Wettlauf gegen den Verfall

Wettlauf gegen den Verfall

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Teaserbild-Quelle: Ben Kron
Die Kettenbrücke in Aarau wird abgerissen und durch die «Pont Neuf» ersetzt. Bevor das Projekt realisiert werden kann, müssen Stadt und Kanton aber erst die Baukosten von 25 Millionen Franken bewilligen. Bis dahin versuchen die Ingenieure, die Brücke mit möglichst wenig Aufwand funktionsfähig zu halten.
Voraussichtlich 2017 wird in Aarau die Brücke „Ponf Neuf“ fertiggestellt sein. Das neue Bauwerk ersetzt die 1949 errichtete Kettenbrücke über die Aare in Aarau, die nach über 60 Jahren Nutzung vom Zahn der Zeit deutlich angenagt ist.
 
Die diversen Schäden an der Kettenbrücke erklärt sich zum einen durch ihr hohes Alter und die intensive Nutzung, wie Kantonsingenieurstellvertreter Mathias Adelsbach ausführt: „Wir haben hier rund 20'000 Fahrzeuge pro Tag, davon 465 Busse. Dazu kommt eine grosse Menge an Langsamverkehr – die Brücke wird benutzt!“ Zum anderen weist die Konstruktion heute altersbedingt Mängel auf. Zur damaligen Zeit war es auch im Brückenbau üblich, Konstruktionen mit Gerbergelenken zu planen.

 

Diverse Schäden

Die Gerbergelenke, welche auch die Bewegungen durch Temperaturschwankungen aufnehmen sollen, funktionieren nicht mehr richtig. Wer die Brücke befährt, bemerkt ein Klopfen bei den Übergängen, vor allem in der Mitte, wo sich die Gelenke befinden. „Wir haben deshalb auch feine, horizontale Risse über die ganze Breite der Kragplatte“, erläutert Roberto Scappaticci, der Projektleiter der Instandhaltung und des Neubaus. „Schäden finden sich weiter bei den Widerlagern auf der südlichen Seite, die Risse von etwa zwei Zentimetern aufweisen, und somit ihre Funktion nur noch bedingt erfüllen können.“ Bei einer Besichtigung der Kettenbrücke führt der Ingenieur die Besucher unter die Brücke und zeigt nach oben: „Hier an den Konsolköpfen ist dies gut ersichtlich.“
 
Den nördlichen Widerlagern geht es nicht viel besser. „Wir haben bei diesen die Fahrbahnübergänge im Sommer 2011 notdürftig geflickt. Doch man sieht dort schon wieder Wassereintritt, was zu neuen Schäden führen kann.“ Auch hiervon kann man sich von blossem Auge überzeugen. Scappaticci unterstreicht aber, dass die Konstruktion der Brücke absolut intakt ist: „Die Tragfähigkeit stellt kein Problem dar. Es sieht schlimmer aus, als es ist.“
 

Massnahmen, um die Funktionsfähigkeit zu erhalten

Sorgen machen den Verantwortlich auch die Widerlager auf beiden Seiten, wo es durch Korrosion des Bewehrungseisens immer wieder zu Abplatzungen von Betonstücken kommt. „Der Belag, der die Konstruktion schützen sollte, ist nicht mehr intakt“, erläutert Scappaticci. Im Inneren des Hohlkastens nimmt er zur Illustration einen Hammer hervor und bearbeitet damit einen Unterzug. „Wenn man hier ein bisschen draufklopft, kommt Material herunter“.
 
Roberto Scappaticci und sein Team überprüfen die bestehende Brücke deshalb regelmässig und ergreifen wenn nötig Massnahmen, um ihre Funktionsfähigkeit zu erhalten. „2011 haben wir die erforderlichen Reparaturen im Bereich der Trottoirs und des Fahrbahnbelags ausgeführt.“ Jetzt sind die Widerlager in Arbeit: „Wir haben vier Pendelstützen und ein auskragendes System zum Fahrbahnübergang hin. Hier besteht die grösste Gefahr eines Durchstanzens infolge der Achslasten der Fahrzeuge.“ Mit einer Auffangkonstruktion wird dieses System temporär stabilisiert. Scappaticci: „Im Moment montieren wir unterseitig die Konsolen, in welche dann die Träger eingehängt werden, welche das Ganze stützen.“
 

Von der Hand in den Mund

Ansonsten beobachten die Verantwortlichen den Zustand der Brücke laufend und entscheiden bei auftretenden Schäden, ob und wie diese repariert werden müssen. „Wir leben bei der Kettenbrücke ein bisschen von der Hand in den Mund“, umschreibt es der Projektleiter. Bisher belaufen sich die Kosten für die Instandhaltung auf unter 100'000 Franken und natürlich wollen die Verantwortlichen möglichst wenig in ein Bauwerk investieren, das in ein paar Jahren rückgebaut wird. Grösste Sorgenkinder sind gemäss Scappaticci die vier Fahrbahnübergänge. „Wenn wir diese flicken müssen, könnten Kosten von einer halben Million Franken entstehen.“
 
Die Instandhaltung der Kettenbrücke stellt also eine Art Wettlauf mit der Zeit dar. Die Verantwortlich hoffen, dass der Weg durch die Instanzen hierbei keine weiteren Verzögerungen verursacht. „Im Frühjahr 2012 sollte das generelle Projekt vorliegen“, so Kantoningenieurstellvertreter Adelsbach.“ Dieses wird als erstes der Stadt Aarau zur Abklärung der Finanzierung vorgelegt. Da „Pont Neuf“ geschätzte 25 Millionen Franken teuer werden dürfte, wird in Aarau eine Volksabstimmung über die Kostenbeteiligung nötig. Die Stadt muss voraussichtlich etwa ein Viertel der Bausumme aufbringen, den Rest steuert der Kanton Aargau bei. Wenn der Kredit in Aarau bewilligt ist, muss als nächstes der Grosse Rat des Kantons über seinen Teil der Projektfinanzierung befinden. „Erst dann können wir das Auflageprojekt erarbeiten und die üblichen Schritte zur Realisierung in Angriff nehmen“, führt Adelsbach weiter aus.
 

Ein Jahr Verzögerung

Der ursprüngliche Plan, bis 2016 mit dem Bau fertig zu sein, ist bereits überholt. Roberto Scappaticci: „Wir mussten die Situation des Langsamverkehrs auf und unter der Brücke noch einmal anschauen, da wir hier ja einen Mehrwert für die Benutzer schaffen wollen.“ Die entsprechenden Abklärungen führen zu einer Verzögerung von etwa einem Jahr. Der Projektleiter hofft nun, dass kein weiterer Zeitverlust mehr entsteht und die neue Brücke 2017 dem Verkehr übergeben werden kann. „Die Bauzeit wird inklusive der Hilfsbrücke ungefähr 18 Monate betragen.“ (bk)
 

Hintergrund

DAS PROJEKT
Aus einem Wettbewerb mit 21 Teams ging Ende 2010 „Pont Neuf“ als Siegerprojekt hervor. Der Neubau überzeugte die Jury, weil er die Formensprache früherer Steinbauten aufnimmt und auch rund um die beiden Brücken einen Mehrwert schafft. „Das Projekt wird der grossen städtebaulichen Bedeutung der Brücke gerecht“, erläutert Stadtbaumeister Felix Fuchs. „Die Stadt will mit dem Neubau auch die Längsverbindungen der Aare aufwerten und die Durchlässe auf beiden Seiten attraktiver gestalten. Diese sind heute nicht mehr als enge Schlupflöcher für Fussgänger und Velofahrer.“ Dazu wollte man den beliebten Aareraum verschönern und mit breiten Uferprojekten eine neue Aufenthaltsqualität für die Bevölkerung schaffen. „Im Mittelalter war die Aare ein Feind und die Stadt wandte sich baulich vor ihr ab“, so Fuchs. „Heute haben wir ganz andere Mittel zum Hochwasserschutz und wollten den Fluss quasi zum Freund der Stadt machen. Das ist der Kerngedanke des Aufwertungsprojektes.“
 
DIE GESCHICHTE DER BRÜCKE
Aarau entstand am engsten Übergang des Flusses Aare vom Jura zum Mittelland. „Die Stadt hat eine Menge Erfahrung mit Brückenbauten“, sagt Stadtbaumeister Felix Fuchs. „Im Mittelalter gab es diverse Holzbrücken, die aber immer wieder weggeschwemmt wurden.“ Die ersten Flussübergänge standen sogar schon zu Zeiten der Römer. Die Kettenbrücke, die ihren Namen damals noch zurecht trug, wurde 1850 dem Verkehr übergeben: Es handelte sich um eine Hängebrücke aus stählernen Kettengliedern mit 96 Metern Spannweite.  An beiden Enden befanden sich steinerne, klassizistische Doppelbogenbauten, welche die Aufhängungen der Ketten und die Verankerungen aufnahmen. Der Unterhalt dieser Brücke erwies sich als aufwändig und mit der Zeit mussten Gewichtsbeschränkungen erlassen werden. So durften Postautos nicht mehr als 55 Fahrgäste mitführen, und den Soldaten der Kaserne Aarau war es untersagt, die Kettenbrücke im Laufschritt zu passieren. 1949 wurde sie durch eine vorgespannte Betonbrücke ersetzt, die aber den alten Namen beibehielt. In der Nähe des Flussufers erinnern eine Gedenktafel ein einige Kettenglieder an das ursprüngliche Aussehen. (bk)