„Verdichtung als Chance begreifen“

„Verdichtung als Chance begreifen“

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Teaserbild-Quelle: zvg
Hochhäuser sind mehr als blosse Prestigeobjekte. Sie setzen städtebauliche Akzente und können für eine Stadt durchaus auch identitätsbildend sein. Um innovative Lösungen zu finden, müssen jedoch sämtliche Protagonisten schon früh an den runden Tisch gebeten werden. So kann das Hochhaus zum Stadtbaustein werden. Ein Gespräch über das Hochhaus und seine städtebauliche Bedeutung mit Angelus Eisinger, Städtebau- und Planungshistoriker.
  

Angelus Eisinger from Matthias Dietiker on Vimeo.

 
 
Die Schweiz erlebt in den letzten Jahren einen regelrechten Hochhaus-Boom. Worauf ist dies Ihrer Meinung nach zurückzuführen?
 
Angelus Eisinger: Ob es sich wirklich um einen Boom handelt, sei mal infrage gestellt. Ich würde eher von einer Massierung von Hochhausprojekten nach einer langen Phase der Inaktivität zwischen Ende der 1970er-Jahre bis Mitte der 1990er-Jahre sprechen, die dazu führt, dass uns diese Massierung auffällt. Ein wesentlicher Grund, dass es im Moment so viele Hochhausprojekte gibt, liegt in einer Begleiterscheinung der ¬Deindustrialisierung der 1980er- und 1990er-Jahre. Diese hat in vielen Städten grosse Flächen in Zentrumsnähe freigespielt, auf der nun Hochhäuser möglich werden. Dabei spielt heute die erhöhte Dichte bei diesen Projekten eine wesentliche Rolle, da diese Areale als Industrieareale über hohe Ausnützungen verfügten, an denen bei der Umzonung nichts verändert wurde. Das Diktum der Moderne, Dichte für Hochhäuser keinesfalls zu erhöhen und somit die Anreize für Hochhausbauten gering zu halten, konnte damit ausgehebelt werden.
 
Welche städtebauliche Bedeutung haben Hochhäuser denn?
 
Das Hochhaus ist seit seinen Anfängen in Chicago und New York gegen Ende des 19. Jahrhunderts Teil des modernen Bauens. Dabei war die europäische Debatte im 20. Jahrhundert stark von der Idee der modernen Stadt geprägt, die dem Hochhaus einen konzeptionell präzise festgelegten Auftrag in der Umsetzung dieser Stadt zuweisen wollte. Dieser Grundgedanke war gerade in der Schweiz in den Nachkriegsjahren bis Ende der 1960er Jahre dominant. Die Stadtzentren blieben dabei weitgehend hochhausfrei, vertikale Akzente wurden vor allem in den neuen Aussenquartieren, aber auch in der Agglomeration gesetzt wie etwa in Spreitenbach oder im Berner Tscharnergut. Pioniere des Hochhauses in der Schweiz waren etwa Werner M. Moser (Hochhaus Palme in Zürich), Alfred Roth mit Alvar Aalto, Otto Senn oder der Zürcher Stadtbaumeister Albert Heinrich Steiner. Diese Architekten und Planer sahen das Hochhaus als durchaus ambivalentes Symbol des Fortschritts, das die Insignien der bürgerlich-christlichen Gesellschaft wie etwa Kirchtürme, Rathäuser und andere Wahrzeichen nicht konkurrieren durfte und das aufgrund seiner hohen Sichtbarkeit nur von ausgewiesenen Experten realisiert werden sollte.
 
Wie sieht die städtebauliche Diskussion in dieser Hinsicht heute aus?
 
Heute ist die Hochhausdiskussion immer mehr ökonomisch und standortpolitisch geprägt. Bei der ¬Debatte um den Roche Tower in Basel geht es zum Beispiel um das Abwägen von Fragen, die weit über den Städtebau hinausgehen. Eigentlich geht es um die Frage: Forschungsstandort Basel ja oder nein? Und wenn man diese Frage mit Ja beantwortet, dann ist es klar, dass die erhöhte Dichte, welche für den Fortbestand und den Ausbau des Forschungsstandortes benötigt wird, nur in der Vertikalen passieren kann. Die Vorzeichen für die Diskussion sind somit ganz andere als in der Nachkriegszeit. Die Grundprinzipien aller mir bekannten aktuellen Hochhausregelwerke in der Schweiz sind jedoch in den 1950er- und 1960er-Jahren formuliert worden. Sie prägen den Umgang mit der Hochhausfrage bis heute und schaffen dem Bautyp ein enges Korsett.
 
Kommen wir auf die aktuelle räumliche Entwicklung zu sprechen, die aktuell wieder stark unter dem Aspekt der Verstädterung diskutiert wird. Was muss sich denn in der Planung ändern?
 
Eine aufgeregte Diskussion über die Bedrohung der Ressourcen reicht natürlich nicht. Über diese Fakten sind sich die Experten schon seit Jahrzehnten einig. Vielmehr geht es um die Frage, wie sinnvolle Prinzipien wie die der Verdichtung nach innen umgesetzt werden können und welchen Beitrag Verdichtungsoptionen wie das Hochhaus zur Stärkung der städtischen Identität liefern können. Dabei gilt es, Verdichtung als Chance zu begreifen. Dazu muss freilich als Erstes anerkannt werden, dass die dominante Realität der Schweiz eine städtische ist.
 
 
Dies könnte jedoch schwierig werden. In Ihrer Habilitationsschrift über den Städtebau und die Stadtentwicklung der Schweiz in den Jahren 1940 bis 1970 attestieren Sie den Schweizern eine gehörige Portion Stadtfeindlichkeit. Hat
sich diese gewandelt?
 
Bei der Stadtfeindlichkeit, die den Schweizern aus zitierten Quellen in meiner Arbeit attestiert wird, geht es vor allem um einen Ideologiestreit zwischen Stadt und Land. Die Realität hat die Ideologie jedoch eingeholt. Die Schweizer haben sich zum Beispiel in ihrem Pendlerverhalten längst an die städtische Realität der Schweiz angepasst. Ich finde es müssig, darüber zu debattieren, ob zum Beispiel Opfikon nun auf dem Land ist und der daran angrenzende Zürcher Stadtteil Oerlikon nicht. Eine intelligente Verdichtung nach innen, die diese zwei ¬Seiten zusammendenkt, ist unumgänglich.
 
Wie würden Sie vorgehen?
 
Zunächst gilt es, die Verdichtungsdiskussion viel pragmatischer und nüchterner anzugehen. Bis heute kann ich mich als Bürger zu einem Hochhaus eigentlich nur ästhetisch äussern. Entweder gefällt es oder es gefällt nicht und dieses Urteil fällt dann bei der Entscheidungsfindung nicht ins Gewicht. Die Verdichtungsdiskussion muss jedoch viel grundlegender angegangen werden. Es geht dabei um ein Geben und Nehmen. Wie unter derartigen Vorzeichen geplant werden kann, dazu gibt es interessante Beispiele. In Seattle zum Beispiel konnten die Bauern im Umland ihre Entwicklungsrechte an die «Downtown» abgeben. Dadurch wurde dauerhaft ein grosser Grün- und Landschaftsgürtel um die Stadt geschaffen – eine der grossen, aber kaum je realisierten planerischen Visionen der regionalen räumlichen Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Im Gegenzug wurden dank dieser Entwicklungsrechte die Hochhäuser im Zentrum, dort wo es sinnvoll ist, aufgestockt. In einer solchen Planungskonzeption liegt viel stadtentwicklerischer Gestaltungsraum. Einem Investor kann man zu Beispiel sagen, dass er sein Hochhaus noch 50 Meter höher bauen darf, wenn er dafür neue Infrastrukturen für die Quartierentwicklung bereitstellt oder preisgünstigen Wohnungsbau schafft. Damit ist die stadtgesellschaftliche Debatte lanciert, welche Rolle ein konkretes Hochhausprojekt spielen kann und soll.
 
Wer müsste denn für solche Aktionen ins Boot geholt werden?
 
Da sind einmal die «Usual Suspects» wie Investoren und Grundeigentümer, Behördenvertreter, Architekten, Soziologen und weitere Experten zu nennen. Es ist jedoch wichtig, dass es sich dabei nicht um eine elitäre Debatte handelt. Auch die konkret betroffene Bevölkerung sollte zu Wort kommen. Je früher alle potenziell Betroffenen an den runden Tisch sitzen, desto eher findet man eine Lösung, die alle Parteien zufriedenstellt. Wie wichtig das ist, hat namentlich Zürich bei einigen Grossprojekten in den letzten Jahren schmerzhaft erfahren müssen.
 
Neben den Akteuren geht es aber wesentlich um die Definition der Aufgabenstellung. Mit den Testplanungsverfahren verfügen wir in diesem Zusammenhang in der Schweiz über ein bewährtes Instrument, neue Wege anzudenken. Das ist das Entscheidende. Meistens wird nämlich viel zu schnell von konkreten Planungsaufgaben ausgegangen. Zu Beginn kann deshalb den Planungsämtern so Hilfestellung geboten werden bei der Definition der Aufgabe, die es zu lösen gilt. Was als «Business as usual» erscheinen mag, ist nie «Business as usual», sondern eine Aufgabenstellung, die Ort für Ort neu durchdacht werden muss, um den spezifischen Anforderungen gerecht werden zu können und mit Grossprojekten, und das sind ja Hochhäuser auf alle Fälle, tatsächlich produktive Impulse setzen zu können. Dabei sind die Schnittstellen des Objekts zur Umgebung von zentraler Bedeutung materiell wie immateriell.
 
Grossprojekte müssen auch als Impulse für ein besseres Funktionieren der darum herum existierenden Quartiere begriffen werden. Unter diesen Vorzeichen bildet der Bau eines Hochhauses mehr als alle anderen Bauaufgaben eine stadtgesellschaftliche Debatte.
 
 
Wie sieht die Hochhausgeschichte der Schweiz im internationalen Vergleich aus?
 
Wenn man die Geschichte des Hochhauses international anschaut, dann gibt es eigentlich drei Hochhaus-Kulturen. Die eine ist die idealistisch-europäische, die, wie in der Schweiz, sehr stark von den Ansichten der Moderne geprägt ist, dann die pragmatisch US-amerikanische und als Potenzierung davon die asiatische.
 
Momentan beobachten wir in vielen europäischen Städten eine Tendenz zu Hochhäusern als Leuchttürmen in einem Prozess der Neupositionierung im internationalen Standortwettbewerb. Hochhäuser bedeuten hier zunächst einmal Sichtbarkeit, während die weiteren Effekte im Unklaren bleiben. Zur asiatischen Hochhausentwicklung fällt es mir schwer, etwas zu sagen. Es ist allerdings erstaunlich, in welchem Tempo sich Städte wie Shanghai entwickeln, wie viele Hochhäuser dort in kürzester Zeit errichtet werden konnten.
 
Für mich als Städtebauer und Planungshistoriker entstehen dabei jedoch sehr viele Fragezeichen. Gut möglich, dass es sich hier um ein frankensteinisches Gesellschaftslabor handelt, das in diesen Ausmassen auch nur in totali-tären Staaten möglich ist, wo gewachsene Strukturen einfach durch Top-down-Masterpläne ersetzt werden können. Allerdings: Wenn man mit Chinesinnen und Chinesen spricht, dann empfinden viele diesen Strukturwandel auch als befreiend, aber es ist ein Experiment, von dem man nicht weiss, was dabei herauskommt. Im arabischen Raum ist derart viel Geld für Prestigeprojekte gerade auch in der Vertikalen vorhanden, dass die dortige Hochhausentwicklung kaum sinnvolle Vergleiche erlaubt. (Anita Simeon Lutz)
 
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Literaturtipp

Haefeli Moser Steiger 
Die Architekten der Schweizer Moderne
Werkkatalog und vollständiges Werkverzeichnis
Sonja Hildebrand, Bruno Maurer, Werner Oechslin (Hg.) Mit Beiträgen von Nicole Caminada, Sonja Hildebrand, Sibylle Hoiman, Monika Isler, Andres Janser, Bruno Maurer, Marcel Meili, Werner Oechslin, Arthur Rüegg, Andreas Schätzke, Miroslav Šik, David Wyss und anderen
Fotoessay von Georg Aerni
Die drei Zürcher Architekten Max Ernst Haefeli (1901–1976), Werner M. Moser (1896–1970) und Rudolf Steiger (1900–1982) trugen massgeblich zur Etablierung der Moderne in der Schweiz bei. Darüber hinaus gelang es ihnen, der nationalen und internationalen Architektur auch in den folgenden Jahrzehnten immer wieder neue und nachhaltige Impulse zu geben.
 


Rezension

Max Ernst Haefeli, Werner M. Moser und Rudolf Steiger - ein Kollektiv bestehend aus drei Architekten, welches für die erfolgreiche Integration der "Internationalen Modernen Architektur’ in die schweizerische Gesellschaft steht. HMS ging es nicht um die Adaption der "weissen Moderne’ auf Schweizer Boden, vielmehr steht ihr Name für eine "umfassende moderne Bautätigkeit, die sich aller baulichen Aufgaben am konkreten Ort und der konkreten Geschichte’ annimmt. Einige ihrer Schlüsselwerke sind heute von architektonischer Bedeutung und weit über Zürich bekannt: das Kongresshaus Zürich 1937-1939, der Kantonsspital Zürich (heute Universitätsspital Zürich) 1942-1953 oder das späte Hauptwerk des Büros: das Geschäftshaus Bally-Capitol 1966-68 an der Bahnhofstrasse in Zürich. Ihr Werk wurde und wird bis heute kontrovers diskutiert, wovon Max Frischs "eine kleine Glosse zur schweizerischen Architektur’ aus dem Jahre 1953 zeugt: "Selbst Grossbauten, wie beispielsweise unser Kantonsspital, wirken oft, als wären sie mit der Laubsäge gebastelt. Der Umstand, dass unseren Architekten zwischen Idee und Ausführung zuweilen ein Drittel ihres Erdenlebens vergeht, vor allem aber die Erfahrung, dass im grossen und ganzen ja doch immer der Kompromiss siegen wird, führen natürlicherweise gerade den Architekten, der Phantasie hat, zu einer Überzüchtung des Details."

Die architektonische Sprache der Architektengemeinschaft HMS ist für die Entwicklung der Schweizer Architektur im 20.Jahrhundert von essenzieller Bedeutung. Gegründet wurde das Büro Haefeli, Moser, Steiger 1937 anlässlich des gewonnen Wettbewerbes für das Kongresshaus Zürich und wurde nach Mosers Tod 1970 von Haefeli und Steiger bis 1975 weitergeführt. Das vorliegende Buch ist, um es vorwegzunehmen, eine sehr gelungene Gesamtdarstellung des Werks von Haefeli, Moser, Steiger. Inhaltlich wird das Werk von HMS in zwei Teilen vorgestellt. Im ersten Teil finden sich acht Essays und ein Fotoessay, welche sich thematisch mit den wichtigsten Aspekten der Arbeit der Architektengemeinschaft kritisch auseinander setzen. Den zweiten Teil bildet der Katalog des architektonischen Gesamtwerks mit zahlreichen Planunterlagen und Fotografien sowie kurzen textlichen Beiträgen. Die Publikation erreicht dadurch eine inhaltlich sehr hohe Dichte auf hohem Niveau, welche aber nie erdrückend wirkt, sondern im Gegenteil zum Entdecken der verschiedenen Facetten des OEuvres von HMS einlädt. Die acht Essays im ersten Teil spannen einen thematischen Bogen über Einrichtungsfragen und Gestaltungsfragen von Innenräumen bis zu städtebaulichen Fragestellungen. Beispielsweise erläutert Miroslav Sik in seinem Essay "Ensemble und Verschränkung’ anhand der Kirche in Zürich-Altstätten die Architektur von Häfeli, Moser, Steiger. Alle acht Beiträge sind unterstützend mit Bild- und Planmaterial angereichert und erlauben so dem Betrachter einen präzisen Einblick in die architektonische Welt des Büros.

Der Katalog des Gesamtwerks ist das eigentliche Kernstück der Publikation. Er umfasst alle bekannten Bauten und Projekte der Architekten Haefeli, Moser und Steiger. Dazu zählen nicht nur die Arbeiten, welche sie in der Architektengemeinschaft HMS entworfen haben, sondern ebenfalls die Arbeiten welche sie unter ihrem eigenen Namen oder in wechselnden Partnerschaften erstellt haben. Auf der Zeitachse beginnt der Katalog somit weit vor 1937 (dem Gründungsjahr von HMS), mit ersten Beiträgen aus der Studienzeit von Haefeli, Moser und Steiger. Die architektonische Entwicklung der einzelnen Architekten wird so exakt nachgezeichnet und beginnt nicht erst beim Zusammenschluss der drei Architekten - ein fürs Verständnis vom Werk wichtiger und spannender Ansatz. Die jeweilige Vorstellung der einzelnen Projekte ist kompakt aber informativ gehalten. Abgerundet wird das Buch mit den Biografien der drei Architekten unter Einbeziehung wichtiger Daten und Ereignisse des Büros HMS. 

Die Publikation überzeugt auf ihrer gesamten Bandbreite und entpuppt sich als wahre HMS-Schatzkiste - wer möchte nicht im Besitze einer solchen sein? (Michael Rubin)
 
 

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