Zwischen Tramgleis und Obsthain

Zwischen Tramgleis und Obsthain

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Teaserbild-Quelle: Katrin Ambühl
Die neue Siedlung bietet Lebensqualität am Stadtrand. Nicht nur wegen ihrer guten Lage, sondern auch weil sich die
eigenständige, aber zurückhaltende Architektur sehen lassen kann.
 

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Zwetschgen und Äpfel sind zum Greifen nah von den Häusern, deren Rohbau abgeschlossen ist. Zwei Gebäude bilden zusammen den Obstgarten und für einmal ist der Name mehr als eine Bezeichnung aus der Marketingabteilung einer Immobilienfirma. Der Obstgarten ist hier Programm. Er grenzt unmittelbar an die Überbauung und wird es auch in Zukunft tun, weil es eine Freihaltezone ist, die weiter südwestlich in den bewaldeten ­Hügelzug des Zürichbergs übergeht.
 
Ganz anders die Umgebung nördlich der neuen Wohnhäuser. Der Dorfkern von Schwamendingen mit Tramanschluss ist nur wenige Minuten zu Fuss entfernt. Die Lage der Überbauung ist nicht gut, sie ist traumhaft. Denn sie verbindet Stadtfeeling mit Landleben. Kein Wunder also, sind die 42 ­Eigentumswohnungen lange vor deren Fertigstellung verkauft worden: «Sie gingen weg wie warme Brötchen», bestätigt Urs Loser, Projektleiter der W. Schmid AG, die Bauherrin und Totalunternehmen in einem ist. Dass das Preis-Leistungsverhältnis von Wohneigentum in nördlichen Stadtquartieren, darunter auch Schwamendingen, besonders gut ist, hat die Nachfrage zusätzlich angekurbelt. Doch neben Lage und Preis spricht noch ein weiteres Argument für den Obstgarten: die Architektur.
 
Die Anfänge des Projekts reichen mehr als zehn Jahre zurück. Damals begann sich die W. Schmid AG für das Land zu interessieren, das verschiedenen Besitzern gehörte. Das Unternehmen führte langwierige Verhandlungen mit den Eigentümern und konnte das Land schliesslich kaufen. Eine Parzelle hatte auch der Stadt Zürich gehört. Sie wollte beim zukünftigen Bauprojekt mitreden und verlangte unter anderem einen Anschluss ans Fernwärmenetz und die Durchführung eines ­Architekturwettbewerbs. Dies tat die W. Schmid AG 2007 mit einem Studienauftrag, aus dem das Projekt von Egli Rohr Partner Architekten, Baden, als Sieger hervorging. ­Ausgangspunkt für ihr Projekt war die Lage im Übergang vom Stadtkörper zur Landschaft. Sie platzierten zwei winkelförmige Baukörper auf dem Grundstück. Diese bilden eine Raumabfolge, die an die bestehende Situation mit dem Kirchgemeindezentrum anknüpft. «Einer der Hauptgründe, dass dieses Projekt den Zuschlag bekam, war der fliessende Übergang von der ­Natur zum Wohnen», sagt Marc Mettauer, Mitinhaber der W. Schmid AG. Das Umgebungskonzept entstand in Zusammenarbeit mit dem renommierten ­Zürcher Büro Hager Landschaftsarchitektur. Freiräume ergänzen das ­öffentliche Wegnetz und schaffen Sichtbezug zum Zürichberg. Zwischen den beiden dreigeschossigen Baukörpern liegt ein grosszügiger Spielplatzbereich mit einem Riesensandkasten. Die Privatgärten der Parterre-Wohnungen sind mit Hecken eingefasst. So wird eine klar Abgrenzung zwischem öffentlichem Raum und den privat genutzten Aussenzonen geschaffen.

Massgeschneidertes Kleid

«Sehr speziell bei diesem Projekt ist die Fassade», streicht Urs Loser hervor. Es sind Rockpanel-Platten in einer Spezialanfertigung (siehe auch «Nachgefragt»). «Es war ein langer Prozess, bis die ­Architekten die definitive Ausführung bestimmten», sagt Loser. Etwa sieben Monate dauerte das Auswahlverfahren, während dem der holländische Hersteller verschiedene Musterplatten mit speziellen Farben und Mustern anfertigte. In der Projekt- und auch Verkaufsphase wurde die Fassade mit braunen Platten dargestellt. «Der Grünton, der schliesslich definitiv war, hat vorerst zum Teil ­etwas Unruhe bei den Käufern der Eigentumswohnungen ausgelöst», so Urs Loser. Schliesslich konnten aber alle überzeugt werden, dass der sanfte, warme Farbton gut zur Umgebung passt und der Überbauung auch einen eigenständigen modernen Charakter verleiht. Vor allem in Kombination mit den umlaufenden Metallbändern. Damit wird die gesamte Fassadenabwicklung auf Deckenhöhe zusammengefasst und der Ausdruck der komplexen Gebäudeform beruhigt. Es ist eine hinterlüftete Fassade, denn der Obstgarten wurde nach Minergie-Standard gebaut und auch zertifiziert. «Das hinterlüftete Gesamtsystem mit den Rockpanel-Platten kostet rund dreimal so viel wie eine herkömmliche Aussenisolation», sagt Urs Loser. «Dafür hält sie auch dreimal länger und ist erst noch unterhaltsarm.» Die Dächer werden nach Fertigstellung ausgiebig begrünt. Dadurch kann bei starkem Regen die Hälfte des Wassers aufgefangen werden.

Hochwertige Grundrisse

Die dreistöckigen Wohnhäuser mit 2,5- bis 5,5-Zimmer-Wohnungen variieren bezüglich Grundrissen nur minimal. Beide haben ein Attikageschoss mit weitläufigen Terrassen und Wohnungsgrundrissen von bis zu 170 Quadratmetern. Jedes Appartement verfügt über einen eigenen Balkon, eine Loggia oder eine bis zwei Terrassen. Alle Einheiten sind mit einer eigenen Waschmaschine und einem Tumbler ausgerüstet. Innenausbau und Raumaufteilung können auf Käuferwunsch ausgeführt werden. Ein spezielles Detail sind die Badezimmer ohne «normale» Fenster. Vor den Fenstern läuft die Rockpanel-Platte durch. Sie ist an dieser Stelle gelocht, so dass trotzdem Tageslicht ins Bad fällt.
 
Der Rohbau der beiden Wohnbauten ist abgeschlossen. Rund 30 Arbeiter sind momentan auf der Baustelle. Am nördlichen Haus sind Gipser, Lüftungsspezialisten und Monteure für die Fassade am Werk. Im südlichen Haus, wo der Innenausbau zum grossen Teil fertig ist, sind Maler an der Arbeit. Von hier bietet der Blick gegen Osten eine weitere Überraschung. Wenige Meter vom neuen Wohnhaus entfernt reiht sich Grab an Grab. Der Friedhof ist der stille Nachbar vom Obstgarten. Das sei überhaupt kein Thema gewesen in den Verkaufsgeprächen, betont Loser. Nächstes Jahr können die neuen Eigentümer einziehen. Dann ist auch für die W. Schmid AG ein langer Prozess vorbei. «Er hat 15 Jahre gedauert», fasst Marc Mettauer zusammen. «Für solche Projekte braucht es Kreativität, Mut, Innovation und vor allem viel Durchhaltewillen.» Der Immobilien-Projektentwickler und Totalunternehmung baut mehrere Überbauungen pro Jahr. Projekte, bei denen Architektur, Qualität und Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle spielen und die zum Teil langsam reifen, wie die Äpfel neben dem Obstgarten. (ka)
 
Übrige Beteiligte
  • Bauherr: W. Schmid + Co., Glattbrugg ZH
  • Architekt: Egli Rohr Partner AG, Baden-Dättwil AG
  • Generalunternehmung: W. Schmid AG, Glattbrugg ZH