Weshalb Holz, wenn es auch mit Papier geht?

Weshalb Holz, wenn es auch mit Papier geht?

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Teaserbild-Quelle: CA2M, Shigeru Ban Architects Europe
Seine Konstruktionen aus Papier faszinieren, zumal er damit sowohl einfachste Notunterkünfte als auch komplexe Konstruktionen für Ausstellungs- und Kirchenbauten realisiert. Mit Witz und Engagement präsentierte Shigeru Ban einige seiner Werke an der Swissbau im Rahmen der Architekturdialoge Basel.


Während der Architekt aus Japan in Basel vor einem vollen Saal seine Referat hält, plant sein Büro bereits ein Notspital für Haiti. Shigeru Ban betrachtet das Engagement für die Opfer von Naturkatastrophen als Ausgleich zum Bauen für Reiche und Privilegierte. «Nicht das Erdbeben bringt die Menschen um, sondern die einstürzenden Bauten», erklärt er. Bilder aus Ruanda veranlassten ihn, dem UNHCR in Genf Vorschläge für Notunterkünfte aus Kartonröhren zu unterbreiten. In Japan, Indien, in der Türkei und China, überall wurde sein System seither eingesetzt, von der minimalen «Zeltkonstruktion» bis zu einfachen Häusern. Je nach Klima und Anforderungen wurden sie ungedämmt oder gedämmt ausgeführt. So haben zum Beispiel in der Türkei Kinder die Kartonröhren mit Papierstreifen ausgestopft.

Der japanische Architekt verwendet immer einfache, vor Ort leicht zu beschaffende und zu handhabende Materialien. Sobald er jedoch seine Papierkonstruktionen für Bauten wie den Japan Pavillon an der Expo 2000 in Hamburg oder für «feste» Gebäude einsetzen will, trauen die Ämter seinen Konstruktionen nicht und er kämpft für Zertifikate und Bewilligungen. Was immer er für ein Projekt in Angriff nimmt, seine Vorschläge und Lösungen zeugen von der Lust am Experimentieren mit Materialien und mit der Statik, vom Suchen nach dem Naheliegenden, dessen Umsetzung mit minimalsten Mitteln oft zu ungewohnten und faszinierenden räumlich-formalen Konzeptionen führt. Er entwickelte das erste «Nomadic Museum» für den kanadischen Fotografen und Filmemacher Gregory Colbert. Dieser wünschte ein Museum, mit dem er reisen kann, das sich an irgendeinem Hafen der Welt aufstellen lässt. So besteht denn das Ausstellungsgebäude aus übereinander gestapelten Schiffscontainern, die man an jedem Hafen mieten kann. Eine Leichtbaukonstruktion aus Kartonröhren trägt das Dach, das sich über die gesamte Anlage spannt, und darunter, zwischen den aufgetürmten Containern, entstehen grosszügige, eindrückliche Räume.

Container sind auch ein Thema im «Naked House», das aus einem langen, offenen zweigeschossigen Raum besteht. Die Bauherrschaft wünschte viel Platz für das gemeinsame Familienleben, dafür wenig Raum für privaten Rückzug. Mobile, einfache Holzcontainer ermöglichen es jedem Familienmitglied, seine «individuelle Kiste» innerhalb des grossen offenen Raumes dort zu platzieren, wo es gerade möchte. «Die Kinder wollen Aircondition, die Grossmutter will das nicht. So parkieren die Jungen eben neben der Klimaanlage und die Grossmutter sucht sich eine ruhige Ecke», beschreibt der Architekt sein Konzept lapidar.

Fasziniert von Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon, vergleicht Shigeru Ban dessen – dank Verglasungen – visuelle Transparenz mit derjenigen von traditionellen japanischen Häusern, die bei geöffneten Schiebetüren nicht nur visuell sondern auch physisch «transparent» sind. Mit diesem Unterschied spielt er in einigen seiner Projekte ganz bewusst. So schafft er im Erdgeschoss mit dem konsequentem Einsatz von Schiebetüren die Möglichkeit von völlig offenen Raumfolgen, während im Obergeschoss Glasfassaden für Transparenz quer durch das Gebäude sorgen.

In der Schweiz plant der japanische Architekt zurzeit das neue Tamedia-Gebäude in Zürich, und in Metz (F) ist das Centre Pompidou im Bau. Hier habe nicht zuerst der Architekt ein Haus geplant und dann ein Landschaftsarchitekt Bäume darum herum gepflanzt, sondern der Landschaftsarchitekt plante zuerst den Park, und er habe dann ein Dach darüber gespannt, erklärt der Architekt. Der Grundriss des Dachs ist ein Hexagon. Mit dieser für Frankreich symbolträchtigen Form habe es nicht anders sein können, als dass er den Architekturwettbewerb gewinne, meinte Shigeru Ban ironisch. Die Dachkonstruktion aus einem sechseckigen Holzgeflecht wurde in der Vertikalen zu einer beschwingten Form verzogen, inspiriert von chinesischen Strohhüten. Darunter überlagern sich die auf unterschiedliche Aussichtspunkte ausgerichteten Betonkisten der Ausstellungsräume. (Virginia Rabitsch)