«Unsere Grünanlagen brauchen eine Lobby»

«Unsere Grünanlagen brauchen eine Lobby»

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Teaserbild-Quelle: Thomas Staenz
Freiflächen in Siedlungen sind für Bewohner essenziell. Der Weg zu einem gelungenen Grünprojekt ist aber so verschlungen wie die Vielfalt unserer Kommunen. An der Fachtagung «Pärke für morgen» berichteten Behörden-Vertreter von zahlreichen guten Beispielen aus ihren Städten, denen eines gemeinsam ist: Frühzeitig und ernsthaft wurden wichtige Interessenvertreter aus Politik und Bevölkerung in die Projekte involviert.
 
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In der Schweiz wird pro Tag die Fläche von rund zehn Fussballfeldern überbaut. Die Folgen sind dramatisch: Siedlungsgebiete wachsen immer mehr zusammen, klare Abgrenzungen gegen die Landschaft fehlen und der wuchernde Häuserbrei beeinträchtigt den Lebensraum unserer Fauna und Flora. Nicht verwunderlich, dass öffentliche Freiflächen und Gärten einen immer höheren Stellenwert geniessen. Unter dem Motto «Pärke für morgen», Entwicklung und nachhaltige Sicherung öffentlicher Freiräume, organisierten der Bund Schweizer Landschaftsarchitekten (BSLA) und die Vereinigung Schweizerischer Stadtgärtnereien und Gartenbauämter (VSSG) Ende April eine Fachtagung in Biel. Neben zahlreichen Vorträgen konnten die Teilnehmer unter fachkundiger Leitung auch praktische Beispiele in der Uhrenstadt unter die Lupe nehmen.
 
Der erste Teil der Tagung wurde von Behörden-Vertretern bestritten, die vor allem über verschiedene Strategien ihrer Ämter Auskunft gaben. Marie-Hélène Giraud vom Amt für Stadtplanung und Verkehr der Stadt Genf eröffnete die Tagung mit einem Resummée über die Zuständigkeit verschiedener Behörden in Grünbelangen und die Planung der neusten Freiflächen. Traditionellerweise haben sich ihr Amt und die Stadtgärtnerei die Aufgaben bezüglich städtischer Grünanlagen bisher geteilt. Im Zuge von Neubesetzungen der beiden Ämter in den Jahren 2007 und 2008 übernahmen die Landschaftsarchitekten aus Girauds Direktion die Führung und machten sich daran über Neuerungen aufgrund der bisherigen Erfahrungen nachzudenken. Am Beispiel neu geplanter Freiflächen wie etwa der «plaine de plainpalais», zeigte Giraud, wie ihr Amt eine Projektierung angeht. Wichtig waren in der Lösungsfindung vor allem die Abklärung der Bedürfnisse der Benutzer und so startete man eine breit angelegte Umfrage. Das Projekt sieht nun vor, die vorhandenen schwierig zu pflegenden Rasenflächen abzutragen und durch einen Hartbelag zu ersetzen. Ein neues Wegsystem und die Komplettierung der vorhandenen Baumreihen runden das Projekt ab.

Benutzer heissen neu «Kunden»

Wie man erfolgreich die Arbeit einer Behörde nach aussen kommuniziert, vermittelte Axel Fischer von Grün Stadt Zürich. Er betrachtet die Nutzer von öffentlichen Grünflächen in erster Linie als «Kunden», die, wenn immer möglich, in den Entwicklungsprozess eines Projektes miteinbezogen werden sollten. Das bringe Akzeptanz und verkürze die Vorbereitung. Dazu brauche es strategische Instrumente, denn eine Behörde müsste sich immer im Klaren darüber sein, was vermittelt werden sollte. In Zürich lancierte man unter anderem das sogenannte «Grünbuch», eine Broschüre, die für einen Zeitraum von zehn Jahren alle Grünbelange von Wald, Landwirtschaft, Parkanlagen oder das Wohnumfeld bis hin zur Umweltbildung umfasst. Für Fischer ist klar, dass sich nicht jede Kommune eine derart umfassendes Werk leisten kann. Wichtig sei aber auch für diese Gemeinden, eine nachhaltige Strategie festzulegen. Nicht zu unterschätzen sei beim ganzen Entwicklungsprozess zudem die Öffentlichkeitsarbeit. Diese werde immer bedeutender und ist je nach Projektgrösse und Anzahl der Beteiligten angepasst. Sein Referat beendete Fischer mit dem Ausruf «Grünanlagen brauchen eine Lobby!»
Quasi aus dem Nähkästchen der Verwaltung referierte Felix Haller vom Stadtplanungsamt Bern. Er verglich das Entstehen eines Projekts mit dem bekannten «Leiterli-Spiel»: Zwar sei ganz klar, wo Start und Ziel liegen, wie man aber hinkomme, da gäbe es unzählige Wege. Kaum sei man einen Schritt – oder ein Feld – weitergekommen, müsse man damit rechnen auch gleich wieder zwei zurückgehen zu müssen. Aus seiner Erfahrung sei die Zusammenarbeit innerhalb der Verwaltung ein ganz wichtiger Punkt, denn nur wenn alle am gleichen Strick zögen, könne man auch vernünftig vorwärtskommen. Anhand der Berner Regierungsreform von 2004 – Reduktion der Direktionen von sieben auf fünf – zeigte Haller, wie sich die Kompetenzen seines Amtes verschoben haben. Vor der Verkleinerung der Exekutive oblag die Freiraumplanung der gleichen Behörde wie die Stadtgärtnerei. Jetzt sind die beiden Ämter verschiedenen Direktionen zugeordnet. Neu ist das Stadtplanungsamt für die Projektentwicklung zuständig, während die Stadtgärtnerei für die Realisierung verantwortlich zeichnet. Für die jeweiligen Projekte werden begleitende Zweiergruppen ernannt (je ein Vertreter von Stadtplanungsamt und Stadtgärtnerei), damit auf allen Ebenen der Realisierung die Gewähr einer einwandfreien Ausführung gegeben sei. Dieses System hat sich laut Haller in der Praxis gut bewährt, einerseits, weil es sich um eine schlanke Organisation handelt, andererseits, weil direkter und offener zwischen den verschiedenen Amtsstellen kommuniziert wird.

Basler zeigen, wie es geht

Eine Erfolgsgeschichte erzählte Susanne Brinkforth von der Grünplanung der Stadtgärtnerei Basel. Ausgehend von einem Gesamtkonzept 2004 für den kleinen Stadtkanton, konnten politisch breit abgestützt verschiedene grosse und kleine Grünplanungen realisiert werden. Beispielsweise wurde die Grünfläche des Erlenmattparks (Baubeginn 2008) auf Druck verschiedener Interessenvertreter verdoppelt und ein spezieller «Baumkredit» für die Sicherung bestehender Bäume und für neue Standorte gesprochen. Ein ungleich grösseres Projekt wurde parallel zum Bau der Nordtangente verwirklicht: Neben strukturellen Verbesserungen für die angrenzenden Quartiere konnten zwei Parks neu gestaltet und über 1000 neue Bäume gepflanzt werden. Ein weiteres umfangreiches Projekt der Stadtentwicklung startete 1997: Um der Abwanderung aus Teilen der Stadt entgegen zu wirken, sprachen die Verantwortlichen einen Rahmenkredit von 25 Millionen für die Wohnumfeldaufwertung. Dieser wurde für über 180 Projekte verwendet, bekanntes Beispiel ist der Kannenfeldpark.
 
Brinkforth orientierte ebenfalls über verschiedene Finanzierungsmodelle, wobei Basel zusammen mit Neuenburg über den einzigen sogenannten Mehrwertabgabefonds der Schweiz verfügt. Dieser wurde in der Nordwestschweizer Metropole geäufnet, nachdem die politische Forderung nach einem Ausgleich zur zunehmend baulichen Verdichtung der Stadt immer stärker wurde. Ebenfalls strich sie die gute Zusammenarbeit mit privaten Bauherren heraus. Die seien durchaus bereit, in Grünflächen zu investieren, wenn man den Mehrwert einer solchen Investition plausibel darstellen könne. Abschliessend fasste die Landschaftsarchitektin die Strategie ihrer Behörde für das erfolgreiche Umsetzen zusammen: Schwerpunkte in der Planung setzen, grosse Bauvorhaben als Chance für weitere Grünflächen sehen und wenn immer möglich Akzeptanz bei der Bevölkerung schaffen. Bei Brinkforths Ausblick in die Zukunft konnte man neidisch werden, denn Basel bewirbt sich für die nächste Internationale Bauausstellung (IBA) im Jahr 2020 und sieht darin auch eine grosse Chance weitere grünplanerische Projekte umzusetzen.

Tipps aus der Praxis

Im zweiten Teil der Tagung berichteten Garten-Architekten über konkrete Herausforderungen bei ihrer täglichen Arbeit und Martin Luginbühl, Präsident der Qualitätssicherungskommission Jardin Suisse informierte über die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten des Unternehmerverbands Gärtner Schweiz.
In einem weiteren Vortrag gewährte die Gartenarchitektin Emanuelle Bonnemaison einen Einblick in ihre Arbeit rund um den Park Szilassy in Bex. Mit sehr bescheidenen finanziellen Mitteln restauriert sie seit bald zehn Jahren die nicht öffentliche Grünfläche. Statt neue grosse Bäume zu kaufen, werden beispielsweise die Pflanzen selber aufgezogen. Weil das Gebiet nicht betreten werden darf, haben die Pflanzen die Chance, sehr «natürlich» zu gedeihen. Eine alle drei Jahre stattfindende Landart-Ausstellung im Park gibt zudem die Gelegenheit, mit Bedacht neue Ziele zu definieren und langfristig über Veränderungen nachzudenken. Ein Punkt bleibt allerdings ungelöst: Um den Park herum hat sich mittlerweile ein dichtes Wohngebiet entwickelt. Und die Verantwortlichen sind sich nicht sicher, wie mit dem gut erhaltenen Landschaftspark aus dem 19. Jahrhundert in unmittelbarer Nähe dichter Bebauung umzugehen ist.
Praktische Anleitungen zur Pflege eines Grünbestandes thematisierte Marc-Henri Pavillard, Verantwortlicher für den Unterhalt der Stadt Lausanne. Für seine Gärtner hat der Landschaftsarchitekt ein Handbuch zum zielgerechten Unterhalt von Freiflächen erstellt. Im Pflegeverzeichnis gibts neben Fotos und Plänen auch detaillierte Tipps und Anleitungen für sämtliche Flächen sowie Hinweise für weiterführende Literatur. Damit weiss jeder Fachmann, wann und was in welchem Ausmass zu tun ist und kann weitgehend selbstständig arbeiten. Damit ist es aber nicht getan – wenn zum Beispiel etwas an einem Baum gemacht wird, erfolgt nachher ein Eintrag in die elektronische Datenbank. Daraus kann Pavillard die Wirtschaftlichkeit der Pflege abschätzen und bei Bedarf neue Dispositionen treffen.

Gärtner mit dem gewissen Etwas

Einen spannenden Einblick in ihren Arbeitsalltag gewährte Judith Rohrer von der Fachstelle Gartendenkmalpflege bei Grün Stadt Zürich. Dieses Amt besteht erst seit gut 20 Jahren und war das erste seiner Art in der Schweiz. Mittlerweile ist diese Institution etabliert und geniesst zunehmende Aufmerksamkeit, nicht nur von Fachleuten. Anhand der Sanierung des Platzspitzes, des Rieterparks und anderen denkmalgeschützten Objekten erläuterte Rohrer die Aufgaben ihres Amtes. Dabei wurde rasch klar, dass der grosse Unterschied zwischen Gärten und Häusern – so offensichtlich er auch sein mag – ihre Lebendigkeit ist. Während man bei Bauten neben Plänen häufig das Objekt mehr oder weniger im Originalzustand vorfindet, sieht es bei grünen Denkmälern anders aus. Wenn keine alten Pläne vorhanden sind, gibt es praktisch keine Möglichkeit das ursprüngliche Aussehen einer Anlage mit Sicherheit zu bestimmen. Zeitgenössische Fotos und Feldforschung heissen dann die primären Hilfsmittel. Anhand der Sanierung des Rieterparks konnte Rohrer diese Problematik eindrücklich aufzeigen. Lange Zeit liess man die Bepflanzung der einmaligen Anlage im Engequartier mehr oder weniger gedeihen, erst als der Sturm Lothar rund 50 wichtige Solitärbäume ummähte, sorgte Rohrers Amt für Ersatz. Natürlich wollte man sich nah wie möglich am historischen Vorbild orientieren, doch welches war nun das «Richtige»? Während die dominanten, gefallenen Bäume vorwiegend Laubbäume waren, brachte Rohrers Amt in Erfahrung, dass vor allem Nadelbäume das Aussehen der ursprünglichen Anlage bestimmten. Weil Laubbäume langsamer wachsen und länger leben, «überflügelten» sie im Lauf der Jahrzehnte die Nadelbäume. Nun wurden wieder vorwiegend Nadelbäume gepflanzt, die aber erst in ein paar Jahrzehnten ihre volle Wirkung erzielen.
 
Ein ernsthaftes Problem bei der Fachstelle Gartendenkmalpflege stellt momentan die Suche nach geeigneten Gärtnern dar. Während für die Pflege moderner Grünanlagen Effizienz und Wirtschaftlichkeit im Vordergrund stehen, spielen bei historischen Gärten die Kenntnis ihrer Geschichte und das genaue Studium der vorhandenen Pflanzen eine entscheidende Rolle. Laut Rohrer gibt es in ihrer Behörde gerade einen Berufsmann, der über die gewünschten Eigenschaften verfügt. Und letzthin bei der Besetzung einer solchen Stelle hätte sich ebenfalls nur gerade ein Gärtner mit diesen Eigenschaften beworben.

Ab ins Freie – ab in den Park

Während die meisten Tagungen und Kongresse in klimatisierten Sälen hinter verschlossenen Türen stattfinden, hatten die Organisatoren für den späteren Nachmittag Exkursionen zu vorbildlichen Grünanlagen in die Umgebung vorgesehen. Während die Gestalter beim sanierten Stadtpark eher punktuelle Eingriffe und Neupflanzungen vornahmen, konnten die Verfasser des Cristal Parks eine praktisch leere Fläche neu gestalten. Auf dem Gebiet einer ehemaligen Müll-Deponie teilten die Berner Klötzli und Friedli Landschaftsarchitekten die Parzelle in vier verschiedene Nutzungsbereiche ein. Ein wild gewachsener Pappelbestand lieferte das «Dach» für die Anlage, die Landschaftsarchitekten mussten lediglich vereinzelt Bäume ausholzen. Spielplätze, Ruhebänke und ein Brunnen fungieren als Mobiliar, rastermässig gesetzte hellgelbe Tulpen bilden unregelmässige Blumenbeete. Wie der Stadtpark wird auch diese Fläche von den Bewohnern sehr gut akzeptiert, bildete doch die Truppe von ein paar Dutzend neugierigen Kongressteilnehmern eindeutig die Minderheit der Parkbesucher. Thomas Staenz