Tropenbau in der polaren Zone

Tropenbau in der polaren Zone

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Teaserbild-Quelle: Michael Hunziker
Das in die Jahre gekommene Affenhaus des Zoo Basel wird derzeit grosszügig umgebaut. Die Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen sind für die Bauzeit ausquartiert, während die Bauleute mit dem Winter zu kämpfen haben. Im Frühsommer kehren die Affen zurück, bis dann muss aus dem Dickicht der Armierungseisen eine Dschungel-Erlebniswelt geworden sein.
 
 

Links zu Beteiligten

Sanitäringenieur
Bogenschütz AG, Basel
 
Räumungen
Overall Baubetriebe, Münchenstein BL
 
HLKK-Ingenieur
Waldhauser Haustechnik AG, Basel
 
Lüftungsanlagen
Wintsch Klimatechnik AG, Münchenstein BL
 
Metallbauarbeiten
Jakob Gutknecht AG, Muttenz BL
 
Baumeisterarbeiten
Huber Straub AG, Basel
 
Altlasten-Sanierung
Menz AG, Luterbuch SO
 
Bauherrenvertretung
Stokar und Partner AG, Basel
 
 
 
Exotische Geräusche wie fernes Elefantentrompeten und die Schreie eines Vogels mischen sich unter das laute Schleifen und Meisseln auf der Baustelle für das neue Menschenaffenhaus. Überall liegt Schnee und wie jeden Winter hat der Zoo Nebensaison. Nur wenige Besucher gehen umher und streben in die geheizten Tierhäuser. Während sich die Bauarbeiter die Hände reiben und Dampfwolken ausstossen, watschelt eine Gruppe Pinguine trötend an der Baustelle vorbei. Sie fühlen sich sichtlich wohl. Sie tollen im Schnee herum und geniessen die kalten Temperaturen. Die Minusgrade, welche die Pinguine erfreuen, sind für den Bau und sein Vorankommen aber alles andere als erfreulich. An Betonieren ist die nächsten Tage nicht zu denken und auch die grossen Fensterscheiben, die eben von einem Laster angeliefert wurden, werden unter diesen Bedingungen nur schwer einzubauen sein. Dort, wo bis vor ein paar Monaten noch Affen turnten, ragen Krane in die Höhe und Bauarbeiter klettern auf Verschalungen herum und verlegen Armierungseisen. Im Sommer sollen die Affen aus ihrer provisorischen Bleibe in eine neue Erlebniswelt zurückkehren.
 

Affen im Hause Novartis

«Wir haben den Umbau lange aufgeschoben, weil es logistisch schier eine Unmöglichkeit ist, Menschenaffen extern zu halten. Es ist einfacher, Elefanten unterzubringen als Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans», sagt Heidi Rodel, Projektleiterin Planung und Entwicklung des Basler Zoos.
 
In Räumlichkeiten der Novartis fanden die Verantwortlichen des Zoos für die Bewohner des Affenhauses eine vorübergehende Bleibe. An dem Standort, den die Novartis geheim halten möchte, sind sieben Gorillas, zehn Schimpansen und diverse Kleinaffen bis Mitte Jahr einquartiert. «Ohne diese Räume hätten wir den Umbau des Affenhauses gar nicht in Angriff nehmen können», sagt Rodel. Die Orang-Utans unternahmen eine etwas längere Reise: Sie leben während den zwei Jahren im Zoo von Gelsenkirchen.
 
«Bevor die Affen in die Räume der Novartis einziehen konnten, mussten wir diese zuerst umbauen,» erklärt Rodel. Ein ganzes Stockwerk wird ausschliesslich vom Basler Zoo genutzt. Pro Menschenaffenart wurden drei Räume zusammengelegt. Den Gorillas und den Schimpansen stehen nun je 150 Quadratmeter zu – eine grössere Fläche als davor im Zoo. Die Raumhöhe ist aber mit etwa 2,30 Metern eher niedrig und auf Dauer für die Kletterer nicht angenehm. Ein grosser Vorteil des Novartis-Standortes ist, dass die Affen in ihren Familien zusammenbleiben können und von den vertrauten Pflegern des Basler Zoos betreut werden. «Unsere Affen haben die neue Situation sehr gut aufgenommen. Zwar fehlt ihnen die Interaktion mit den Besuchern, doch scheinbar ist das für manche auch ein Vorteil: Durch die Ruhe und Ungestörtheit hat es bei den Kleinaffen vereinzelt Nachwuchs gegeben, der bei Rückkehr in den Zoo aber schon ausgewachsen sein wird», so Rodel.
 
Wenn die Affen in ein paar Monaten zurückkehren, erwartet sie ein umgebautes und vergrössertes Haus und bis 2012 werden auch die dschungelartigen Aussengehege fertig sein. «Wir wollten seit langem mehr Platz für die Tiere schaffen. Da wir aber ein Stadtzoo sind und nicht wie Zürich gegen aussen wachsen können, müssen wir dies nach innen tun», sagt Rodel. Um den Platz dafür freizulegen, mussten die alten Anlagen der Bären, Javaneraffen und Kattas weichen.
 
28 Millionen Franken wird die Neugestaltung kosten. Wobei die alten Grundstrukturen des Affenhauses grösstenteils beibehalten und durch Aussenanlagen erweitert werden. Eine Spende der Eckenstein-Geigy-Stiftung in zweistelliger Millionenhöhe finanziert das gesamte Projekt.
 

In Tiergehegen sprühen Funken

Die Menschenaffen erhielten im Jahre 1969 ihr eigenes Haus, das an der Stelle des ehemaligen Einganggebäudes des Zoologischen Gartens errichtet wurde. Sie wurden hinter starken Glasscheiben gehalten. Aussengehege hatten sie keine. Unter Beibehaltung der bestehenden Kompartimentierung werden die einzelnen Menschenaffen-Räume im Rahmen der Neugestaltung in der Raumtiefe und teilweise auch in der Höhe vergrössert. Damit wird mehr als eine Verdoppelung der Grundfläche und des Volumens erreicht. Im Detail heisst das: Die Aussenmauern des Menschenaffentraktes werden abgebrochen und bis zu 5,80 Metern weiter aussen wieder aufgebaut. Dadurch erhält auch der Wärtergang mehr Breite: Er wird von 1 auf 2,40 Meter erweitert.
 
Die gesamte Dachfläche wird ebenfalls neu gestaltet, isoliert und abgedichtet. Die Besucher können künftig auf einem Weg über das Dach des Affenhauses spazieren und Klammeraffen im natürlichen Vegetationsraum aus nächster Nähe beobachten. Alle Tieranlagen werden mit grossen Dachfenstern versehen, die elektronisch geöffnet werden können, und so nicht nur für mehr Licht sondern auch für Frischluft sorgen.
 
Die Bauarbeiter stehen in den leeren Tierquartieren, das Panzerglas ist weg, einzig die verbliebenen Betonbäume zeugen noch von dem Verwendungszweck des Raumes. Die Arbeiter spitzen Betonmauern weg und ihre Fräsen sprühen Funken. Auf dem verschneiten Dach sind die Flachdachabdichter mit Bunsenbrennern am Werk und verlegen Dichtungsbahnen aus Bitumen. Mit dem Kran schwebt eines der grossformatigen Fenster heran und wird zur Seite gestellt. Für den Einbau ist man noch nicht bereit.
 

Panoramafenster in den Dschungel

Wo jetzt die Laster und Baufahrzeuge auf pickelhart gefrorenem Boden manövrieren, werden bis im Sommer die grünbewachsenen Freianlagen zu stehen kommen. Diese Netzräume erheben sich bei Schimpansen und Gorillas bis elf Meter, bei den Orang-Utans sogar bis 16 Meter über den Boden. Sie sind mit den Gehegen im Haus so verbunden, dass die Menschenaffen die Wahl haben werden, ob sie sich eher in der inneren Begegnungszone mit den Menschen oder in den dschungelartig strukturierten Aussenbereichen aufhalten wollen. «Wir wollten dem natürlichen Lebensraum der Menschenaffen möglichst nahe kommen. Die leben ja nicht in der weiten Savanne, sondern in dichtem Dschungel, der Sichtschutz und Rückzugsmöglichkeiten bietet», sagt der verantwortliche Architekt Peter Stiner, der seit 20 Jahren Tieranlagen für den Basler Zoo realisiert.
 
Die von den Landschaftsarchitekten Schweingruber und Zulauf geplanten Aussengehege bestehen aus einem Innen- und Aussennetz mit mindestens einem Meter Zwischenraum, damit kein direkter Körperkontakt zwischen Menschenaffen und Zoobesuchern möglich ist. Ein grüner Mantel aus Schatten spendenden Kletterpflanzen überwächst das Aussennetz. Dadurch wird der besagte Sichtschutz für die Affen gewährleistet und die in den Zwischenraum herunterragenden Äste stellen eine Beschäftigungsmöglichkeit dar. Denn die inneren Netze mit einer Maschenweite an den Wänden von 80 mal 80 Millimetern erlauben es den Affen, daran herumzuklettern und sich Äste zu angeln. «Würden wir aber die Pflanzen direkt auf dem Innennetz wachsen lassen, würden sie die Affen innert kürzester Zeit abreissen und zerstören», sagt Stiner.
 

200 Kilo Kletterkraft

Es entstehen so beschattete wie belichtete Bereiche. Die Abschnitte ohne Pflanzenbewuchs sollen den Affen Sonnenstuben bieten, wo sie auch an trockenen Wintertagen windgeschützt ein Sonnenbad geniessen können. Zoobesucher werden auf Wegen herangeführt, die im Laufe der Zeit von grossen Bäumen überschattet werden. Sie erhalten punktuell gitterfreien Einblick durch grosse Panoramafenster. Damit jeder Netzraum für Unterhaltsarbeiten mit Maschinen und grösseren Geräten zugänglich ist, lassen sich diese Verglasungen aufschieben, und auf die üblichen Servicetore kann verzichtet werden.
 
Strauchartig angeordnete Betonpylone und Stahlseile werden die Netze tragen. «Das Netz können wir aber nicht etwa einfach über die Konstruktionen legen, das würde den Belastungen nicht standhalten», sagt Stiner. Stattdessen müssen diese mit den gespannten Stahlseilen verwoben werden. Denn an den Netzen werden Kletterstrukturen, Nester und Sichtblenden befestigt. «Wenn man bedenkt, dass ein ausgewachsener Gorilla um die 200 Kilo wiegt, kann man sich die Krafteinwirkung, die die Netze zu tragen haben, vorstellen», meint Stiner. «Mit dem Netz-Konzept konnten wir auch auf Elektrozäune als Sicherheitsmassnahme verzichten,» fügt Heidi Rodel an. Für die Statik des Netzraumes waren die Ingenieure Jürg Conzett und Dirk Pfeifer verantwortlich.
 
Die gesamten technischen Anlagen werden ebenfalls erneuert. Eine neue Zufahrt führt ins Kellergeschoss und dieses wird über einen Warenlift und eine Treppe mit dem Wärtergang verbunden. Ein weiterer Lift und ein Treppenhaus verbinden das Kellergeschoss mit der Futterküche im Erdgeschoss und dem Dachgeschoss. – Nicht nur die Affen kehren wohl im Sommer in eine neue Erlebniswelt zurück, auch die Pfleger stehen dann vor einer Vielzahl neuer Möglichkeiten. Und die Besucher können ihre nächsten Verwandten, die Menschenaffen, an der freien Luft bestaunen.
Von Michael Hunziker
 

 

Nachgefragt bei Peter Stiner

Peter Stiner ist Architekt und hat das Affenhaus geplant.
 
Wie kamen Sie dazu, zoologische Anlagen zu planen?
Vor gut 20 Jahren wurde ich um einen Konkurrenz-Entwurf angefragt. Es ging darum, Häuser für Strausse, Zebras und Flusspferde zu planen. Mein Vorschlag wurde dann angenommen und ausgeführt.
 
Wo stösst die Kreativität bei der Gestaltung von Tiergehegen an ihre Grenzen?
Die räumliche Ausdehnung von Aussen- und Innengehegen ist in zoologischen Gärten stets beschränkt. Das Finden der Gestalt von Gehegegrenzen ist eine grosse Herausforderung. Es gilt, einen sehr umsichtigen Umgang mit den knappen Platzverhältnissen zu pflegen. Die Gebäude sollen einen zurückhaltenden Ausdruck haben und sind stark in das Gelände einzubinden.
 
Für welche anderen Tierarten haben Sie schon gebaut?
Das reicht von Heuschrecken zu Mäusen, über Zebras, Strausse, Giraffen, Nashörner, Krokodile bis zu Löwen.
 
Wie erarbeiten Sie Ihr Wissen über die Bedürfnisse der Tiere und deren Haltung und wie sieht der Prozess zwischen den Landschaftsarchitekten und Ihnen aus?
Ich kann auf viel Erfahrung und Wissen von Kuratoren und Pflegern zurückgreifen. Oftmals geht es ja darum, neue Anlagen für Tiere zu planen, die im Zoo bereits gehalten werden. Diese passen wir jeweils den aktuellen tierhalterischen Erkenntnissen an. Bei Neukonzeptionen kommt die Erfahrung, die ich mit anderen, artverwandten Tieren gemacht habe, zum Tragen. In Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekten wird die Gestalt der Innen- und Aussenräume in aufwendigem Verfahren in mehreren Durchläufen geprüft und so die endgültige Form gefunden. (mh)
 
 

Weitere Beteiligte

Bauherren
Zoologischer Garten Basel AG, Basel
 
Bauherrenvertretung
Stokar und Partner AG, Basel
 
Bauleitung
Vischer AG Architekten und Planer, Basel
 
Architektur Bauten
Peter Stiner Architekt ETH/BSA, Basel
 
Architektur Landschaft
Schweingruber Zulauf Landschaftsarchitekten, Zürich
 
Architektur Netzräume
Conzett Bronzini Gartmann AG Ingenieure, Chur
Pfeffer Ingenieure, Konstanz