Wohnen im Würfel

Wohnen im Würfel

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Teaserbild-Quelle: Florencia Figueroa
Mitten im Oberengandin entsteht eine Überbauung im Minergie-Standard mit grosszügigen Eigentumswohnungen. Es ist die grösste Baustelle in der Region. Die Baufachleute haben nicht nur mit den örtlichen klimatischen Bedingungen zu kämpfen, sondern mussten auch den Hang aufwendig mit Beton abstufen.
Florencia Figueroa
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Florencia Figueroa
Die neue Wohnüberbauung in Samedan sticht vor allem durch seine versetzte Architektur hervor.
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Links zu Beteiligten

 
Wie gross oder klein etwas ist, liegt ganz im Auge des Betrachters. Kein Bauvorhaben zeigt das besser auf, als das Projekt «Pro Vivaint» in Samedan. Dort werden zurzeit 55 Eigentumswohnungen, verteilt auf fünf dreigeschossige Mehrfamilienhäuser, gebaut. «Es ist weit und breit eine der grössten Baustellen der Region», sagt ­Projektleiter Marco Faoro von der Generalunternehmung Ralbau AG aus Chur.
 
Schon von Weitem fällt die Baustelle mit den 50 Arbeitern auf. Allerdings weniger wegen ihrer Grösse als vielmehr durch die Architektur der Gebäude. Diese bildet nämlich einen kühnen Kontrast zu den traditionellen Engadiner Häusern. Ein Bruch mit der Baukultur des Ortes sind die ineinander geschachtelten Würfel dennoch nicht. Denn die Architektur ist eine moderne Interpretation der alten Engadiner Baukultur und eine ­Anlehnung an ihre Massstäblichkeit. Gleichzeitig reagierten die Zürcher «UC’NA Architekten» in ­ihrer Konzeption auf strikte Anforderungen der Wirtschaftlichkeit und auf konstruktive Vorgaben.
 
«Um eine Verwischung der einzelnen Volumen zu erreichen, haben wir uns bewusst für eine ­verputzte Aussenwärmedämmung entschieden», erklärt Manuel Alberati, Geschäftspartner des ­Architekturbüros. So entstehe sowohl ein sanftes Verweben der scharfkantigen Kuben als auch eine Identifikation der einzelnen Wohnungen, was ­wiederum eine Einbindung ins Umfeld ermögliche.
 

Keine Abstriche geduldet

Gebaut werden 41 Erst- und 14 Zweitwohnungen (siehe «Hintergrund»). Die 2,5-, 3,5- und 4,5-Zimmer-Einheiten weisen grosse Flächen und – dank der versetzten Bauweise – eine ­lebendige Vielfalt der Grundrisse auf. Gleichzeitig stellte die Konstruktion die Baufachleute vor einer grossen Herausforderung. Projektleiter Faoro ­erklärt: «Die Umsetzung der speziellen ­Architektur bedingt eine hohe Präzision in der Umsetzung aller Details an der Fassade.» Weil Samedan zur kältesten Region zählt, durften in der Materialisierung keine Kompromisse eingegangen werden. Um den Minergie-Standard zu erreichen, braucht es aber mehr als nur eine gute Dämmung. Dazu gehören auch die Holz-Metall-Fenster mit einer Dreifach-Isolierverglasung, die bei Bedarf mit einem motorisierten Sonnenschutz verdunkelt werden können, sowie das individuelle, regulierbare Belüftungssystem, über das jede Einheit verfügt. Der Preis der Wohnungen bleibt trotz dieser Ausstattung im moderaten Bereich.
 
Laut der Bauherrin PAX Wohnbauten AG aus Sachseln sollen Käufer angesprochen werden, die das rege Leben im regionalen Zentrum schätzen. Aus diesem Grund heisse die Überbauung auch «Pro Vivaint», was auf Rätoromanisch «Lebendige Wiese» bedeute. Weil die modernen Neubauten um eine zentral gelegene Wiese angeordnet sind, macht der Name gleich doppelt Sinn.
 

Gestaffelte Bauweise

«Eine weitere grosse Herausforderung für die Umsetzung der Bauten stellten die unterschiedlichen Niveaus des Areals dar», sagt Faoro. Diese werden sowohl in den Gebäuden, wie auch in der Umgebung deutlich. Architektonisch hat man das bis zu zwei Geschosse hohe Gefälle mit verschiedenen Ebenen gelöst, die der Zuordnung von privaten und öffentlichen Räumen dient. «Das Zusammenspiel dieser Niveaus rechtfertigt sich aus der Aussichtsqualität für die einzelnen Wohnungen und den geschützten Freiräumen im Inneren der Überbauung», so Alberati. Dabei wurden alle Anforderungen an das hindernisfreie Bauen erfüllt.
 
Von den 55 Einheiten ist etwa ein Drittel ­bereits verkauft und einige der Wohnungen sind sogar schon bewohnt. Die Bauarbeiten verlaufen nämlich parallel zueinander. Während man im Haus Marguns bereits wohnen kann, ­befindet sich das Haus ­Müsella noch in der Rohbauphase. Die ­Häuser Muragl und Immez sind in der Ausbau- und das Haus Muntatsch in der Installationsphase. «Der einzige Nachteil bei der gestaffelten ­Bauweise ist, dass man als Bewohner noch lange mit den lärmigen Bauarbeiten leben muss», gibt Faoro zu Bedenken. Dass die Wohnungen alle verkauft werden, daran zweifelt der Projektleiter keine Minute: «Schliesslich wird in Samedan, wo der Anteil an Zweitwohnungen relativ klein ist, nur dann gebaut, wenn wirklich eine Nachfrage besteht.» Die Fertigstellung der Überbauung ist im April 2013. Wie lange in diesem Jahr in ­Samedan noch gearbeitet werden kann, hängt allerdings vom Wetter ab.
 

Eigene Betonanlage vor Ort

Theoretisch könnte das gesamte Jahr über gearbeitet werden. Die Technik von heute machts möglich. Und in Samedan muss man im Gegensatz zu den Nachbarorten, die in den Wintermonaten aus Rücksicht auf den Tourismus eine Pause einlegen müssen, weder die Installationen abbauen noch die Arbeiten einstellen. Allerdings ist es zu kalt in dieser Region, weshalb man trotzdem irgendwann für eine Weile aussetzen muss. Für Faoro war es deshalb wichtig, die Betonarbeiten zeitig zu beenden. Um dies zu bewerkstelligen, wurde extra eine eigene Anlage vor Ort bestellt. Damit schlug er zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits war man auf keine Lieferungen angewiesen. Andererseits konnten auf diese Weise Transportwege eingespart werden.
 
Die Mengen an Beton mit hohen Qualitätsanforderungen wurden sowohl für die Gebäude als auch für die Tiefgarage mit 110 Parkplätzen benötigt. Letztere wurde als «Weis­se Wanne» ­erstellt. Die Garagendecke, auf der die Innenhofwiese zu liegen kommt, wurde konventionell ­gebaut. Zum Schluss will man sie und die Flachdächer begrünen. Keine leichte Aufgabe, wie Marco Faoro weiss: «Das Zeitfenster für das Setzen der Pflanzen ist sehr klein.» Mache man es falsch, gehe das Gewächs ein. Faoro, eigentlich Glarner, kennt die örtlichen klimatischen Bedingungen aber sehr gut. Die Bewohner können sich demnach im nächsten Jahr nicht nur auf schöne Wohnungen, sondern auch auf eine wunderbar grüne Anlage freuen. (ffi)
 

HINTERGRUND

Es war knapp, sehr knapp – dennoch hat Samedan zusammen mit La Punt-Chamues-ch als eine der wenigen Berggemeinden im Kanton Graubünden die Zweitwohnungsinitiative angenommen. Für die Initianten der Initiative ist klar: Die beiden Berggemeinden haben die Gefahren des «uferlosen Bauens» erkannt. Samedan weist aber nur einen Drittel Zweitwohnungsanteil aus. Der Grund: Die Gemeinde besass – wie viele andere Ortschaften in der Region auch – selber eine Kontingentierung, die dem uferlosen Bauen Einhalt gebieten sollte.
 
 
Projektleiter Marco Faoro, der hauptsächlich in Bergregionen tätig ist, hat für das Verdikt der Zweitwohnungsinitiative kein Verständnis: «Die Berggemeinden haben das Problem, das die ­Initiative aufnimmt, bereits selber erkannt und lösen wollen.» Mit der Annahme habe man alle Bemühungen zunichte gemacht. Die Folge: Statt dass sich die einheimischen Bauunternehmen langsam an die Kontingentierung gewöhnen können, wie es die Lösungsvariante der Berggemeinden gewollt hätte, müssten sie nun von heute auf morgen umstellen. Faoro ist sich sicher, dass dieser Entscheid für einige Unternehmer negative Auswirkungen haben wird. «Auch die Zersiedlung wird mit dieser Abstimmung zunehmen», so Faoro.
 
«Pro Vivaint» ist übrigens von der Zweitwohnungsinitiative nicht betroffen. Nicht nur, weil das Projekt vor der Annahme bewilligt wurde, sondern auch, weil es die Bedingungen, die ein solches Bauvorhaben gemäss Initiative erfüllen muss, bereits befriedigt. Umso erstaunlicher ist es, dass Samedan trotz eigener Lösung, die Zweitwohnunginitiative angenommen hat. (ffi)
 
 
Übrige Beteiligte
  • Bauherr: PAX Wohnbauten AG, Sachseln
  • Architekt: UC'NA Architekten, Zürich
  • Projektentwicklung: Mettler2Invest AG, St. Gallen