Warten auf die Weltwirtschaft

Warten auf die Weltwirtschaft

Gefäss: 
Die Aussichten für die Schweizer Wirtschaft trüben sich weiter ein. Ab Herbst ist mit einer prekären Situation auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen. Derweil gibt es gewisse Anzeichen für ein allmähliches Auslaufen der Weltwirtschaftskrise. Doch die Entwicklung bleibt unsicher.
 
Die Schweiz ist vor allem ein Exportland und als solches auf eine einigermassen stete Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen aus dem Ausland angewiesen. Auf vereinzelte Nachfragerückgänge konnten die in der Exportwirtschaft tätigen Unternehmen bisher immer sehr gut reagieren. Gingen die Bestellungseingänge aus einer bestimmten Weltgegend zurück, wurde dies in der Regel durch erhöhten oder zumindest gleichbleibenden Bedarf anderswo ausgeglichen. Die aktuelle Weltwirtschaftskrise ist nun aber von ganz anderem Charakter. Der rasante Rückgang der Wirtschaftsleistung war global und erfolgte synchron, sodass die Nachfrage an allen Exportmärkten gleichzeitig einbrach. Dies wirkt nun in Form einer schweren Rezession auf die Schweizer Konjunktur zurück.

Weiter verschlechterte Aussichsten

Weil allerdings die Krise inmitten einer längeren Expansionsphase ausbrach, vermochte die Binnenwirtschaft die Konjunktur über den privaten Konsum noch eine Weile zu stützen. Die letzten Monate waren daher von einer seltsamen Doppelgesichtigkeit der Wirtschaftsentwicklung geprägt. Einerseits haben regierungsamtliche und wissenschaftliche Institute den offiziellen Status der Rezession schon länger ausgerufen. Andererseits schien das bisher die Mehrheit der Unternehmen und die Haushalte nicht gross zu interessieren. Die Schweiz erlebte eine Rezession, die sich sozusagen erst rechnerisch, auf dem Papier manifestierte.
 
Das dürfte sich nun aber rasch und mit zunehmend schärferen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ändern. Zwar wächst der Privatkonsum auch jetzt noch, wie der Anfang Juli zuletzt berechnete UBS-Konjunkturindikator aufzeigt. Im Vergleich zu den konjunkturell noch guten Vorjahren ist die Dynamik aber verschwindend klein geworden. Zudem bildet sich der Indikator immer weiter zurück, zuletzt auf knapp die Hälfte seines langjährigen Durchschnittswerts. Unter anderem geht der Rückgang auf die gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent verminderten Käufe von Neuwagen zurück.
 
Eine entscheidende Wende zum Schlechteren erwarten die Konjunkturinstitute nun auf demArbeitsmarkt. Da die Bestellungseingänge weiter rückläufig sind und eine Verbesserung der Auslandnachfrage Zeit in Anspruch nehmen wird, werden sich die betroffenen Exportunternehmen zunehmend zum Abbau von Personal gezwungen sehen. Gemäss Statistik der Zollverwaltung verzeichneten die Ausfuhren im Mai mit rund 20 Prozent den bisher schwersten Einbruch einer kontinuierlichen Rückbildung seit neun Monaten. Dabei war der Absatz von Schweizer Produkten auf allen Kontinenten gleichermassen betroffen.
 
Der Höhepunkt der zu erwartenden Entlassungen wird von den meisten Konjunkturinstituten gegen Ende des laufenden und Anfang des nächsten Jahres gesehen. Die Arbeitslosigkeit wird stark ansteigen, die Quote dürfte gemäss Schätzungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) auf 5,5 Prozent steigen, was 217 000 Arbeitslosen entspricht. Dies wird das entscheidende Signal für die Haushalte sein, den Gürtel enger zu schnallen, grössere Anschaffungen aufzuschieben und beim täglichen Bedarf möglichst zu sparen; damit wird der Privatkonsum auch seine konjunkturell stützende Wirkung verlieren.

Erst zaghafte Erholungszeichen in der Weltwirtschaft

Die Wahrnehmungsverschiebung bezüglich der Rezession in der Schweiz dürfte aber auch im kommenden Jahr anhalten; denn obwohl viele Konjunkturforschungsinstitute dann bereits das Ende der globalen Krise und ein langsames Anziehen der Exporte vorhersehen, wird die Schweizer Bevölkerung 2010 voraussichtlich als wirtschaftlich besonders schwieriges Jahr erleben. Viele Menschen werden ihre Stelle verlieren, und aufgrund der Arbeitsmarkt- und Lohnentwicklung dürfte die Einkommenssituation der Haushalte verbreitet prekär werden.
 
Aufgrund dieser Erwartung haben manche Institute ihre Prognosen für die nächsten zwei Jahre noch einmal nach unten revidiert; allerdings gibt es auch Ökonomen, welche die unmittelbare Zukunft nicht ganz so düster sehen: Die Zürcher Kantonalbank etwa glaubt, dass die Erholung der Weltwirtschaft schon im nächsten Jahr so nachhaltig ausfallen könnte, dass auch die Schweiz wieder auf einen soliden Wachstumspfad zurückfindet. Richtig daran ist, dass das Ende der Rezession in der Schweiz auf einem Wiederaufschwung der Weltwirtschaft angewiesen ist. Indes bleiben die Vorhersagen der internationalen Institute hierzu sehr zurückhaltend. Der Tenor ist der, dass es zwar gewisse Lichtblicke gebe; diese sollten aber eher als Entwarnung hinsichtlich der allerschlimmsten Befürchtungen betrachtet werden.
 
So wird es wohl zu keiner globalen Depression kommen wie nach der Weltwirtschaftskrise der Dreissiger Jahre. Und auch die Gefahr eines Systemabsturzes der Finanzmärkte kann inzwischen als gebannt betrachtet werden.Typisch für den sehr verhaltenen Optimismus ist ein Prognose-Update des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Weltwirtschaft. Wie um ja nicht zuviel zu versprechen werden darin die Wachstumsaussichten für das laufende Jahr noch einmal ein wenig nach unten korrigiert und erst diejenigen für das Jahr 2010 etwas verbessert (vgl. Tabelle «Weltwirtschaft, IWF-Prognose»). In einem gleichzeitig veröffentlichten Papier über die Verfassung des internationalen Finanzsystems weist der IWF darauf hin, dass mittlerweile ein Kollaps weitgehend ausgeschlossen werden kann; eine Mehrzahl systemrelevanten Banken sei aber immer noch auf staatliche Hilfen angewiesen und kaum in der Lage, ihrer Funktion als Kreditgeber nachzukommen, was für die Konjunktur pures Gift sei.
 
Noch etwas optimistischer präsentieren sich dagegen die jüngsten Werte der vorlaufenden Indikatoren der OECD (Composite Leading Indicators, CLI). Im Mai haben sie sich zum dritten Mal hintereinander fast durchgehend verbessert, teilweise sogar kräftig. Im Fall von Italien und Frankreich stehen sie erstmals auch wieder im positiven Bereich (vgl. Tabelle «OECD- und Schwellenländer, vorauseilende Indikatoren»). Die Verbesserung wird hier vor allem anhand der Trends erkennbar, die noch vor drei Monaten praktisch überall auf «Abschwung» gelautet haben. Inzwischen rechnet die OECD damit, dass in vielen Industrieländern zumindest die Talsohle der Wachstumsrückgänge erreicht sein dürfte.