Zehn-Millionen-Schweiz: Wachstum als Chance

Zehn-Millionen-Schweiz: Wachstum als Chance

Gefäss: 

Bricht die Wirtschaft nicht komplett zusammen, werden in absehbarer Zeit zehn Millionen Menschen in unserem Land leben. Vielen macht diese Entwicklung Angst. An der Swissbau diskutierten Experten aus verschiedenen Wirtschaftszweigen die Herausforderungen einer wachsenden Schweiz und skizzierten eine positive Zukunft – falls sich unsere Gesellschaft mit den neuen Gegebenheiten arrangieren kann.

Gemäss dem Bundesamt für Statistik (BFS) wird die Schweiz 2045 über zehn Millionen Einwohner zählen. Die SBB erwarten am Zürcher Hauptbahnhof dann ein um 70 Prozent höheres Verkehrsaufkommen als heute. Lässt man die Verdichtung aussen vor, bräuchte die Schweiz 400 000 neue Gebäude, um die Bedürfnisse der zusätzlichen Einwohner zu befriedigen. Das klingt nach einem goldenen Zeitalter für die Baubranche, aber auch nach einer grossen Herausforderung. Um zu eruieren, ob und wie diese angegangen werden können, fand an der Swissbau im Rahmen der Veranstaltungsreihe Focus ein Podium zum Thema «Zehn-Millionen-Schweiz: neue Chancen oder Dichtestress?» statt.

Vorweg: Für alle Diskussionsteilnehmer sind zehn Millionen Einwohner in der Schweiz kein Problem. Anja Graf, Firmengründerin, Inhaberin und Geschäftsführerin von Visionsapartments, freut sich gar darauf. «Aktuell gibt es in der Schweiz noch ausreichend Platz für eine grössere Bevölkerung. Eine hohe Lebensqualität ist schliesslich auch in verdichteten Städten möglich», sagt sie. Der Schweiz gehe es genau darum so gut, weil die Zuwanderung die Wirtschaft ankurble. Verglichen mit Städten im Ausland, sieht Graf noch viele Möglichkeiten, um die Schweiz zu verdichten.

Noch etwas weiter geht Architekt Andreas Hofer, Gründer von Kraftwerk 1: «Wir brauchen die zehn Millionen um uns in der fast ein bisschen zu gross gebauten Schweiz etwas sozialer einzurichten.»

Intelligenter als Hirsche?

Somit wurde schnell klar, dass die Podiumsteilnehmer zehn Millionen Einwohner als Chance und nicht als Dichtestress wahrnehmen. Mehr noch: Joris Van Wezemael, Portfoliomanager bei Pensimo und Privatdozent für Architektur an der ETH Zürich, findet den Dichtestress-Diskurs schlicht «lächerlich». Er erinnert daran, dass der Begriff aus der Biologie stammt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden auf der US-amerikanischen James-Insel vier Sikahirsche ausgesetzt. Erst vermehrten sich die Tiere prächtig, 1955 wurden auf der Insel über 300 Exemplare der ursprünglich asiatischen Rotwildart gezählt. Drei Jahre später aber war die Hälfte tot – Nierenversagen durch «Dichtestress». Van Wezemael ist jedoch zuversichtlich, dass wir einen Evolu-
tionsschritt weiter sind: «Wir Menschen sind doch intelligenter als diese Hirsche.»

Andreas Hofer erinnert daran, dass Zürich trotz vieler seither neu gebauter Häuser heute gleich viele Einwohner hat wie 1960: «Der Zusammenhang zwischen Bautätigkeit und der Anzahl Menschen ist also nicht zwingend gegeben.»

Adieu Häuschen im Grünen

Damit zehn Millionen Einwohner nicht zum Problem werden, müssten sich Herr und Frau Schweizer vom Idealbild «Häuschen im Grünen» verabschieden, sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. Es brauche neue Bilder in den Köpfen, statt immer neue gesetzliche Einschränkungen. «Man kann nichts wollen, was man nicht kennt», so Joris van Wezemael. Er vergleicht die heutige Situation mit dem Problem von Bill Gates in der Anfangszeit von Microsoft: «Was er verkaufen wollte, konnten sich die Menschen gar nicht vorstellen. Heute sind Windows, Office und andere PC-Produkte nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken.»

Einen bislang noch kaum im öffentlichen Diskurs präsenten Aspekt thematisiert Anja Graf, die mit ihrer Firma erfolgreich «möblierte Wohnungen mit Service und Stil» an städtischen Spitzenlagen in der ganzen Welt vermietet: «Ein Einfamilienhaus auf dem Land ist frauenfeindlich. Der Unterhalt von Haus und Garten ist ein Full-Time-Job – und dann kommen noch die Kinder.» Es sei für eine solche (Ehe-)Frau und Mutter aus Zeitgründen meist schlicht unmöglich, Vollzeit zu arbeiten oder gar Karriere zu machen, argumentiert sie aus feministischer Perspektive.

Nicht ganz so weit geht Andreas Hofer, der fordert: «Wir müssen eine Schweiz bauen, die für alle unsere Lebensstile geeignet ist.» Als Beispiel für ausgemachten Nachholbedarf führt er Senioren an, die immer noch alleine im Einfamilienhaus wohnen, in dem sie die Kinder grossgezogen haben: «Viele von ihnen sind mit dem Unterhalt der Liegenschaft überfordert und würden gerne in die Zentren ziehen. Doch für die teuren Mieten in begehrten Zentrumslagen fehlt das Geld.»

Das führt zu weiteren Problemen, wie Reto Miloni, Architekt und Geschäftsführer der Miloni Solar AG ausführt: «Viele dieser alten Einfamilienhäuser sind sanierungsbedürftig und energetisch schlecht aufgestellt. Die Sanierungsrate ist viel zu niedrig.» Auch Häuser aus den 60er-Jahren könne man heute zum Plusenergiehaus sanieren, so Miloni – allerdings muss man über die finanziellen Mittel verfügen, um in die Liegenschaft investieren zu können. Hinzu komme oft noch eine für heutige Bedürfnisse ungeeignete Raumaufteilung. Als Aargauer sieht Miloni diese Probleme täglich, denn er wohnt in dem Kanton, den er als «Einfamilienhaus-Pampa par excellence» bezeichnet. Kurzum: Selbst wenn die Senioren ihre Häuser verlassen, könnten die Gebäude zu Ladenhütern werden. Welche junge Familie kauft schon ein sanierungsbedürftiges Haus mit suboptimaler Raumaufteilung?

Emanzipation der Agglo gefordert

Die Zehn-Millionen-Schweiz wird also kommen und die Herausforderungen seien bewältigbar, meint das Podium. Aber wie? Tilla Künzli, Vorstandsmitglied von Urban Agriculture Basel und «Aktivistin für kreative Sensibilisierung» versucht die Frage zu beantworten, wie all diese Menschen nachhaltig ernährt werden können. «Überall im urbanen Raum gibt es bepflanzte Grünflächen. Künftig werden wir uns besser überlegen müssen, was wir darauf anpflanzen», so Künzli. Diese neuen Bepflanzungskonzepte würden vor allem essbare Pflanzen in den Fokus rücken. Das wird bereits heute ausprobiert. Doch Künzli denkt noch einen Schritt weiter: «In Österreich haben sie es geschafft auf 1600 Metern Höhe Kiwis anzupflanzen. Das ist etwa die Höhe von Davos. So müssten wir weniger von weit her importieren.»

Joris van Wezemael erinnert daran, dass in der Stadt New York etwa gleich viele Einwohner wie in der Schweiz auf rund zwei Dritteln der Fläche des Kantons Zürich leben. Es funktioniere also, sei aber kein gutes Ziel für die Schweiz – nicht zuletzt weil sich Normalverdiener in der Stadt New York keine Wohnung mehr leisten können, was für die soziale Durchmischung natürlich Gift ist. Die Schweiz solle man in einer Gesamtperspektive betrachten: «Wir müssen unser Land als das historisch gewachsene, dezentrale Gebilde, das es ist, verstehen und auch als solches verdichten. Grossstädtischen Halluzinationen nachträumen bringt nichts.»

Van Wezemael bricht insbesondere eine Lanze für die Agglomerationen, welche sich von den Städten emanzipieren müssten: «Viele Experten haben eine geradezu affektierte Beziehung zur Stadt, aber die Leute wollen lieber in einem Dorf leben. Die Agglo wird zum Schlüssel für die Zukunft.» Daher sei auch die Verkehrspolitik, die möglichst viele möglichst schnell in die Zentren bringen wolle, zu überdenken: «Was habe ich davon, wenn ich in 40 Minuten mit dem Zug von Basel nach Zürich komme, aber nachher noch einmal gleich lang brauche, um vom Hauptbahnhof an meinen Arbeitsplatz zu gelangen?», fragt van Wezemael rhetorisch.

«Kommunales Laisser-faire stoppen»

Eines der wichtigsten Instrumente, um das Bevölkerungswachstum zu bewältigen, ist die Raumplanung. Hans-Georg Bächtold, Präsident des SIA, sieht in diesem Bereich gegenwärtig drei Haupt­herausforderungen: «Wir müssen erstens das Bauen ausserhalb der Bauzonen regeln, was 25 Prozent unserer Gebäude betrifft. Zweitens muss das interkommunale und interkantonale Planen zum Standard werden und drittens müssen wir die Nutzung des Untergrundes regeln.»

Auch Reto Miloni sieht bei der Planung in den Gemeinden Nachholbedarf: «Im Raumplanungsgesetz müssen die Gemeinden in die Pflicht genommen werden, gemeinsam mit den Nachbarn zu planen. Die Strategie des kommunalen Laisser-faire muss durchbrochen werden.»

Innovation statt Abschottung

Es liegt auf der Hand, dass an einer einstündigen Podiumsdiskussion keine Patentlösung für die komplexen Probleme der künftigen Zehn-Millionen-Schweiz gefunden werden konnten. Die Voten am Swissbau-Focus waren aber teilweise
erfrischend und hauchten dem festgefahrenen Diskurs der Politiker über die Zuwanderung und das Bevölkerungswachstum neues Leben ein. Gut zu wissen, dass es in der Schweizer Wirtschaft viele Entscheidungsträger gibt, die den Herausforderungen der wachsenden Schweiz mit innovativen Ideen und Ansätzen statt Abschottungsreflexen begegnen. Gerade für die Baubranche bietet sich mit der Zehn-Millionen-Schweiz und der von allen Seiten geforderten Verdichtung
definitiv neue Chancen. (Patrick Aeschlimann)


Das Podiumsgespräch in voller Länge

Autoren

Chefredaktor Kommunalmagazin

Patrick Aeschlimann hat an der Universität Zürich Politikwissenschaft studiert und 2010 abgeschlossen. Seit November 2011 ist er als Redaktor beim Kommunalmagazin tätig, seit August 2016 ist er Chefredaktor. Er interessiert sich besonders für politische Themen, die digitale Transformation aller Lebensbereiche und gesellschaftliche Entwicklungen.