Wandkleider für Raumschiffe

Wandkleider für Raumschiffe

Gefäss: 
Teaserbild-Quelle: zvg
Dynamische Linien, organische Formen und riesige Ausmasse – Zaha Hadids Tapeten für die Marburger Tapetenfabrik sind eher Kunstwerke als gewöhnliche Wandkleider.
 
 
Die Landschaft, die Topografie eines Raumes sei ein verbindendes Element ihrer Projekte, erklärte Zaha Hadid einmal in einem Interview. Man finde Anklänge an Vulkankrater, Felsen, Licht, Flüssigkeit, Luft. Das trifft auch für ihre aktuelle Tapetenkollektion zu, die sie für die Marburger Tapetenfabrik entworfen hat: Da bewegen sich gewellte Linien in Bordeaux rhythmisch über einen leuchtend roten Grund und erinnern dabei entfernt an Lava. Dynamisch wirken auch die an Luftblasen gemahnenden Ornamente in Grau und Weiss, die sich ebenfalls zu bewegen scheinen. Und dann gibt es noch ein organisches Muster in Blautönen, das aussieht, als ob ein vergrösserter Schwamm oder ein Pflanzengeflecht zu den geschwungenen Formen inspiriert hat.
 
Die Tapeten scheinen ein Stück stilisierter Natur von Draussen nach Drinnen zu transportieren. „Wenn ich baue, denke ich tatsächlich immer daran, wie gern die meisten Menschen in der Natur spazieren gehen. Sie fühlen sich einfach gut dabei“, sagte Hadid gegenüber der Süddeutschen Zeitung. „Vielleicht begreifen sie meine Architektur intuitiv als eine Art Landschaft im urbanen Raum.“ – Die Tapeten der Architektin sind mehr als „nur“ Wandkleider. Vielmehr sind sie gigantische Bilder, ihre Masse sprengen die Sehgewohnheiten: Sie sind bis zu neun Meter breit und 3.30 Meter hoch.

„Ölfarbenanstriche auf Rollen“

Mit ihren Tapeten reiht sich Zaha Hadid in eine illustre Galerie ein, einerseits bei der Marburger Tapetenfabrik, für die seit rund 20 Jahren regelmässig namhafte Künstler und Designer wie etwa Luigi Colani Entwürfe liefern; andererseits aber auch in der Architekturgeschichte: Im Jahr 1930 entwirft Le Corbusier für die Basler Tapetenfirma Salubra eine Kollektion von insgesamt 43 puristischen Farbtapeten, oder vielmehr „Ölfarbenanstriche in Rollen“. Sie sollen für gute Qualität und exakte Farbtöne in seinen Häusern sorgen. Der Grund dafür liegt darin, dass sich Le Corbusier wegen seines Erfolgs seine Bauten nicht überall entsprechend intensiv kontrollieren kann; wegen ungenauer Farbabmischungen oder unterschiedlicher Untergründe entspricht ihr Farbschema nicht seinen Vorgaben.
 
Fast zur selben Zeit setzt man sich auch im Bauhaus Dessau mit Tapeten auseinander. 1929 bringt die Firma Rasch eine Kollektion von zurückhaltend gemusterten Wandkleidern auf den Markt. Diese sogenannten „Siedlungstapeten“ werden vor allem im sozialen Wohnungsbau eingesetzt: Sie bieten eine günstige Alternative zum teureren Wandanstrich. Die Tapeten finden reissenden Absatz. Innerhalb von vier Jahren werden sechs Millionen Rollen verkauft. Wenige Jahre später verpflichtet Rasch Josef Hofmann den Mitbegründer der Wiener Secession für die Kollektion „Wiener Künstlertapeten“, zu der teils verspielte Schöpfungen mit Namen wie „Zauberflöte“ oder „Romeo und Julia“ zählen. Ebenfalls verspielt wirken rund ein knappes halbes Jahrhundert später die Tapeten von Ettore Sotsass, dem Mitbegründer der Memphis-Gruppe. Zwischen seinen bonbonbunten, postmodernen Mustern und Zaha Hadids Entwürfen liegen Lichtjahre: Denn im Gegensatz zu Sottsass’ Tapeten wirken Hadids Kreationen wie aus einer fernen Zeit, wie Science Fiction für die Wände. Denn so könnte das Innere eines eleganten Raumschiffs aussehen. Stanley Kubriks Space Odyssey 2001 lässt grüssen. (mai)