„Zürich hat den richtigen Massstab für mich“

„Zürich hat den richtigen Massstab für mich“

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Der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava lebt und arbeitet in Zürich. In einem Interview mit der „NZZ“ spricht er über die Stadt an der Limmat, was ihm dort gefällt und was nicht. Ausserdem verrät er, wie er über die Schweizer Architektur denkt und was Bauten für ihn sind.

Santiago Calatrava ist ein Fan von Zürich. Das wird in einem Interview deutlich, das die „NZZ“ kürzlich mit ihm geführt hat. „Ich liebe Zürich“, sagt er. Es sei eine Stadt, die eine innere Ruhe habe. „Sie erlaubt mir auch, morgen in Athen zu sein, am Samstag in Rom und nächste Woche in Rio“. Die Stadt an der Limmat hat „den richtigen Massstab“ für ihn, hier könne er sich zurückziehen. Er brauche hier nicht mal einen Führerschein (er hat ja auch keinen). „Ich bewege mich in einem kleinen Kreis: zwischen dem Seefeld, wo ich wohne, und der Enge, wo ich arbeite.“

„Eine Altstadt, die voller Leben ist“

Calatrava findet die Stadt auch architektonisch interessant. „Sie hatte die Kraft, sich aus einer mittelalterlichen Stadt mittels zweier aussermassstäblicher Bauten in die Moderne zu katapultieren, der ETH und des Hauptbahnhofs“, so der Architekt. Dass vor allem in der Innenstadt architektonisch nicht mehr viel passiert, darüber ist er froh. Es habe Pläne gegeben, die Innenstadt zu sanieren, also zu zerstören. „Gott sei Dank wurden die nie realisiert. Jetzt hat Zürich eine Altstadt, die voller Leben ist.“ Besonders gefallen ihm zwei Häuser in Zürich, wie er der „NZZ“ verrät: Das Omega-Haus (heute Les Ambassadeurs) an der Bahnhofstrasse und das Bally-Haus gleich nebenan.

„Pluralität heisst doch Diversität“

Weniger gefällt ihm die Architektur hierzulande im Allgemeinen. Es gebe – auch in Zürich – viele Gebäude die keine Handschrift eines Architekten trügen. „Heute scheint mir, es sei vor allem wichtig, dass ein Haus minergiemässig perfekt ist oder dass es eine Brüstung hat, die allen Sicherheitsnormen entspricht. Leider sieht dann ein Kind die Strasse nicht – weil kein Loch in der Brüstung ist.“ Heute baue man enorm technokratisch und trendig, daran seien auch die Ausbildungsstätten schuld. „Ich finde das traurig. Pluralität ist heisst doch Diversität.“ Aber es sei nicht immer so gewesen in der Schweiz. Es gebe wunderschöne Siedlungen aus den 60er-Jahren. „Wenn ich an Schweizer Architektur denke, denke ich an die Bauernhäuser.“ Als Student war Calatrava mal in Konolfingen im Berner Mittelland eingeladen, wie er sagt. „Diese roten Dächer, das Stöckli, perfekte Proportionen. Phantastisch!“ Nach diesen Zeiten sehnt er sich zurück, „nach dem harmonischen Bauen, wo der Mensch im Vordergrund steht und die Kleider der Menschen und die Häuser sich gleichen“. Das sei keine Utopie, das gab es einmal. Zurück könne man nicht; aber immerhin merken, dass das, was wir machen, nicht so anspruchsvoll sei. (mt/pd)

Das vollständige Interview finden Sie hier