„Uns stehen unbequeme Zeiten bevor, wenn wir nicht umdenken“

„Uns stehen unbequeme Zeiten bevor, wenn wir nicht umdenken“

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Teaserbild-Quelle: Marcel Müller
Der neunte Baukongress stand ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Wie vielseitig das Thema interpretiert wird, zeigten namhafte Referenten, wie der Berner Nationalrat Alec von Graffenried und Architekt Bob Gysin von BGP Architekten aus Zürich.
 
 
«Die Erde wird ständig wärmer, immer mehr Lebensarten sind vom Aussterben bedroht», eröffnete Knut Hinrichs, CEO der Docu Media Schweiz GmbH, den vergangenen Baukongress im Kultur- und Kongresszentrum Luzern (KKL). «Uns stehen unbequeme Zeiten bevor, wenn wir nicht entsprechend umdenken und handeln.» Erfreulich sei aber, dass viele bereits damit begonnen hätten: So habe sich etwa der Minergie-Standard bei Neubauten durchgesetzt. Dass in solchen Trends ein grosses Potenzial für die Baubranche liegt, scheint klar. Wie es genutzt werden kann, zeigten die Referenten des Baukongresses auf.

Zyklische Wirtschaft

Einen Blick in die nähere Zukunft wagte Gerhard Girmscheid, Leiter des Instituts für Bau- und Infrastrukturmanagement an der Zürcher ETH. Anhand der sogenannten Kondratiew-Zyklen* erklärte er, wie die Wirtschaft agiert und welche Chancen sich daraus für die Bauwirtschaft ergeben können. Gemäss dieser Theorie schafft die erkennbare Verknappung der Ressourcen neue Chancen für innovationsbereite Unternehmen, die dann etwa in Sonnenenergie investieren. In diesem Zusammenhang sieht Girmscheid für die Schweizer Bauwirtschaft Marktchancen in der Lebenszyklusoptimierung von Gebäuden: Dabei geht es um Energieeffizienz, Nachrüstbarkeit, flexible Nutzung, Verträglichkeit mit dem Standort und dem Quartier und um die Rückbaufähigkeit eines Gebäudes. «Das sind Aspekte, die wir heute bei der Planung ganzheitlich betrachten müssen», betonte Girmscheid.

Steigender Ölpreis als Antrieb

Ähnliche Trends erkannte Christian Kraft, Senior Economist bei CS Economic Research. Der steigende Ölpreis helfe dem Umdenken auf die Sprünge, stellte Kraft fest. So seien etwa Wärmepumpen im Neubau auf dem Vormarsch. Auch wenn der Neubauanteil klein ist, zeigt dies ein Umdenken. Die Probleme und Chancen liegen aber im bereits vorhandenen Bestand. Energetische Sanierungen rentieren nur im Rahmen eines regulären Renovationszyklus. Einen weiteren Antrieb für nachhaltiges Bauen, vor allem was Neubauten betrifft, sieht Kraft in den knappen Bodenressourcen der Schweiz: «Bevölkerungswachstum, Firmenzuzüge, veränderte Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung und eine zunehmende Verkehrsbelastung in den Agglomerationen werden die Baubranche bei gleichzeitig steigendem Nachhaltigkeitsanspruch fordern».

Lebendiges Quartier statt Bürowüste

Aus einem umfassenden Blickwinkel betrachtete Alec von Graffenried, Direktor für nachhaltige Entwicklung bei der Losinger Construction AG und Nationalrat, das Thema: «Energie ist wichtig, aber sie ist nur ein Kriterium der Nachhaltigkeit.» Siedlungen seien schlecht durchmischt. Dabei entstünden Schlafstädte, Bürowüsten und Industriehalden. Darum müsse eine neue Durchmischung angestrebt werden. Das heisst, es muss mit grossem Aufwand nachgeholt werden, was früher verpasst wurde. Als vorbildliches Projekt stellte er das Hero-Areal in Lenzburg vor, wo mit dem Projekt «Gleis Nord» ein neues Stadtquartier entsteht. Wohnangebote und Gewerbefläche für unterschiedliche Budgets schaffen einen lebendigen Mix. Daneben gibt es Räume für Kultur und gemeinschaftliche Aktivitäten.

Basel macht es vor

«Wie rüsten wir den Immobilienpark auf Nachhaltigkeit um?» Mit dieser Frage setzte sich Roland Stulz, Geschäftsführer der Novatlantis auseinander. Wie dies auf eine ganzheitliche Weise geschehen kann, zeigte der ausgebildete Architekt anhand des Projekts «Pilotregion Basel» auf. Das Projekt entstand aus der Zusammenarbeit der Novatlantis mit dem Baudepartement des Kantons Basel-Stadt, der Fachhochschule Nordwestschweiz sowie der Universität Basel. Diese betreiben ein Praxislabor für Nachhaltigkeits-Forschung. Dabei wird der Wissenstransfer aus der Forschung in die Praxis unterstützt. Umgekehrt nutzt die Forschung den Erfahrungsschatz der Praxis. Mittlerweile gehören als Partnerregionen Zürich und Genf dazu. »«Jeder hat nach seinen Spielregeln den Ball aufgenommen, so Stulz. Obwohl die einzelnen Gebiete eigene Wege finden, finde ein Wandel statt, ist er überzeugt.

Chancen für die Architektur

Dem Thema «Nachhaltigkeit» aus der Sicht von Architekten ging Bob Gysin nach. «Viele Kollegen sehen nur die Behinderungen anstelle der Chancen, die wir mit der Nachhaltigkeit eigentlich hätten», so der Gründer und Mitinhaber des Architekturbüros BGP Architekten. Anhand eigener Projekte zeigte Gysin auf, welche Möglichkeiten umweltfreundliches Bauen für die Arbeit eines Architekturbüros bietet: Zurzeit entsteht am Magdeburger Hafen in Hamburg eine Überbauung für Büros der Greenpeace, Designerateliers und Wohnungen. Neben einem ausgeklügelten Belüftungssystem und einem vertikal begrünten Innenhof werden auf dem als Erholungsraum gestalteten Dach Solarpanels installiert, die nicht nur Energie produzieren, sondern auch gleichzeitig Schatten spenden.

Ganz aus Holz gebaut

«Was wir heute gehört haben, wissen wir eigentlich schon seit 1970», resümierte Max Renggli, CEO der Renggli AG Holzbau. «Die Frage ist nicht, was wissen wir nicht, sondern wann beginnen wir umzudenken.» Die Renggli AG stellt Minergiehäuser aus Holz her. Vor 21 Jahren baute die Firma die erste Passivhaussiedlung der Schweiz, 2006 errichtete sie das erste sechsgeschossige Minergieholzhaus. Nachhaltig genutzt ist Holz ein perfektes Baumaterial: «Menschen müssen sich wohlfühlen, da ist Holz eigentlich ein idealer Stoff», sagte Renggli.

Von Grillen und Ameisen

Musik, Ameisen und Grillen haben einiges mit Nachhaltigkeit zu tun. Das wusste Georg Kohler, Professor für Politische Philosophie an der Universität Zürich, der eine Fabel von La Fontaine zitierte: Nachdem die Grille den ganzen Sommer über musiziert und getanzt hatte, fand sie im Winter nichts mehr zu essen. Deshalb klopfte sie bei der Ameise an, die im Sommer gearbeitet hatte. Die Ameise fragte die Grille, was sie den ganzen Sommer über getrieben habe. «Ich habe getanzt und Musik gemacht.» – «Wie hübsch», sagte die Grille. «So tanze jetzt.» – Natürlich habe die Ameise recht, sagte Kohler. Aber er könne sich trotzdem nicht mit ihr einverstanden erklären. Die Ameise sei ohne Empathie und ohne Sinn für die Schönheit der Musik. «Ohne Tanzen und Glücklich-Sein kann ein Leben nie nachhaltig gelingen.» (mai)
 
 
*Die Kondratiew-Zyklen beschreiben den Kern einer Theorie des russischen Wirtschaftswissenschaftlers Nikolai Kondratiew zur zyklischen Wirtschaftsentwicklung, die Theorie der «langen Wellen». Ausgangspunkt für diese «langen Wellen» sind Paradigmenwechsel und damit verbundene Investitionen: Es wird massiv in die neue Technik investiert und so ein Aufschwung hervorgerufen. Hat sich die Innovation allgemein durchgesetzt, verringern sich die damit verbundenen Investitionen drastisch. In der Folge kommt es zu einem Abschwung. In der Zeit des Abschwungs wird allerdings bereits an einem neuen Paradigma gearbeitet. (Quelle: Wikipedia)
 
 

Nachgefragt bei Knut Hinrichs, CEO Docu Media Schweiz GmbH

Der diesjährige Baukongress stand ganz im Zeichen der Nachhaltigkeit. Warum gerade dieses Thema?
Die Diskussionen zur Nachhaltigkeit beschreiben einen komplexen und strategisch bedeutsamen Themenkomplex mit vielfältigen neuen Impulsen und aktuellen Herausforderungen. Sie sind für die Unternehmungen der Baubranche von grosser Bedeutung - dem wollten wir mit dieser Veranstaltung Rechnung tragen.
 
Weshalb organisiert die Docu Media den Baukongress?
Als führender Fachverlag der Schweizer Baubranche möchten wir mit dieser Veranstaltung gezielt die Kommunikation und Information, der am Bau Beteiligten fördern und weiter entwickeln. Aus diesem Grund greifen wir jedes Jahr wichtige aktuelle Fragestellungen auf und bieten dem interessierten Fachpublikum mit ausgewählten Referenten und qualifizierten Beiträgen eine besondere Plattform neue Anregungen und Lösungsansätze für zukünftige Geschäftsideen zu entwickeln.
 
Ein Blick in die Zukunft: Unter welchem Motto steht der zehnte Kongress?
Für den Baukongress 2011 haben wir zurzeit mehrere Themen im Visier aber noch keine abschliessende Entscheidung getroffen.