«Wir werden gut durch die Krise kommen»

«Wir werden gut durch die Krise kommen»

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Teaserbild-Quelle: Silva Maier
Die Wirtschaftskrise hat die Baubranche noch nicht erreicht, doch der 8. Schweizer Baukongress blickte bereits in die Zukunft und befasste sich mit dem nächsten Aufschwung. Die Botschaft war klar: Krisen sind Chancen, um die Positionierung eines Unternehmens zu überdenken, Innovationen aufzugleisen und damit den nächsten Aufschwung einzuleiten.


Der Schweizer Baukongress hat sich seit 2002 zum beliebten Gesprächsforum der Branche entwickelt, vor allem, weil immer wieder Themen angegangen wurden, die unter den Nägeln brennen. Ganz bewusst setzte der Kongress dieses Jahr nicht die Wirtschaftskrise, die, wie es scheint, bald auch die Baubranche erreichen wird, ins Zentrum, sondern den kommenden Aufschwung. Folgerichtig hiess das Motto des Branchenanlasses im KKL Luzern «Ausbruch – Aufbruch!». «Das Motto des diesjährigen Baukongresses soll motivieren, aus der Negativkurve dieses Krisenjahres auszubrechen und in eine nachhaltige, von Effizienz geprägte Zukunft aufzubrechen», erklärte Franco Bernasconi, CEO von Docu Media Schweiz, Herausgeberin des «baublatts» und Veranstalterin des Baukongresses in seiner Begrüssungsrede. «Ausbruch» signalisiere, dass die Krise nicht als «Schicksal» hingenommen werde und «Aufbruch», dass ein Unternehmen dank Innovation auch in Krisenzeiten erfolgreich sein und Marktanteile gewinnen könne. Gerade in Krisenzeiten, so Bernasconi, gehe es darum, die Baubranche nicht nur mit zuverlässigen, auf die Kunden zugeschnittene Wirtschafts- und Fachinformationen zu versorgen, sondern auch Denkanstösse für die Zukunft zu liefern, und damit den nächsten Aufschwung aufzugleisen.

Krisen sind nicht nur eine Gefahr, sie können in Unternehmungen auch Innovationsschübe auslösen. Dies machte Tagungsleiter Gerhard Girmscheid, Professor für Bauprozess- und Bauunternehmensmanagement an der ETH Zürich und Vorsteher des Instituts für Bauplanung und Baubetrieb (IBB) in seinem Eingangsreferat deutlich. Die Finanzkrise hat zu einem Zusammenbruch überbewerteter Geldanlagen geführt. Dies, so Girmscheid, hat zugleich eine «psychologische Wirtschaftskrise» ausgelöst: Viele Unternehmen budgetieren vorsichtig und schieben Investitionen auf, die Banken schauen bei der Kreditvergabe an Unternehmen genauer hin und verlangen umfangreichere Sicherungen. So beginnt die Krise der Finanzwirtschaft auch das Wachstum der Realwirtschaft zu bremsen, die Umsätze gehen zurück. Girmscheid rief in Erinnerung, dass solche «Metakrisen», in denen Unsicherheit hinsichtlich der Zukunftsperspektiven herrscht, unweigerlich auch Schwächen in Unternehmungen aufdecken. Schwächen wohlverstanden, die nicht auf externe Ursachen zurückzuführen sind. Der Tagungsleiter warnte vor solchen schleichenden Unternehmenskrisen, die sich von Phase zu Phase verstärken und zuletzt in eine Liquiditätskrise münden (siehe Grafik). Begegnen lässt sich einer derartigen Negativspirale mit einer Überprüfung der strategischen Ausrichtung, einem Marketing, das diese Strategie unterstützt und konsequent auf die Kunden ausgerichtet ist, mit einer fundierten Risikoanalyse und einer klaren Regelung von Geschäftsprozessen und Verantwortlichkeiten. Ganz besonders riet Girmscheid dazu, auch die politischen Vorgänge genau auf ihre Auswirkungen auf die Marktsituation hin zu analysieren. Dazu bedarf ein Unternehmen nicht nur einer langfristigen Perspektive, sondern auch einer Rundumsicht (360 Grad), um sich anbahnende Chancen zu erkennen und die eigenen Produkte stärker auf die Kundenerwartungen auszurichten. Girmscheid verwies auf die Sanierungsrückstände des «Bauwerks Schweiz» und ortete genau dort die neuen Marktchancen sowohl für die Baubranche, als auch für die Immobilienbesitzer. «Wir werden gut durch die Krisen kommen, wenn wir unseren Blick für diese Chancen schärfen», appellierte Girmscheid an die Zuhörerschaft.

Der Kapitalmarkt ist intakt

Gerade in Krisenzeiten ist es für Unternehmen überlebenswichtig, die Liquidität sicherzustellen. Welche Voraussetzungen dazu erfüllt sein müssen, darüber gab Albert Angehrn Auskunft, der bei Credit Suisse das Grosskundengeschäft Schweiz leitet. Er vermutet, dass die Krise 2010 ihren Höhepunkt erreichen wird. Dabei sei aber zu bedenken, dass es sich um eine «importierte» Krise, eine Krise der Exportwirtschaft handle. Von Finanzkrise könne in der Schweiz keine Rede sein: «Die Kreditnachfrage ist in der Schweiz trotz Krise hoch und der Kapitalmarkt ist intakt», verkündete Angehrn und wies darauf hin, dass die Verknappung der Liquidität nur scheinbar sei. Der Grossteil der Kreditnachfrage werde aus dem Hypothekarbereich generiert und dies werde auf absehbare Zeit auch so bleiben, liess der Banker durchblicken, denn die Zinsen würden auf dem heutigen Niveau verharren. «Die konjunkturellen Frühindikatoren lassen vermuten, dass die Talsohle in der Schweiz erreicht ist», sagte Angehrn und schätzte das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts für nächstes Jahr auf 0,6 Prozent.

Für Unternehmen in der Schweiz bestehen laut Angehrn noch attraktive Finanzierungsbedingungen mit marktgerechten, verhältnismässig tiefen Zinsen. Eine sogenannte Kreditklemme sei nicht auszumachen. Die Kreditlimiten für Unternehmenskredite sind per August gegenüber letztem Jahr um durchschnittlich 5,5 Prozent gestiegen. Seit August 2008 stiegen die Kreditlimiten für KMU um fünf Prozent und für Grossunternehmen um sieben Prozent. Die Benützung der Kreditlimiten war dieses Jahr deutlich geringer als im Vorjahr. Trotz der allgemeinen Verfügbarkeit von Liquidität rät Angehrn den Unternehmungen, Eigenfinanzierung, Fremdfinanzierung sowie Kapitalstruktur grundsätzlich zu hinterfragen. Dies beginnt bei der Fokussierung auf das Kerngeschäft und dem Verkauf von Beteiligungen, geht über die Stärkung der Beziehungen zu den Hausbanken und der Verringerung anderer Bankbeziehungen sowie die Umwandlung kurzfristiger in längerfristige Verbindlichkeiten bis zur Reduktion der Kapitalkosten, der Überprüfung der Dividendenausschüttungen und der Einführung einer Finanzplanung auf der Basis einer Szenarioanalyse.

Wandel im Immobilienmarkt

Auf den kommerziellen Immobilienmarkt sieht Angehrn grössere Herausforderungen zukommen: Während der Wohnbau auf einen «undramatischen Rückgang» zusteuere, werde die Nachfrage nach Büro- und Verkaufsflächen 2010/2011 erheblich zurückgehen. Die Credit Suisse sei bereits dazu übergegangen, keine Verkaufsflächen mehr zu finanzieren. Trotzdem fänden Projekte mit Verkaufsflächen Investoren, weil das Geld zurzeit noch günstig sei, stellte Angehrn fest und warnte: «Wir sind an der Schwelle, wo es nicht mehr gesund ist. Das Eingehen solcher Risiken könnte sich in drei bis vier Jahren rächen». Bei Credit Suisse sei deshalb die Immobilienfinanzierung anspruchsvoller geworden: Projekte werden genauer analysiert und gegebenenfalls redimensioniert oder zurückgestellt. Spekulationsprojekte oder erst langfristig rentierende Projekte seien deshalb heute kaum mehr finanzierbar, gab Angehrn zu bedenken. Grundsätzlich, so betonte er, würden Immobilienprojekte von den Banken erst nach Erteilung einer Baubewilligung finanziert. Die Mittel für die Vorinvestitionen müssen daher von den Promotoren oder Drittinvestoren bereitgestellt werden. Besonders bei komplexen Projekten bestehe oft eine Lücke zwischen vorhandenen Eigenmitteln, der zugesagten Bankfinanzierung und den Projektkosten. Auch hier seien andere Investoren wie Versicherungen oder Fonds als Investoren beizuziehen. Ganz pragmatisch empfahl Angehrn den Zuhörenden, besonders bei Immobilienprojekten, «nicht der Gier zu verfallen».

Nachhaltigkeit als Ziel

Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltschutz: Dies machte Holger Wallbaum, Professor für Nachhaltiges Bauen am IBB der ETH Zürich, zu Beginn seiner Ausführungen über Innovation klar: Nachhaltigkeit bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt, bildet die Brücke sowohl zwischen der heutigen und der künftigen Generation, als auch zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Wallbaum erinnerte daran, dass die Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen wie auch die Verpflichtung zu einer nachhaltigen Entwicklung seit 1999 in der Schweizerischen Bundesverfassung (Präambel, Art. 2 und Art. 73) verankert sind. Umgesetzt hat der Bund diese Verfassungsziele in der «Strategie Nachhaltige Entwicklung» und dem daraus abgeleiteten Aktionsplan 2008–2011. Nachhaltiges Bauen ist ein wichtiger Punkt dieses Aktionsprogramms, das die entsprechenden Massnahmen auflistet.

Ausgangspunkt für Wallbaums Überlegungen zum nachhaltigen Bauen sind die seit sieben Jahren konstant steigenden Preise für fossile Energieträger. Daran knüpfte er die Feststellung, dass die Schweiz seit 1995 punkto Brenn- und Treibstoffverbrauch erheblich vom Zielpfad des Kyoto-Protokolls abweicht: «Die Schweizer Personenwagenflotte weist beispielsweise europaweit den höchsten Treibstoffverbrauch auf», gab Wallbaum zu bedenken. Und weil viele Haus- und Immobilienbesitzer mit der energetischen Sanierung ihrer Liegenschaften zuwarten, ist auch der Brennstoffverbrauch relativ hoch. Über 50 Prozent der in der Schweiz für Bauten verbrauchten Energie wird beispielsweise für Heizzwecke eingesetzt. Gemäss einer Statistik der internationalen Energieagentur produziert die Schweiz gleich viel CO2 wie Frankreich und Schweden. Neben dem Energieverbrauch ortet Wallbaum in der Zersiedelung der Landschaft und dem steigenden Bedarf an Wohnfläche pro Kopf weitere Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung: 1980 beanspruchten Schweizerinnen und Schweizer 34 Quadratmeter Wohnfläche pro Kopf, im Jahr 2000 hingegen 44 Quadratmeter.

«Nachhaltiges Bauen muss also erst einmal bei der Energieversorgung ansetzen und erst dann bei der Bauweise», gab Wallbaum zu bedenken. Es gehe weniger darum, dass Altbauten durch Minergie-Bauten ersetzt werden, sondern, dass der Schweizer Gebäudepark insgesamt weniger Energie verbrauche. Der Unterschied im Energieverbrauch eines Niedrigenergiehauses und eines sanierten Altbaus sei nämlich weniger gross als der Unterschied zwischen energetisch optimierten und nicht optimierten Bauten. Hand in Hand mit der Senkung des Energieverbrauchs von Gebäuden muss für Wallbaum die Rohstoffgewinnung aus den existierenden Bauten gehen. Denn in Zukunft werde die Rohstoffversorgung die gleiche Bedeutung erlangen wie die Energieversorgung. «In Singapur konnte nicht mehr gebaut werden, weil die Kiesvorkommen aufgebraucht sind und der Nachbar Indonesien die Kiesexporte gestoppt hat», verdeutlichte der Experte für Nachhaltiges Bauen ein mögliches, künftiges Szenario.

Flüssiges Holz, intelligenter Strom

Nach dieser Tour d’Horizon durch die Zukunftsszenarien stellte Wallbaum eine Auswahl innovativer Baumaterialien vor. Dabei muss der selbstverdichtende Beton (SSC) kaum mehr vorgestellt werden. Das Marktpotenzial für SSC wird auf zehn Prozent des gesamten Betonmarktes geschätzt. Weniger bekannt ist hingegen das «flüssige Holz» Lignin, ein Naturpolymer, das zu hundert Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen besteht. Lignin eignet sich besser für die Kombination mit Holz als Kunststoff, weil beide Materialien sich bei Wärme gleich ausdehnen. Das sogenannte M-Glas verhält sich wie normales Glas, ist zugleich aber auch in der Lage, die Sonnenenergie passiv zu nutzen. Das E-Control-Glas ist hingegen eine Sonnenschutzverglasung, die sich je nach Sonneneinstrahlung stufenweise verfärbt und damit die Steuerung des Licht- und Wärmeeintrags erlaubt. Am abenteuerlichsten mutete aber der «digitale Strom» an: Ein Chip im Stromkreis flösst dem Strom «Intelligenz» ein: Dieser «lernt» dadurch nicht nur, wann er fliessen soll und wann nicht, sondern auch in welchen Geräten. Ein Druck auf den Lichtschalter genügt zum Beispiel, und nicht nur die Beleuchtung schaltet sich aus, sondern auch Stereoanlage und Computer. (Massimo Diana)

Sponsoring als Werbeträger

In der Schweiz werden jährlich 5,8 Milliarden Franken für Werbung aufgewendet, davon fliesst rund eine Milliarde ins Sponsoring. Damit ist diese Werbeform die drittwichtigste nach den gedruckten Inseraten und dem Direct Marketing. Im Gegensatz zu den ersten zwei Werbeformen gab es im Sponsoring bis anhin keine unabhängigen Planungsdaten. «Ich musste mich früher auf mein Bauchgefühl verlassen, wenn ich ein Sponsoringprojekt aufzog», räumte Marketingmann Marco Bernasconi ein. Er ist seit 2007 Geschäftsführer der Branchenforschungsorganisation WEMF. Seit September ist alles anders. Damals wurde nämlich das neue Planungsinstrument «MA Sponsoring» lanciert. Dank der Kombination von drei grossen Datenbanken mit Informationen über Sport- und Kulturevents, Konsumverhalten, Einstellungen, Mediennutzung, Reichweite und Werthaltungen kann ein potenzieller Sponsor die geeignetste Zielgruppe samt der geeignetsten Plattform für seine Sponsoringaktivitäten ermitteln, und zwar inklusive Kosten je potenzieller Person, die erreicht werden kann. Die Daten basieren unter anderem auf Interviews mit 11 000 Personen. Umgekehrt können Veranstalter auf Sponsorensuche ihre Trümpfe gegenüber möglichen Geldgebern auf Franken und Rappen genau beziffern. Mit dem neuen Planungsinstrument verabschiedet sich das Sponsoringgeschäft also vom Bauchgefühl und kann sich dafür auf harte Fakten und Zahlen stützen.
 
Im Anschluss an Bernasconis Ausführungen stellten drei Unternehmungen ihre Sponsoringkonzepte vor. Der Garagentorhersteller Hörmann setzt sinnigerweise auch im Sportsponsoring seit vielen Jahren auf Tore, auf Fussballtore. Das seit den 80er-Jahren in der Schweiz präsente Unternehmen unterstützt die Fussball-Nationalmannschaften von 18 europäischen Ländern. Rolf Iselin, CEO von Hörmann Torsysteme ist heute überzeugt, dass das Fussball-Sponsoring den Bekanntheitsgrad des Unternehmens gesteigert und zweistellige Umsatzzuwächse ermöglicht hat. Auf Fussball hat Hörmann gesetzt, weil es in vielen Ländern die führende Sportart ist und vor allem Männer zwischen 35 und 60 Jahren anspricht, also genau die Zielgruppe der eigenen Kundschaft.
Auf breit gefächerte Sponsoringaktivitäten setzt der Flüssiggaslieferant Vitogaz: Nicht nur das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest, das nächstes Jahr in Frauenfeld stattfindet, wird unterstützt, sondern auch «Take off Balloon», ein Unternehmen, das gewerbsmässige Ballonfahrten anbietet. Als drittes Engagement sponsert Vitogaz Zentralschweizer «Freestyle Crew», eine junge Gruppe von Freestyle-Skifahrern.
 
Ein umfassendes, ganzheitliches Sponsoringkonzept für das neue Eishockey-Stadion in Bern, die Postfinance-Arena, stellte Thomas Zimmermann vor. Er zeigte, dass sich dieses Sponsoringkonzept nicht nur auf das Recht auf Namensbezeichnung beschränkt, sondern im Gegenteil auch das Erscheinungsbild, den Service und die Begleitaktivitäten im Zusammenhang mit der diesen Sommer eingeweihten Sportstätte umfasst. (md)