Werden Erfolge kleingeredet?

Werden Erfolge kleingeredet?

Gefäss: 
Der jüngste Bericht des Bundes über den Zustand der Schweizer Umwelt ist widersprüchlich: Wasser und Luft seien eigentlich sauberer als je zuvor, und der Zustand der Umwelt sei im internationalen Vergleich hervorragend. Berichtet wird dennoch das Gegenteil.
 
Die Wasserqualität in den Seen und Flüssen hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert, und auch das Grundwasser, aus dem 80 Prozent des Trinkwassers stammen, weist im Allgemeinen eine gute Qualität auf. Die Luftqualität hat sich in den vergangenen 25 Jahren stark verbessert. Dank strikten Vorschriften ist die Umweltverschmutzung durch bekannte Schadstoffe wie Schwermetalle, Dioxine, PCB und weitere persistente organische Verbindungen stark zurückgegangen. Die Schäden durch Naturkatastrophen dürften durch Präventionsmassnahmen, insbesondere durch die Subventionierung von Schutzbauten und die Erstellung von Gefahrenkarten, begrenzt werden.
 
Dies sind alles Zitate aus der Medienmitteilung des Bundesamts für Umwelt (Bafu) und des Bundesamts für Statistik (BfS), mit welcher der neueste Umweltbericht der Schweiz vorgestellt wird. Allerdings finden sich diese guten Nachrichten erst gegen Schluss der amtlichen Mitteilung, die ansonsten, genau wie der besprochene Bericht, eine gänzlich andere Tonalität aufweist: Die Umwelt in der Schweiz gerate immer stärker unter Druck. Die Bedrohungen nähmen in rasantem, ja beängstigendem Tempo zu, und die Umweltbilanz der Schweiz könne bestenfalls als «durchzogen» bezeichnet werden.

Verschlimmerte Darstellung

Eigentlich sollte die 70-seitige Broschüre «Umwelt Schweiz 2009»* den gesetzlichen Auftrag erfüllen, Bevölkerung, Behörden und Wirtschaft regelmässig eine weder geschönte noch künstlich verschlimmerte Darstellung der aktuellen Umweltsituation zur Verfügung zu stellen. Davon ist der Bericht bei objektiver Betrachtung aber weit entfernt. Zwar werden die positiven Fakten zu Fortschritten im Umweltschutz und zur Wirksamkeit von Umweltmassnahmen nicht unterschlagen. Aber sie finden sich im Text nur versteckt wieder, und sie werden durchweg gleich wieder infrage gestellt und durch Einwände abgewertet.
 
So listet der Bericht der Reihe nach die einzelnen Umweltbelastungen und -einflüsse auf und bewertet jeden Punkt anhand einer grafischen Skala, auf der Fortschritte oder Defizite von Umweltbemühungen dargestellt werden. Optisch fällt dies durchaus anschaulich aus, die Wertungen indes wirken manipulativ. Positive Befunde wie die eingangs zitierten werden grösstenteils schlecht bewertet, und in jenen Fällen, die eine positivere Beurteilung eigentlich unumgänglich erscheinen lassen, wird auf die Wertung einfach verzichtet. Letzteres ist beispielsweise beim Thema Luftqualität der Fall, die abgesehen von den bekannten Sommersmogproblemen in der Schweiz hervorragend abschneidet. Ebenso beim Wald, von dem vor allem zu berichten ist, dass er ständig an Umfang zunimmt und dass frühere Berichte, nach welchen er grossflächig am Sterben sei, stark übertrieben waren.
 
Ähnlich willkürlich erscheinen viele der negativen Bewertungsurteile. Beispielsweise jenes zu den Treibhausgasemissionen, die in der Schweiz zu den geringsten in Europa gehören (siehe Grafik rechts) und deren Senkung beziehungsweise Kompensation gemäss dem Kyoto-Protokoll das Land voraussichtlich einhalten wird. Das Fazit dazu: sehr schlecht. Genauso verfährt der Bericht mit vielen seiner eigenen, eigentlich positiven Befunde. Etwa zur Chemikalienbelastung, welche in den letzten Jahren sehr stark abgenommen hat. Ohne weitere Begründung fällt das Urteil hierzu dennoch vernichtend aus; als Erklärung kann höchstens die Anmerkung herbeigezogen werden, noch immer würden (ob in der Schweiz oder weltweit wird nicht verraten) sehr viele Chemikalien hergestellt, «über deren Wirkung und Verhalten in der Umwelt wenig oder nichts bekannt ist». Das würde dann allerdings bedeuten, dass «unbekannt» im Urteil der Autoren beziehungsweise im Umweltschutz grundsätzlich mit «schädlich» gleichgesetzt werden muss.
 
Nichts Positives vermag der Bericht auch in der eigentlich erfreulichen Tatsache zu erkennen, dass in der Schweiz Abfall zu 50 Prozent getrennt gesammelt und zu 50 Prozent umweltverträglich und energiegewinnend verbrannt wird. Die Bewertung dazu fällt sogar sehr schlecht aus, wofür die Autoren erneut eine Erklärung schuldig bleiben. Ähnlich verfahren sie mit dem ebenfalls erfreulichen Umstand, dass Standorte mit Altlasten energisch und zügig saniert werden. Nicht einmal die Tatsache, dass die Flüsse und Seen der Schweiz wohl zu den saubersten der Welt gehören und durchgehend nahezu Trinkwasserqualität aufweisen, ist den Verfassern ein echtes Lob wert. Sie bemängeln vielmehr das technische Detail, dass der Deckungsgrad der öffentlichen Ausgaben für die Abwasserbehandlung zu gering ausfalle.
 

KOMMENTAR

Die negativen Bewertungen entsprechen der allgemeinen Stossrichtung des Berichts, der weniger den Zustand der Umwelt oder die Resultate von Umweltmassnahmen in den Mittelpunkt stellt, sondern vor allem potenzielle Belastungen und Bedrohungen. Das beginnt bereits mit der Einleitung, wo in alarmierendem Ton dargelegt wird, dass praktisch alles, was die Umwelt möglicherweise belasten könnte, in den letzten Jahren zugenommen habe: die Bevölkerung, die Siedlungsfläche, der Verkehr, das Strassennetz, der Ressourcenverbrauch, die Energieimporte und die Abfallmenge.
 
Dass dabei auch wissenschaftlich ungesicherte Umweltbefürchtungen als reale Gefahren dargestellt werden, verwundert nicht (etwa im Fall sogenannter nicht ionisierender Strahlung, deren Auswirkungen auf Lebewesen rein hypothetisch sind). Und dass dabei am Schluss völlig in den Hintergrund gedrängt wird, wie vorbildlich die Schweiz mit echten und vermuteten Umweltgefahren eigentlich umgeht, scheint durchaus beabsichtigt zu sein.
 
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine möglichst negative Präsentation der Faktenlage angestrebt wurde – wohl um der vermeintlichen Gefahr eines Nachlassens von Umweltschutzanstrengungen für den Fall zu begegnen, dass in der Öffentlichkeit der «falsche» Eindruck einer positiven Umweltbilanz entstünde. Diese Taktik ist letztlich aber auch aus Sicht des Umweltschutzes kontraproduktiv. Während in der Wirtschaft – gerade auch in der Baubranche – die Bereitschaft gross ist, trotz unumgänglichen Wachstums und trotz der hohen, von privaten Unternehmen zu tragenden Kosten die Umwelt nicht zu belasten, macht derartiger Mangel an Objektivität die zuständigen Instanzen einfach unglaubwürdig. Gegen Massnahmen, die nicht sauber mit Fakten zu begründen sind, regt sich verständlicherweise Widerstand. Gemäss dem Sprichwort, «wer einmal lügt, dem glaubt man nicht» gilt das auch für künftige Umweltauflagen, die sich offenkundig auf Panikmache oder gar Irreführung zu stützen versuchen.