Wenn künstliches Licht Insekten von der Arbeit ablenkt

Wenn künstliches Licht Insekten von der Arbeit ablenkt

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Pflanzen, die des Nachts künstlichem Licht ausgesetzt sind, werden weniger von bestäubenden Insekten besucht und bilden weniger Samen, als solche, die nach Sonnenuntergang im Dunkeln sind. Dies geht aus Studien zweier Ökologinnen der Universität Bern hervor.

Ob Strassenlaternen, Leuchtreklamen oder Siedlungen – Licht ist allgegenwärtig. Und es wirkt sich auch auf die Tier- und Pflanzenwelt aus. Wie Studien von Eva Knop und Leana Zoller von der Universität Bern erstmals zeigen, stört bei Nacht künstliches Licht die Bestäubung und Samenbildung von Pflanzen. Die beiden Forscherinnen präsentierten ihre Erkenntnisse auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie im deutschen Marburg.

Für ihre Forschungen stellten Knop und ihr Team Strassenlaternen auf und beobachtete dabei, dass Kohldisteln im Lichtkegel einer Lampe nachts sehr viel seltener von bestäubenden Insekten besucht wurden als solche, die im Dunkeln sind. „Durch das künstliche Licht haben die Pflanzen schlechtere Chancen sich fortzupflanzen“, sagt Knop. Vor allem Nachtfalter und Käfer tragen nachts die Pollen von Blüte zu Blüte und finden die Pflanzen über ihren Duft. Warum sie durch das nächtliche Licht beeinflusst werden, erklärt Projektleiterin Knop so: „Wie viele andere Insekten werden die Bestäuber von der Lichtquelle angezogen und so von den Blüten weggelockt.“

Knop und Zoller haben sich für die Kohldistel entschieden, weil diese in allen Höhenlagen bis rund 3000 Meter gedeiht. Damit konnten die Wissenschafterinnen in die Berge ausweichen, denn für ihre Forschungen brauchten sie absolute Dunkelheit bei Nacht: „Wir wollten in einer Region arbeiten, die noch keine Lichtverschmutzung aufweist“, so Zoller. In den Städten seien lichtempfindliche Tiere möglicherweise bereits verschwunden. So konnten sie im Sommer letzten Jahres insgesamt hundert Pflanzen unter die Lupe nehmen, die an fünf Standorten mit Lampen sowie an fünf Standorten ohne künstliches Licht gediehen. Bei den Lampen handelte es sich um standardmässige LED-Strassenbeleuchtung.

Am Ende des Sommers zeigte sich, welche Folgen der Rückzug der Bestäuber auf die Fortpflanzung der Kohldisteln hatte: Das Forscherteam stellte bei denjenigen Pflanzen, die des Nachts dem Licht ausgesetzt waren, eine rund 20 Prozent geringere durchschnittliche Samenausbeute pro Pflanze fest. „Die Bestäubung am Tag kann die Verluste der Nacht nicht kompensieren“, sagt Knop. Kohldisteln werden sowohl tagsüber als auch nachts bestäubt, wie Pilotstudien gezeigt hatten. Wie viele Arten in welchem Ausmass von der reduzierten Fruchtbarkeit durch das künstliche Licht betroffen sind, ist noch offen. - Unterstützt wird das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds. (mai/mgt)