Vom Engelshaar zum Datenturbo

Vom Engelshaar zum Datenturbo

Gefäss: 
 
In der Schweiz wird ein neues Netz gesponnen. Statt schwerer Kupferkabel werden allerorten dünne Glasfasern verlegt, die für flinken Datentransport sorgen. Diese fiberoptischen Leiter haben eine lange Geschichte und verblüffen mit unvorstellbarem Tempo und technischen Höchstleistungen.
 
1600 Jahre vor Christus zogen die Ägypter Fäden aus geschmolzenem Glas und verzierten damit Gefässe. Erst 3000 Jahre später gelang es Kunstglasbläsern haardünne Glasfäden, so genanntes Engelshaar, herzustellen. Diese wurden dann um 1830 erstmals mit Leinen verwebt - im Sarg Napoleons schlummert etwa ein solches Tuch.
  
Eine andere Anwendung für diese Glasfasern waren damals unverbrennbare Lampendochte. Es folgten Perücken, glasfaserverstärkte Kunststoffe und die unvergesslichen Tischlampen aus aufgefächerten Glasfaserbündeln, die in den der 70er-Jahre Bars und Discos zierten.
  
Lichtblitze für das Internetzeitalters
  
Dass man Glasfasern auch für die Datenübertragung einsetzen kann, erkannte man erst in den 60er-Jahren. Voraussetzung dafür war die Erfindung des Lasers, der genügend Lichtleistung bot, um Daten mit einer Art Morsecode durch Glasfasern zu transportieren. Der Rest ist rasante Technologiegeschichte.
  
Erst 1970 entwickelte die deutsche Firma Corning ein Glas, das rein genug war, um Licht über grössere Distanzen zu transportieren. Die heute verwendeten Glasfasern sind heute rund zehnmal dünner als ein menschliches Haar. In den späten 70er-Jahren wurden zuerst von Telefongesellschaften und Forschungsbetrieben die ersten kommerziell genutzten Glasfaserstrecken installiert. 1978 verkündeten die Deutschen stolz, dass sie mit einer vier Kilometer langen Glasfaser zwei Telefonzentralen verbunden hatten.
  
Immer länger und leistungsfähiger
  
Heutige Kabelbauer lächeln nur noch über diese "alte Technologie". Moderne Glasfaserverbindungen überwinden Strecken von mehreren Tausend Kilometern. Das Licht wird dabei allerdings unterwegs mehrfach wieder "verstärkt".
  
Schon 1988 wurde das erste transatlantische Glasfaserkabel zwischen Frankreich und USA verlegt. Diesen Sommer beginnt man damit, eine 15'000 Kilometer lange direkte Glasfaserstrecke durch das Meer zwischen England und Japan zu installieren. Die Börsendaten zwischen den beiden Finanzmetropolen können dann um 62 Millisekunden schneller als bisher ausgetauscht werden.
 
Was Glasfasern leisten können, erlebten die Schweizer auch beim Durchstich des Gotthardtunnels. Für dessen TV-Übertragung verlegte die Firma Huber & Suhner 16 Kilometer Glasfaserkabel, davon 800 Meter freihängend im Zugangsschacht von Sedrun.
 
Nicht nur die Kabellängen, sondern auch das Tempo hat sich in den letzten Jahren um Faktoren erhöht. Mit einem Lichtsignal lassen sich bis zu 512 Gigabits pro Sekunde übertragen. Weil in einer Glasfaser parallel Lichtblitze in "verschiedenen Farben" übertragen werden, liegt heute die nutzbare Leistung einer Glasfaser bei knapp zwanzig Terabits pro Sekunde. Damit kann man pro Sekunde den Inhalt von über 500 Film-DVD oder knapp 600'000 Bibeln übertragen.
  
Glasfaser im Alltag
  
In der ganzen Schweiz werden heute bestehende Telefon-Kupferkabel mit Glasfasern ergänzt. Technisch kann der Lichtleiter das Kupferkabel ersetzen, die komplette Versorgung mit Telefonie, Internet und TV erfolgt dann per Licht. Dank dem Projekt "Fibre to the home" erhalten also immer mehr Häuser einen direkten Glasfaseranschluss.
  
Die Verkabelung innerhalb der Wohnung geschieht dann aber meist noch mit üblichen elektrischen Ethernetkabeln. Zwar ist die Technik für "Fibre in the home" bereit, das Verkabeln mit Glasfasern ist aber deutlich anspruchsvoller als mit herkömmlicher Kupfertechnik. Erstens können Glasfasern nicht beliebig gebogen werden, was das Verlegen um Ecken schwierig macht. Zweitens müssen die Verbindungen zwischen Glasfaserkabeln absolut nahtlos und staubfrei sein, damit das Licht ungestört passieren kann.
 
Allerdings haben viele Musikliebhaber schon seit Jahren Glasfaser in ihrer Stube: Denn Moderne Audiogeräte werden am einfachsten mit sogenannten optischen Toslink-Kabeln verbunden. Diese basieren ebenfalls auf Glasfasertechnik und transportieren digitalisierte Musik mit Lichtblitzen.
 
(sda)