Wohnen wie im Kinderbuch

Wohnen wie im Kinderbuch

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Teaserbild-Quelle: Bild: Elisa Schreiner

Tanja Schindler lebt seit vier Jahren auf nur 35 Quadratmetern: reduziert, ökologisch und nahezu selbstversorgend. Bevor sie nächstes Jahr mit ihrem ökologischen Minihaus zügelt, zieht die Baubiologin Bilanz.

Tanja Schindler hat sich einen Kindheitstraum erfüllt: Seit sie Erich Kästners Kinderbuchklassiker «Das fliegende Klassenzimmer» gelesen hatte, liess sie die Idee vom platzreduzierten Wohnen nicht mehr los. Zwar wohnt sie nicht in einem Eisenbahnwaggon; wesentlich mehr Platz bietet ihre Behausung allerdings auch nicht. Seit mittlerweile vier Jahren unterzieht sie ihr ökologisches Wohnexperiment auf ungenutztem Brachland dem Praxistest. «Viele denken ja bei 35 Quadratmetern eher an ein Kellerloch», scherzt die Baubiologin. Ihrer Erfahrung nach ist es möglich, mit allen modernen Annehmlichkeiten zu wohnen, ohne Platz zu verschwenden. 

Ökologische Bauweise

Obwohl die Besichtigung auf einen schwülwarmen Spätsommertag fällt, ist es im Minihaus angenehm kühl. «Das liegt am Lehm, den wir in den Wänden verbaut haben», erklärt die Baubiologin. Der Lehm hält die Luftfeuchtigkeit im Innenraum das ganze Jahr über konstant zwischen 40 und 60 Prozent – also im idealen Bereich – und bindet zudem Gerüche. Ein Vorteil, wenn man eine offene Küche mit angrenzendem Wohnbereich hat. Lehm gilt als einer der ältesten Baustoffe der Welt, hat keine weiten Transportwege und ist leicht zu entsorgen. «Eigentlich verrückt, dass dieses Wissen bei konventionellen Bauvorhaben verloren gegangen ist», findet Schindler.

Auch der Fussboden aus geöltem, nicht versiegeltem Holz und die geräucherte, geölte Eiche, aus der Duschwanne und Waschbecken im Badezimmer bestehen, entsprechen den ökologischen Vorstellungen der Baubiologin.

Multifunktionale Möbel

Die Möbel können je nach Bedarf unterschiedlich genutzt werden: die Regale als Sitzgelegenheit, die Sitzcouch als Gästebett, der variable Schreibtisch als ein bescheidenes Büro… Ein ausziehbarer Küchentisch schafft einerseits zusätzliche Sitzplätze und verdeckt andererseits die Kochnische mit Gasherd, solange sie nicht genutzt wird. «Bei 35 Quadratmetern Wohnfläche sollte die Küche nicht zu viel Platz einnehmen», sagt Schindler, die einige der Möbel in der eigenen kleinen Werkstatt selbst gebaut hat.

Geringer Energie- und Ressourcenverbrauch

Wassersparende Armaturen ermöglichen die richtige Balance zwischen einem verantwortungsvollen Umgang mit Wasser und den gewohnten Annehmlichkeiten. Das WC ist eine Trockentoilette ohne Spülung. Das übrige anfallende Abwasser wird über das öffentliche Abwassersystem entsorgt. Ursprünglich hatte die Baubiologin jedoch geplant, das Abwasser in einer Pflanzkläranlage auf dem Dach zu reinigen. «Leider hat das Geld dafür nicht mehr gereicht, weil ein teurer Abwasseranschluss vorgeschrieben wurde», erklärt die Baubiologin.

Im Winter frieren oder kalt duschen muss die Bewohnerin nicht – ein Holzofen versorgt die Wohnräume mit ausreichend Wärme. Pro Winter verbraucht Schindler etwa einen Kubikmeter (Ster) Holz. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Vierpersonenhaushalt benötigt das fünf- bis achtfache. Solarpaneele auf dem Dach generieren Warmwasser, an sonnenfreien Tagen unterstützt sie ein Durchlauferhitzer mit Flüssiggas.

Allerdings sind energetische Engpässe schon vorgekommen: «Im ersten Jahr, also in der Lernphase, ist mir im Winter zweimal das Licht ausgefallen. Heute weiss ich, wann ich reagieren muss, bevor der Kühlschrank und die Lüftung ausgehen», räumt Schindler ein. Wenn der Strom knapp ist, muss beispielsweise der nächste Staubsaugereinsatz warten.

Modernere Technik

«Grade im technischen Bereich wird sich noch einiges ändern», prophezeit Schindler. Die unpraktische Zentralstaubsauganlage hat sie bereits durch einen energiesparenden Ministaubsauger ausgetauscht.

Längerfristig soll die Bleibatterie, die den überschüssigen Strom speichert, durch eine moderne Tesla-Batterie ersetzt werden, die weniger Platz braucht und eine grössere Speicherkapazität hat. Die Solarthermieanlage hält Schindler inzwischen für überdimensioniert. In Zukunft sollen Solarzellen die Module auf dem Dach ersetzen und das Warmwasser mit dem so erzeugten Strom erwärmt werden. Im Lauf der Zeit zeigt sich deutlich, wo Änderungen notwendig sind, aber das gehört für die Baubiologin zum Selbstversuch dazu: «Vor fünf Jahren gab es einfach nichts Besseres, oder die Alternativen hätten das Budget gesprengt.»

Zukunftsaussichten

Aktuell steht das Miniwohnhaus auf ungenutztem Erweiterungsland der angrenzenden Schule in Nänikon ZH. Wenn diese Bewilligung nächstes Jahr ausläuft, braucht es neues Land zur Zwischennutzung. Wohin die Reise geht, hat Schindler zwar nicht verraten, allerdings will sie nicht auf ihr «fliegendes Klassenzimmer» verzichten. (esc/bauwelt.ch)