Vermittler zwischen Klang und Natur

Vermittler zwischen Klang und Natur

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Teaserbild-Quelle: Foto: Roland Merz
Zwischen Säntis und Churfirsten liegt eine einzigartige Landschaft. An diesem urtümlichen Ort hatte der Musiker Peter Roth vor bald dreissig Jahren eine Vision von einer Klangwelt, die Brücken zwischen unterschiedlichsten Musikkulturen schlägt. Die abenteuerliche Geschichte eines Klanghauses, das Treffpunkt, Vermittler und Zentrum dieser Welt werden soll.
 
 
 
«Klang verbindet uns nach aussen und nach innen. Nach aussen mit der Natur, mit dem Plätschern des Bachs und dem Singen des Windes, und über die Proportionen der Obertonreihe mit den grossen Gesetzen des Universums. Klang verbindet uns nach innen, in die eigene Mitte, ins ruhende Jetzt zwischen Zukunft und Vergangenheit.» Dies sind Worte von Peter Roth. Dem Musiker, Komponisten und Lehrer liegt die musikalische Kultur der Berge unmittelbar am Herzen. Sein Grossvater nahm ihn stets mit ins Toggenburg und führte ihm die Landschaft und die Alpfahrten näher: «Dies war meine erste intensive Begegnung mit der Landschaft des Toggenburgs und ihrer Klangkultur», führte Roth aus. In seinem letzten Studienjahr am Schulmusik Konservatorium in Zürich belegte er ein Seminar von Karlheinz Stockhausen. Der vor drei Jahren verstorbene Musiker gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. «Stockhausen beschrieb in seinem Seminar den Klang als eigenständiges Medium und löste in mir eine tiefe Faszination für diese Welt aus», erinnert sich Peter Roth an die prägende Begegnung.
1993 am Schwendisee im oberen Toggenburg begann seine Idee einer Klangwelt erste Formen anzunehmen. An diesem urtümlichen Ort vermittele Roth bis heute die wichtigsten Formen der heimischen Musikkultur. Der Naturjodel, der Alpsegen, die Schellen und das Hackbrett sind stark in der einheimischen Bevölkerung verankert. Die untemperierten Naturtöne, welche überraschende Verbindungen zu anderen Musikstilen in Europa, Afrika und Asien herstellen, sind kennzeichnend für die einzigartigen Klangkulturen. «Gerade solche Brückenschläge zwischen lokaler und fremder Kultur, aber auch die Spannungsverhältnisse zwischen Tradition und Avantgarde, zwischen Spiritualität und Alltäglichkeit, zwischen freiem Experiment und strenger Form machen die Lebendigkeit der «Klangwelt Toggenburg» aus,» sagt der Freidenker Roth. Was mit drei Kursen pro Woche begonnen hat, ist heute zu einem riesigen, vielschichtigen Angebot von 70 Kursen pro Woche angewachsen.
 

Der Besuch bei Peter Zumthor

Als Kirchenmusiker war Peter Roth gewohnt, in akustisch prägenden Räumen zu spielen oder zu dirigieren. Als Chorleiter stand er zum Beispiel oft in der Kirche Alt St. Johann. Für ihn stellte sich deshalb bald die Frage, in welchen räumlichen Bedingungen sollten die Kurse in Zukunft abgehalten werden. Das Kulturhotel Seegüetli am Schwendisee steht zwar an einem landschaftlich einmaligen Ort, kann aber akustisch keinen überzeugenden Rahmen bilden. «Mir schwebte ein Raum vor, der gute Akustik mit einer gewissen Intimität verbindet. In einer Kirche verliert man sich als kleine Gruppe schnell», sagt Roth. So war die Vision eines Klanghauses am Schwendisee geboren.
Diego Giovanoli, der sich als ehemaliges Vorstandsmitglied des Bündner Heimatschutzes einen Namen in der Architekturszene gemacht hat, vermittelte 2002 dem befreundeten Roth einen Besuch bei Peter Zumthor. Mit seinen Ideen im Gepäck reiste er nach Haldenstein und musste erstmal warten. «Ich beobachtete damals, wie der Architekt mit seinen Studenten über das Projekt des Diözesanmuseums Kolumba in Köln diskutierte. Immer wieder streute Zumthor in den Dialog Pausen ein, während denen die Studenten das Diskutierte setzen und verarbeiten konnten,» führt der Musiker aus. Diesen Umstand beeindruckte Roth nachhaltig. Zu Beginn des Gesprächs stellte der Architekt drei einfache Fragen: Wie still ist es am Schwendisee? Wie gross ist der Bauplatz? Wie wird das Projekt «Klanghaus» finanziert? «Nach 20 Minuten gab Peter Zumthor seine Zustimmung, einen Entwurf zu entwickeln. Noch nie hatte mir jemand so schnell seine Zusage gegeben», erinnert sich Peter Roth an die erste Begegnung mit dem Bündner Architekten und fügt an: «Das „Ja“ von Peter Zumthor war der Resonanzboden für die weitere Entwicklung des Projekts. Sein Mittun hat die Idee des Klanghauses wachsen lassen und international verankert.»
 

Mit kantonaler Unterstützung

Das grosse Interesse an den Kursen der Klangwelt Toggenburg und das Mittun von Peter Zumthor an der Umsetzung eines Klanghauses als Zentrum der Vision von Roth brachte den Kanton ins Spiel. Man wollte das Projekt finanziell unterstützen. Doch an einer ersten Volksabstimmung fand das Kulturengagement keinen Segen. «Das Projekt wurde zwar abgelehnt, doch in der Gemeinde Alt St. Johann nahmen 76 Prozent die Vorlage an. Für mich war nun klar, dass die Klangwelt und so auch das Klanghaus am Ort eine breite Unterstützung erfährt und auch verstanden wird», sagt Peter Roth. Dieses Negativerlebnis brachte die Entwicklung der Klangwelt nicht ins Stocken. 2006 klopfte der Kanton erneut an und nach einem regierungsrätlichen Beschluss wurde das Projekt neben dem Kunst(zeug)haus in Rapperswil-Jona und der Lokremise St. Gallen zu einem von fünf Kulturprojekten erhoben. «Es ist klar, dass sich der Betrieb eines Klanghauses nicht rechnet. Da man wohl kaum einen Mäzen findet, der sich über 20 bis 30 Jahre finanziell beteiligt, ist das Engagement des Kantons besonders wichtig», beschreibt der Musiker. Der Plan ist nun, das der Kanton St. Gallen den Bau sowie einen jährlichen Beitrag an den Betrieb des Klanghauses bezahlt. «Da das ganze Projekt eine breite Abstützung erfährt – es sind sowohl das Baudepartement, das Departement des Innern mit dem Amt für Kultur wie auch das Volkswirtschaftsdepartement bezüglich Tourismus beteiligt – blicke ich durchaus positiv auf die Volksabstimmung im Jahr 2013», bilanziert Peter Roth. «Dort wird schlussendlich über das definitive Projekt des Klanghauses wie auch über den jährlichen Beitrag befunden.»
Der Kanton St. Gallen schloss nun mit Peter Zumthor einen Vorvertrag ab. Doch gegen diese private Initiative legte der SIA St. Gallen Einspruch ein. Schlussendlich sprach das Verwaltungsgericht ein Machtwort, dass ein öffentlicher Architekturwettbewerb ausgeschrieben werden müsse. So gingen die Verantwortlichen über die Bücher und man entschied sich nicht für einen gewöhnlichen Projektwettbewerb, sondern lobte eine sogenannte Thesenkonkurrenz aus. «Wir stellten uns Fragen, wie sieht die bauliche Umsetzung einer optimalen Akustik aus oder wie kann das Haus in die Landschaft am Schwendisee integriert werden. An der Konkurrenz sollte kein konkretes Projekt sondern eine These zu diesen zentralen Fragen diskutiert werden», erklärt Peter Roth. «Die Jury sollte dann entscheiden, welche These am Optimalsten zu realisieren war.» Peter Zumthor liess zwar zu Beginn offen, ob er an der Thesenkonkurrenz mittun wollte. Er liess aber schlussendlich verlauten, dass mit der Erarbeitung des Programms das Projekt eine Richtung genommen habe, die nicht zu seiner Arbeitsweise passe.
 

90 Büros aus aller Welt

Die Thesenkonkurrenz wurde als einzigartige Chance verstanden, das einmalige kulturelle Gut des Toggenburgs zu zeigen und der Klangwelt eine feste Heimat zu geben. In einem zweistufigen Verfahren sind insgesamt 90 Bewerbungen aus aller Welt eingegangen. Das Preisgericht wählte sechs Architektenteams, die bis im März 2010 eine These ausarbeiten mussten. Mit dem japanischen Büro Sanaa, den Teams von Caruso St. John aus London, Steven Holl aus New York und Snohetta aus Oslo sowie den Schweizer Architekten Miller Maranta und Meili Peter liest sich die Teilnehmerliste wie ein kleines Who-is-Who der Szene.
Die besondere Lage nahm Sanaa als konzeptuellen Ansatzpunkt zu seiner These. Die Architekten entwickelten nicht ein physisch fassbares Gebäude, sondern schlugen eine Schar von schwebenden Segeln vor, die die Grenze zwischen Kulturlandschaft und Natur am See besetzen. Für die Jury war der Vorschlag von Sanaa, der visuell wohl am stärksten dominierte Entwurf. «Keiner machte in diesem Masse aus einem Raum des Hörens einen des Sehens, und keiner beschränkte in diesem Masse den Raum der Landschaft auf ein Bild der Landschaft.» Noch weiter gingen die Norweger von Snohetta. Sie stellten die These «die Landschaft formt das Klanghaus» auf. Mittels eines Formengenerators sollen dann die digitalen Daten dieser «DNA» in eine dreidimensionale Form übersetzt werden.
Miller Maranta Architekten stellten ein Team mit technischen Spezialisten und dem Musiker Paul Giger, der als Inspirator den ganzen Planungsprozess begleitete, zusammen. Entstanden sind dichte und dank vieler Assoziationen sehr anschauliche Aussagen zur Architektur, zur Landschaft, zum Ort, zur Musik, zu visueller und akustischer Wahrnehmung. Gerade die Breite, so anregend sie war, erschwerte für das Preisgericht am Ende, die entwerferische Strategie in ihren Konturen genauer zu erkennen.
Das Londoner Architekturbüro Caruso St. John stellte fest, dass zwischen verschiedenen Volkskulturen überraschende Verwandtschaften bestehen. Dieser Erkenntnis gilt genauso für die Architektur. Das Team zeichnete ein Steinfeld am See, das auf archaische Weise einen Platz in der Landschaft besetzte. Mit einem steinernen Sockel und einer Umfriedungsmauer fassen die Architekten den Ort. Wie die Räume für Klang und Menschen aussehen würden, blieb zu diesem Zeitpunkt bewusst vage. Einen ganz anderen Ansatz wählte Steven Holl. Der New Yorker entwickelte auf der Grundlage eines musikalischen Stückes das Klanghaus. Er komponierte ein weitgehend unterirdisches Raumgefüge. So entstand ein Feld von 51 aus dem Boden ragenden Oberlichtern, das eine Verbindung zwischen dem inneren Konzept und dem Ort schaffen sollte. Die Jury taxierte es als falsch, auf eine Aussenseite des Hauses zu verzichten.
 

Meili Peter als Sieger der Thesenkonkurrenz

Aus den sechs eingereichten Thesen entschied sich die Jury mit grosser Mehrheit für diejenige von Marcel Meili und Markus Peter. Das Zürcher Architekturbüro überzeugte gemäss dem Bericht des Preisgerichts «durch die präzisen, mitunter überraschenden Erkenntnisse, aber auch durch die intensive Auseinandersetzung mit dem geografischen und kulturellen Ort». Peter Roth, der Initiant der Klangwelt Toggenburg, ist besonders angetan, dass die Architekten die Idee eines begehbaren Instruments aufgegriffen haben. Durch das Schliessen und Öffnen der hohlen Wände wird die Akustik verändert. «Man kann bei der Idee von Meili Peter den Raum stimmen wie ein Instrument», führt Roth aus. «Nicht wie beim KKL in Luzern, wo Techniker für die optimale Raumakustik zuständig sind, können beim Klanghaus die Musiker selber den Raum stimmen.» Der Vorschlag der siegreichen Architekten richtet sich auf drei Seiten wie Flügel in die Landschaft. Bildern gleich werden Schwendisee, Schafberg und das Tal eingefangen. Die Konzeption des Hauses verbindet das Öffnen zur Natur und die Konzentration nach innen. Eine grosse Qualität ist diese präzise Verortung des Baukörpers in der Landschaft. Entscheidend für die Jury ist, dass das von den Architekten vorgeschlagene Projekt als Formel- und nicht als konkreter Entwurf zu betrachten ist.
Die ersten Vorgespräche zwischen Architekten und Bauherrschaft haben stattgefunden. Bis im Sommer haben Meili Peter das Vorprojekt abgeschlossen, um anschliessend in die definitive Projektierungsphase zu starten. Der Plan sieht vor, dass 2012 der definitive Entwurf für das Klanghaus vor den Kantonsrat kommt, bevor 2013 die kantonale Volksabstimmung erfolgt. Der Architekt Marcel Meili ist sich sicher, dass die Kraft der Idee dem Projekt zum Durchbruch verhelfen wird. Das Klanghaus avanciert zum stillen und trotzdem kommunikativen Zentrum der Vision Klangwelt Toggenburg.
von Roland Merz
 

47.187344, 9.331223