht sollte ich in diesem Zusammenhang mein erstes Architekturbild erwähnen. Zwar hatte es noch keinen Bezug zu Mario Botta. Aber die Aufnahme verhalf mir an der von «Leica Fotografie International durchgeführten» Olympiade zum Platz des zweiten Gesamtsiegers. Ein geglückter Start löst in der Regel auch einen entsprechenden Motivationsschub aus.

Was bedeutet Ihnen die Architektur im Allgemeinen?
Bauwerke, die mich ansprechen, sind Orte des Staunens und der Ergriffenheit. Für mich sind
sie nicht ohne Suchtpotenzial, denn sie lösen den unwiderstehlichen Wunsch aus, mich mit ihnen fotografisch auseinanderzusetzen.

Gibt es Architekten, die Ihnen besonders wichtig sind? Und wenn ja, weshalb?
Ich bevorzuge Architekten, deren Bauwerke mir als Fotograf einen weiten Gestaltungsspielraum eröffnen. Auch Bauwerke, mit denen ich mich bereits intensiv auseinandegesetzt habe, lassen immer wieder neue Facetten erkennen. Dies gilt noch vermehrt für den einzelnen Architekten – selbst dann, wenn er sich vermeintlich wiederholt. Die Frage lässt sich also nicht wirklich beantworten.

Gibt es eine Fotografie im Buch, die Ihnen besonders viel bedeutet?
Jedes Bild ist Ausdruck des Versuchs zu sehen, das Wesentliche eines Bauwerks zu erfassen und wiederzugeben. Ansonsten gilt: Jedes Bild hat zwar eine andere Geschichte, doch jedes ist ein Teil meiner selbst.

Hat Ihre wissenschaftliche Arbeit Ihre Fotografie auf irgendeine Weise beeinflusst?
Originelle Frage! Ich kann sie nur bejahen: Hier wie dort geht es um systematisches Arbeiten. Bei der Architekturfotografie sind Standortwahl und Lichteinfall entscheidende Faktoren. Die optimale Wahl des Standorts verlangt ein systematisches Begehen des Objekts. Beim Lichteinfall gilt es abzuwarten, bis der Sonnenstand beziehungsweise die Wolkendecke die gewünschte Beleuchtung ergeben. Dies erfordert, analog zur wissenschaftlichen Arbeit, Geduld, Frustrationstoleranz und Durchhaltevermögen.

Gibt es so etwas wie eine wissenschaftliche Herangehensweise beim Fotografieren von Architektur?
Die Antwort hängt vom Ziel ab, das sich der Fotograf setzt oder vielmehr von der Zielsetzung, die ihm ein Auftraggeber vorgibt. Geht es um
Dokumentation? Sollen architekturtheoretische Aspekte illustriert werden? Im vorliegenden Buch erfolgte die Auswahl der Objekte streckenweise architekturtheoretischen Überlegungen. Die Arbeit am Objekt, das Fotografieren selbst, ist jedoch ein spontaner Prozess, der sich innerhalb des oben beschriebenen systematisch gesetzten Rahmens vollzieht. An dieser Stelle wird auch die Bedeutung der Intuition erkennbar – analog zur wissenschaftlichen Forschung.

Was oder wer hat Ihr Werk geprägt?
Die Frage stelle ich mir auch. Weshalb suche ich nach Strukturen, die ich, die wir als schön empfinden? Im Buch versucht der Textautor, Professor Wolfgang Meisenheimer, die Frage aus wissenschaftlicher Sicht zu beantworten. Im Übrigen frage ich mich mit dem grossen Fotografen Jeanloup Sieff, ob die Bilder von Krieg und Gewalt, die uns täglich überfluten, auf lange Sicht mehr bewirken als ein «resigniertes Hinnehmen des menschlichen Unverstands». Eine schöne Landschaft, ein grossartiges Bauwerk, Schönheit in ihrem umfassenden Sinn wecken vielleicht mehr Verlangen nach einer veränderten Welt als Bilder von Gräueltaten.


«Marcel Chassot: Architektur und Fotografie – Staunen als visuelle Kultur», Texte Wolfgang Meisenheimer, 256 Abbildungen, 374 Seiten, gebunden, Hirmer Verlag, ISBN 978-3-7774-3004-1 (dt.), ISBN 978-3-7774-3006-5, (eng.), 91 Franken 90
www.mcpd-photodesign.ch

 

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Chefredaktorin Baublatt

Ihre Spezialgebiete sind Architekturprojekte, Kultur- und Wissenschaftsthemen sowie alles Schräge, was im weitesten Sinn mit Bauen zu tun hat.

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