Zahlt die Baubranche die Zeche für die Zweitwohnungsinitiative?

Zahlt die Baubranche die Zeche für die Zweitwohnungsinitiative?

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Tausende von Arbeitsplätzen könnten im Alpenraum während der kommenden Jahre der Zweitwohnungsinitiative zum Opfer fallen. Ab 2015 dürfte der Beschäftigungsgrad wieder ansteigen. Somit wären die Folgen der Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative verkraftbar. Zu diesem Schluss kommen zwei Gutachten, die das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in Auftrag gegeben hat.

 

Im Fokus der Untersuchungen standen die Folgen der Initiative für die Bau- und Immobilienbranche sowie den Tourismussektor. Ein Gutachten verfasste das BAK Basel, dieses setzt sich mit den volkswirtschaftlichen Auswirkungen auf die Zweiwohnungsinitiative auseinander. Das andere Gutachten von BHP Hanser und Partner geht auf die Finanzierung von Beherbergungsbetrieben und Tourismusinfrastrukturen ein.

488 Gemeinden sind laut BAK Basel von den Folgen der Zweitwohnungsinitiative betroffen, weil sie den festgelegten Zweitwohnungsanteil von 20 Prozent erreichen.

Die Experten des BAK schätzen die Anzahl Zweitwohnungen von 2010 schweizweit auf 513'000, im Alpenraum auf 315'000 und dort in den betroffenen Gemeinden auf 247'000. Zwischen 2000 und 2010 wurden im gesamten Alpenraum gemäss BAK  jährlich knapp 4'000 Zweitwohnungen neu gebaut. Somit belief sich das dadurch ausgelöste Bauinvestitionsvolumen auf rund 1.9 Milliarden Franken, was etwa 14 Prozent der gesamten Bauausgaben im Alpenraum bedeutet. In den von der Initiative betroffenen Gemeinden wurden im selben Zeitraum jährlich 2'530 Zweitwohnungen neu erstellt und damit ein Bauinvestitionsvolumen von gut 1.2 Milliarden ausgelöst. Laut BAK zeigt der Vergleich mit den Bauausgaben, dass im Alpenraum mit einem Rückgang der nominellen Bauausgaben von 9.3 Prozent gerechnet werden muss, wenn in den betroffenen Gemeinden künftig gar keine neuen Zweitwohnungen mehr erstellt werden dürfen.

Baubranche verliert...

In seinem Gutachten hat das BAK mehrere Szenarien durchgerechnet: Das „Basis“-Szenario  ging von einer Umsetzung gemäss Verordnung über Zweitwohnungen aus. Daneben wurden ein mildes, ein strenges und ein extremes Szenario (Vollstopp des Zweitwohnungsbaus) untersucht. Der Arbeitsplatzverlust bis 2015, den die Autoren berechneten, bewegt sich je nach Szenario zwischen 6000 und 14'000 – im Vergleich zu einem Szenario ohne Zweitwohnungs-Initiative. Als wahrscheinlichstes Szenario betrachten sie eine Umsetzung, die der vorläufigen Verordnung des Bundesrates entspricht. Dabei gingen bis 2015 insgesamt 8600 Arbeitsplätze verloren, was einem Minus von 0,8 Prozent entspricht. 2025 dürfte demnach der Verlust noch 4800 Arbeitsplätze betragen.

Bei allen Szenarien gelangen die Experten des BAK aber zu zwei zentralen Erkenntnissen: Bei der ausführenden Gesetzgebung zur Umsetzung der Zweitwohnungsinitiative muss sorgfältig vorgegangen werden, damit die Wirtschaft alternative Geschäftsmodelle umsetzen kann. Die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen dürften in jedem Fall zwar „kurz- und mittelfristig schmerzhaft“ aber langfristig „verkraftbar“ sein. Am stärksten betroffen sein wird die Bau- und Immobilienbranche. Da aber viele Beschäftigte saisonal angestellt und Ausländer sind, wird sich laut BAK der Verlust nicht voll auf die Arbeitslosenzahlen auswirken.

... und Hotels und Ferienwohnungen profitieren

Gewinner sind gemäss dem BAK-Gutachten Hotels und Anbieter von Ferienwohnungen. Bei ihnen wird sich die Nachfrage erhöhen, weil die Tourismusnachfrage insgesamt steigen dürfte. Das BAK rechnet dabei auch mit mehr Arbeitsplätzen sowie einem effizienteren Wirtschaften. Die Wertschöpfung folgt nach der Studie dem gleichen Pfad wie die Beschäftigungssituation. Nach dem wahrscheinlichsten Szenario dürfte 2015 im Alpenraum der grösste Einbruch beim Bruttoinlandprodukt (BIP) mit -0,7 Prozent erreicht sein, 2025 könnte das Minus noch 0,4 Prozent betragen. Die Wertschöpfung im Zusammenhang mit Zweitwohnungen macht im Alpenraum rund 6 Prozent des BIP aus. Bei den Steuern prognostizieren die Experten bis 2015 einen Verlust von 92 Millionen Franken. 2025 dürfte das Minus allerdings noch immer 73 Millionen Franken betragen.

In einem weiteren Gutachten liess das Seco vom Beratungsunternehmen BHP - Hanser und Partner die Auswirkungen auf Tourismusinfrastrukturen untersuchen. Das Seco geht davon aus, dass im Jahr 2016 bis zu 200 Millionen Franken weniger in Neu- und Umbauten von Hotels investiert werden als dies ohne Initiative der Fall wäre. Auch die BHP-Experten nehmen an, dass die Investitionen danach wieder ansteigen. Betroffen wäre vor allem die gehobene Hotel-Klasse mit mehr als drei Sternen. Der Grund: Sie werden oft mit dem Bau und Verkauf von Zweitwohnungen querfinanziert. Zunehmen dürften Feriendörfer.

Das Seco plädiert für eine „tourismusfreundliche Ausführungsgesetzgebung“, wie das Amt aus dem Departement von Volkswirtschaftsminister Johann Schneider- Ammann festhält. Aufgrund der beiden Wirkungsanalysen will das Seco zudem prüfen, ob flankierende Massnahmen für den Tourismus sinnvoll wären. Allerdings gebe es schon heute entsprechende Förderinstrumente wie beispielsweise über die Regionalpolitik, die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH) oder das Förderprogramm Innotour, hält das SECO fest. Der Bundesrat will im kommenden Juni einen Tourismusbericht vorlegen, in dem er ebenfalls flankierende Massnahmen thematisieren will. (mai/mgt/sda)

 

SBV über die Studie: Baumeister sehen sich bestätigt

Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) sehe sich durch die neue Studie des Seco in seinen Befürchtungen über den massiven wirtschaftlichen Schaden der Zweitwohnungsinitiative bestätigt, teilt der Verband in einem Communiqué mit. Die Baubranche werde das grösste Opfer der Initiative tragen müssen. Den Kommentar des Seco, dies sei volkswirtschaftlich verkraftbar, weil vor allem Ausländer ihre Jobs verlieren würden, ist nach Meinung des SBV „zynisch und inakzeptabel“. Die betroffenen Arbeitnehmer vor allem aus den EU-Ländern Portugal, Spanien und Italien seien oft seit Jahren und Jahrzehnten in den Tourismustälern zuhause, ihre Kinder gingen hier zu Schule und absolvierten hiesige Berufsausbildungen. Verlieren sie ihre Arbeit, werde dies den Strukturwandel in den Bergdörfern weiter in eine unerwünschte Richtung beschleunigen, heisst es weiter.

Der SBV habe bereits nach Annahme der Zweitwohnungsinitiative vom 11. März 2011 die Zahl der durch die Initiative bedrohten Arbeitsplätze im Bau auf 8'000 bis 10'000 geschätzt. Wie viele davon bei einer Anpassung der Branche an die neuen Bedingungen weiter beschäftigt werden können, sei schwer absehbar. (mai/mgt)

 

Bergkantone: Konzessionen bei der Zweitwohnungs-Initiative

Bergkantone und Bauwirtschaft sehen sich in ihren Befürchtungen zur Zweitwohnungs-Initiative durch die Wirkungsanalysen bestätigt. Sie verlangen eine milde Auslegung der Initiative und wollen, dass der Bund die volkswirtschaftlichen Einbussen kompensiert. Für das Berggebiet zeigten die am Donnerstag publizierten Studien des SECO drastische Auswirkungen, halten die Regierungskonferenz der Gebirgskantone und die Konferenz kantonaler Volkswirtschaftsdirektoren fest. Gefordert sei nun Augenmass bei der definitiven Umsetzung der Zweitwohnungs-Initiative. Die Regierungsvertreter fordern ebenso wie die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), dass zusätzliches Geld in den Tourismus fliessen soll, um die Folgen der Initiative abzufedern. Bestehende Förderinstrumente sollen ausgebaut werden. Die SAB fordert auch eine Tourismusbank.

Alarmiert ob den Studien zeigt sich die Walliser Regierung. Die Auswirkungen seien für den Alpenraum nicht akzeptabel, hält der Staatsrat fest. Das Parlament müsse möglichst rasch Teile der derzeitigen Bundesratsverordnung zur Initiative zurücknehmen. Die Walliser Regierung und die SAB fordern namentlich, dass lediglich nicht bewirtschaftete Ferienwohnungen unter die neuen Regeln fallen sollen. Die Initiative habe sich gegen die "kalten Bette" gerichtet. Ausserdem sollen Umnutzungen von Wohnungen unter Umständen möglich bleiben. (sda)