Zu Fuss über Schweizer Alpenstrassen

Zu Fuss über Schweizer Alpenstrassen

Gefäss: 
Ein «baublatt»-Reporter nutzte seine Sommerferien zu einer grossen Wanderung über die Alpenstrassen. Neben den landschaftlichen Schönheiten richteteer sein Augenmerk auf wichtige Bauwerke. Das Erlebte hielt er in einer dreiteiligen Reportage fest.
 
Hat man elf Monate und noch einiges darüber auf hartem Bureausessel und staubigem Bauplatz zugebracht, so strebt man gerne mit Sack und Pack auf den nächst erreichbaren Bahnhof und lässt sich von der SBB unter elektrischer Traktion möglichst rasch und weit seinem Arbeitsfeld entführen. Man setzt sich in ein hohes entlegenes Bergdorf und mag nichts mehr von Verkehr, Beruf und Zeitungen wissen. Man geniesst die Ruhe, die Weltabgeschiedenheit und den ganzen Ferienzauber in hellen Zügen. Mit Wonne übergibt man seinen Körper den ultravioletten Strahlen des Sonnenlichtes (was man früher schon grundsätzlich als wohltuend betrachtete, obschon man es nicht wusste) und lässt sich rot, braun und blau brennen. – Einige Tage geht das ganz sorglos. Bald aber juckt es unter dem Grassitz und in den Waden, man hält es nicht mehr aus, man steht auf, packt seinen Rucksack und marschiert los.

Zapfstelle elektrischer Energien

Zuerst zu Tal an die zukünftige Zapfstelle unserer neuen elektrischen Energien, nach Innertkirchen. Man gewahrt dort neben einem im Rohbau nahezu vollendeten Gebäude aus Hausteinquadern für eine kleine Zentrale die Eisengerüste einer weitläufigen Transformationsanlage, die als Freiluftstation geplant ist. Einige Schritte weiter ragen zwei hohe, zündrot gestrichene, zylindrische Eisentürme auf. Es sind Zementsilos für den Bau der Grimsel-Staumauern, von denen jedes tausend Tonnen fasst.
 
Doch wenden wir uns jetzt von den Anlagen zu den Oberhasli-Werken ab und dem Sustenpass zu. Eine wenig befahrene, gute Strasse führt durch das Nessental hinauf nach Gadmen, wobei sie den Gadmenbach mehrmals überschreitet. Mit ihrer Breite von 4 bis 4,5 Metern genügt sie dem Postautodienst vollauf, umso mehr als sie sich in gutem Zustande befindet. Vom Dorfe Gadmen weg wird sie schmäler, bleibt aber immerhin für leichte Wagen noch fahrbar. Darauf windet sie sich in zahlreichen Kehren, mit starker aber gleichmässiger Steigung durch Wald aufwärts, wo noch viel Schlangengetier hausen soll. Ihr flotter Ausbau zeigt, dass dieses Stück der Sustenstrasse neueren Datums ist. Am steilen Hang einer öden Felsschlucht entlang, teilweise in den anstehenden Gneis gehauen, zieht sich ihr letztes Stück zur Alp Stein und zum sorgfältig geführten Hotel Steingletscher. Die Gletscher schieben sich so stark gegen die Pass-strasse vor und die daraus quellenden Bäche rauschen so machtvoll, dass man sich nicht enthalten kann, einen abendlichen Spaziergang in ihre Regionen zu unternehmen.
 
Die Strasse wird zum Saumweg. Dieser führt vom Hotel noch eine kleine Stunde aufwärts! Bis zur Passhöhe (2262 Meter) und dann als schlechter, holperiger Fahrweg in vielen Windungen hinunter ins Meiental, meist der Meienreuss entlang nach dem Dörflein Meien. Überall am Weg brennt das Heidekraut. Auf der Höhe über den Eisenbahnkehren von Wassen, nach Absolvierung eines gänzlich unfahrbaren Stück Saumweges, erreichen wir den ersten Steinbruch des Urner Granites, von wo aus plötzlich eine breite Fahrstrasse in Kehren nach Wassen hinunter führt.
 
Seit einiger Zeit finden zwischen Interessenten des Berner Oberlandes und des Kantons Uri Verhandlungen statt über die Frage des Ausbaus der Strasse über den Sustenpass zu einer Auto-strasse. Es hat sich auch bereits ein Initiativkomitee gebildet, dem Vertreter beider Kantone angehören und das die notwendigen Schritte dazu einleiten soll. Obschon zwischen Grimsel-Furka einerseits und der Route Brünig-Hohle Gasse-Brunnen-Flüelen andererseits keine fahrbare Strasse mehr das Berner Oberland mit dem Reusstal verbindet, kann man doch nicht viel Vertrauen in eine baldige Verwirklichung dieses Projektes setzen. Man erinnere sich, welche Anstrengungen beispielsweise während zweier Jahrzehnte gemacht wurden, um die Pragelstrasse fahrbar auszugestalten. Kürzlich sind die diesbezüglichen Pläne gänzlich ad acta gelegt worden, weil hierfür den in erster Linie daran beteiligten Kantonen Glarus und Schwyz die finanziellen Mittel fehlen.

Roamntischer Zauber der Gotthardstrasse ist dahin

Als Fusswanderer schenken wir uns das Stück von Wassen bis Göschenen und überantworten uns zu diesem Zwecke wieder den Bundesbahnen, die uns in zehn Minuten an den Ausgangspunkt der Gotthardroute befördern. Wer wie der Schreiber dieser Zeilen 15 Jahre nicht mehr durch die Schöllenen gestapft ist und sich freut, den alten romantischen Zauber der Gotthard-strasse nochmals frisch zu geniessen, wird hier dauernd wie mit Eisenbengeln vor die Stirn geschlagen. Ein guter Teil der Veränderung geht auf das Konto der (1913–1917 erbauten) Schöllenenbahn. Ihr Steinschlag und ihre Lawinenverbauungen präsentieren sich abwechslungsweise in den verschiedensten Konstruktionen in granitgewölbten Bogen, in eisernen Galerien und in Eisenbetonstützen mit schwach geneigten Dächern, hinter denen die kurzen Züge langsam auf- und abwärts kriechen (Zahnradbahn mit Steigungen bis zu 18 Prozent). Dazu kommt allerlei sonstiges Menschenwerk, was die Augen an diesem Ort besonders beleidigt: Munitions-Magazine unordentlich hingestellt, Masten und Drähte für Stark- und Schwachstrom, eine Telefonleitung, welche Strasse und Reuss garniert, dazu ein Wasserschloss für einen Stollen, das den Turbinen eines Unterwerkes dient (umgebaut aus einer ehemaligen Lüftungsanlage des Gotthardtunnels). Die Strasse selbst (in ihrer heutigen bestehenden Linienführung ein Bauwerk von 1820–30) zwischen steil sich bäumenden Granitwänden ist für Fussgänger heute eine Qual. Man flüchtet sich vor den schwärmenden Autos gerne auf den abkürzenden uralten Saumweg. Eine Rettung von der gegenwärtigen Verschandelung der Schöllenen ist leider nicht zu erhoffen.
 
Am unberührtesten blieb freilich noch das letzte Stück mit der Teufelsbrücke, das noch heute jedem Passanten einen Schimmer jener Bewunderung entlockt, welche die Wanderer allerdings angesichts der alten malerischen hochgewölbten Saumpfadbrücke (die seit 100 Jahren nicht mehr besteht) erschütterte, und von der anno 1778 William Coxe schrieb: «Die Landschaft wird wilder und ganz öde, man sieht keine Spur mehr von einem Baum, nur hie und da eine gedrungene Tanne: die Felsen sind nackter und steiler; keine Spur einer Ansiedelung. Kaum ein Gräslein bekommt man zu Gesicht. Wir kamen dann an eine Brücke, die über eine sehr tiefe Schlucht gebaut ist. Die Reuss bildet hier über den zerrissenen Flanken des Gebirges einen mächtigen Katarakt und stürzt über ungeheure Felstrümmer, die sie durch die Wucht ihrer Strömung unterwachsen hat. Diese Brücke heisst Teufelsbrücke; denn das Volk schreibt alle Werke von einiger Schwierigkeit dem Teufel zu. Als wir in unserer Bewunderung des Wasserfalles auf der Brücke standen, wurden wir von einer Art Spritzregen benetzt; denn der Fluss wirft den Staub so weit in die Höhe. Wer so etwas nicht selbst gesehen hat, kann sich keinen Begriff von diesen erhabenen Szenen des Schreckens machen, und Maler und Dichter sind zu schwach, sie ganz auszudrücken.»

Durch Andermatt braust der Verkehr

Der Anblick von Andermatt jenseits des Urnerlochs (dem 64 Meter langen Felsdurchbruch) kann man wörtliche wie bildlich mit «unter allen Kanonen» bezeichnen. Artilleriewerke, Militärübungslager, Bahn und fünferlei Leitungen säumen die Landstrasse ein. Das reizende spätgotische Kirchlein St. Columban, ein echtes Berggotteshaus in bodenständigem Material, ganz Haustein gebaut und mit Schindeln gedeckt, niedrig, mit danebenstehendem schlankem Turm und geschweiftem Spitzhelm, dessen Chronik bis ins Jahr 766 zurückreicht, ist von den Kasernenbauten beinahe erdrückt worden. Durch Andermatt braust ein reger Verkehr, der dem Dorfe manchmal fast zu viel wird. Die Menge der Fremden füllt die Hotelkästen. Maschinenklaviere schättern, Cars Alpin rattern. Am Strassenrand stehen die gelben und grünen Mostausschankstellen für Automobile. Die gebogene, schmale Dorfstrasse muss den ganzen Verkehr aufnehmen; Furka, Gotthard und Oberalp münden hier. Die Notwendigkeit wächst, eine zweckmässige Fahrstrasse ausserhalb des Ortes vorbeizuführen, welche dem Laufe der Reuss mehr angepasst wäre, das scharfe Knie bei der Brücke (Unteralpreuss) vermiede und die auf dem direkten Wege von Altkirch nach Hospental, Andermatt, den Hauptort des Urserentals, nur an der Peripherie berühren würde.
 
Die heutige ebene Strasse nach Hospental birgt für den Fussgänger keinen Reiz und verdient deshalb hier keine Beschreibung. Hospental selbst grüsst mit seinem Wahrzeichen, dem alten Turmklotz (einem Überrest von einer Burg) schon von ferne. Die Gotthardstrasse, die wir hier anlaufen, hüllt sich auf der Höhe in Wolken. In fünf Meter Breite und gutem Unterhalt führt sie im Zickzack stark aufwärts. Eine Abzweigung von ihr weist noch weit am Hang hinauf zu einem Serpentinbruch, wo aus dem blätterigen Gestein dünne, blaugrün gefleckte Platten gewonnen werden. Wegen seiner schönen Färbung, leichter Bearbeitung und Polierung verwendet man diesen Serpentin (Schlangenstein) gerne zu Wandverkleidungen, Kamineinfassungen, Vasen etc. (in der Architektur ist derjenige von Prato, Toscana, und Susa, Piemont, am meisten geschätzt.)
 
Wir winden uns im dichten Nebel die Strasse aufwärts, die sich wegen Rutschungen an einer Stelle stark in Bauarbeiten befindet. Zwei junge Bernhardiner begleiten uns lustig im Nebelgeriesel eine Stunde aufwärts. Einzig am Barometer können wir ablesen, wo wir uns befinden müssen. Stücke der alten Strasse tauchen nur ab und zu aus dem Grau auf. Nach dem Überschreiten der Passhöhe (2111 Meter) wandern wir unversehens hart zwischen zwei bleiernen dunklen Seeufern auf das Gotthard-Hospiz zu.

Auf den Spuren von Söldnern und Kaufleuten

Die Gründung dieses berühmten Hospizes reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Kapuziner verwalteten nach ihren Ordensregeln die Herberge und verpflegten hier die Einkehrenden, die Gesunden und die Kranken. Rudolf Schinz gab uns ums Jahr 1780 eine eingehende Schilderung von dieser Stätte und erwähnt interessanterweise auch die damalige Zahl der vorbeiziehenden Reisenden. Demnach ging im Frühjahr jeweils ein Zug von vier- bis fünftausend Italienern über diesen Berg nach Deutschland, Holland, Frankreich und England, davon ein grosser Teil aus den tessinischen Schweizer Vogteien «und vom Langensee, im Herbst hingegen ziehen fast ebenso viele Menschen von der deutschen Seite hinüber an die Luganer Messe.» Daneben führt er 200 Rekruten, 150 Schweizer Offiziere, die sich in fremde Dienste stellten, nur 50 Naturforscher und Vergnügungsreisende und 5000 Kaufleute und Wallfahrer an, die diesen Weg gegen Rom machten. Im ganzen recht stattliche Zahlen für die damaligen Zeiten.
 
Kurz vor Beginn des neuen Jahrhunderts zog General Suworow mit seinem Heer von Oberitalien über den Gotthard. Russen und Franzosen töteten sich in den Einöden der Bergwelt, wobei das Gotthard-Hospiz samt seinem heiligen Kloster in Trümmer sank. Aus den Ruinen erwuchsen neue Häuser, unter denen wir heute den rassigen Bau des so benannten Hospizes noch vor uns haben. Der spätere Kasten des Hotels Monte Prosa zeigt leider nichts mehr von dieser Urwüchsigkeit. Immerhin, man schlürft gerne in seiner Pinte den dunkel blauroten Nostrano und – die hier stationierte Autokontrolle bringt Geld ein! Von den Automobilen, die in beiden Richtungen über die Passhöhe laufen, liest man die verschiedensten Länderzeichen Europas ab. Die Züge, die in der Tiefe den 15 Kilometer langen Tunnel durchstürmen, bergen Reisende, deren Kenntnis nicht soweit reicht zu wissen, wo die Schweiz beginnt und wo sie endet.

Über die Tremolastrasse gegen Süden

Am Morgen umfängt uns ein fast wolkenloser Himmel. Bewundernd steht der Maler mit gezücktem Bleistift vor den eigenartigen Gesteinsformationen. Der Ingenieur und der Militarist schätzen das rauchende Fort für veraltet. Der Amateur begnügt sich damit, die anwesenden grossen, kindlichen Bernhardiner unter das Feuer seines Kodaks zu stellen. Der Geologe rückt mit seinem Hammer auf Kristallfang aus. Wir unternehmen einen frischen Spaziergang zum Lucendrosee («Besuch lohnend», steht im Baedeker) und zu Militärbaracken auf der Lucendroalp. Verführerisch winkt der Firn des Piz Lucendro selber. Die Zeit reicht leider nicht für seine Besteigung. Aber für den Monte Prosa langts gerade noch. Der Weg dahin geht am Abhang oberhalb des tiefgrünen Sellasees vorbei und führt (in den letzten Jahren bequem ausgebaut) weiter gegen den Pizzo Centrale. Ganze Murmeltierfamilien sonnen sich auf den Felsstücken. Man klettert über Grashalden und Felsgrat hinauf zum groben Geröllgipfel.
 
In 37 Kehren, bei kaltem, scharfem Wind wandern wir auf schlecht gehaltener, aber genial angelegter Strasse das Val Tremola abwärts. Das lange gelbe Postauto muss vorsichtig im Schneckentempo die ausgefahrenen Kurven zu bestehen trachten. Dort wo man den Tessin überschreitet und das Valle Leventina sich weitet, führt die Strasse an den interessanteren und neueren Gotthard-Befestigungen vorbei, wo reger Betrieb herrscht. Und noch ein gutes Stück in der Tiefe grüsst Airolo.