Zurück ins 19. Jahrhundert? Nein danke!

Zurück ins 19. Jahrhundert? Nein danke!

Gefäss: 
Das Schweizer Bauwerk sowie dessen Planer suchen ihresgleichen auf der ganzen Welt. Nicht umsonst setzt auch der Bund in seinem dritten Konjunkturförderpaket auf den Export von Schweizer Architektur- und Ingenieurdienstleistungen. Doch dies scheint an einigen Leuten vorbei gegangen zu sein.
 
So auch an Michel Buro, Präsident des Fachverbandes Infra. Er beklagte sich kürzlich an dieser Stelle über Aufgabenteilung und Spezialisierung in der Baubranche, was er als das „SIA-System“ bezeichnete. Darunter versteht er, dass sich Bauherrschaften heutzutage, aufgrund des Wirtschaftswachstums und der technologischen Entwicklung in den vergangenen 150 Jahren, nicht mehr direkt an den Baumeister sondern in der Regel zuerst an einen Architekten oder Ingenieuren wenden. Diese würden dann das Bauwerk bis ins Detail planen und anschliessend nur noch standardisierte Leistungsverzeichnisse an die Bauunternehmer weiterreichen. Den Unternehmern hingegen, um Michel Buro weiter zu zitieren, würde nur noch die Aufgabe bleiben, für einen effizienten Bauablauf und tiefe Preise zu sorgen womit für sie schliesslich auch jeglicher Ideenwettbewerb unterbunden sei.
 
Unabhängig davon, dass es mir schleierhaft ist, was das mit dem SIA zu tun haben soll, wird hier so getan, als ob Architekten und Ingenieure als Fremdlinge in den Bauprozess gedrängt und den Baumeistern ihre kreative Aufgabe weggenommen haben. Warum aufgrund der Aufgabenteilung – am Rande sei bemerkt, dass Architekten und Ingenieure mehrheitlich alles andere als nur Leistungsverzeichnisse liefern – der Ideenwettbewerb auf Bauunternehmerseite nicht mehr spielen soll, ist mir unverständlich. Doch all dessen ungehindert will der Präsident des Fachverbandes Infra der Aufgabenteilung entgegenwirken. Unter dem Motto „Der moderne Baumeister ist ein antiker Baumeister“ will er zurückkehren zu den Anfängen, zurück zur vermehrten Integration von Planungsbüros in Bauunternehmen.
 
Nebst der Tatsache, dass die Antike mehr als 1400 Jahre zurückliegt und nicht erst 150 wird ausgeblendet, dass der frühere Baumeister genauso Bauunternehmer, wie auch Architekt und Ingenieur war und sich deshalb die Frage stellt, wer nun wem was überlassen respektive weggenommen hat. Auch wage ich ernsthaft zu bezweifeln ob diese erneut forcierte Konzentration die treuhänderische Wahrnehmung der Bauherrschaftsbedürfnisse verbessert. Und schliesslich wäre es vielleicht auch einmal angebracht zu überlegen, ob wir das Wirtschaftswachstum und den technischen Fortschritt eben nicht gerade den arbeitsprozessualen Anpassungen zu verdanken haben?
 
Seis drum: Ich möchte auf jeden Fall bei technischem Fortschritt, Wohlstand und Komfort bleiben und nicht zurück in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Herr Buro mag sich letzteres als Baumeister zwar wünschen, ein Grossteil der Gesellschaft aber, davon bin ich überzeugt, ist ebenfalls um vieles zufriedener heute.
 
Thomas Müller , Leiter Kommunikation des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA)