Tiefenlager: nur noch zwei Standorte im Rennen – Kritik von allen Seiten

Tiefenlager: nur noch zwei Standorte im Rennen – Kritik von allen Seiten

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Teaserbild-Quelle: Quelle: Nagra

Die Nagra will die Suche nach einem Standort für ein Tiefenlager auf Jura Ost und Zürich Nordost beschränken. Damit wären vier ebenfalls untersuchte Gebiete jetzt schon aus dem Rennen. Der Entscheid wird auf breiter Front kritisiert.

Niemand will ein Endlager für Atommüll in seiner Nähe haben – und doch muss irgendwer in den sauren Apfel beissen. Der Bundesrat hatte die Nationale Gesellschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) im Jahr 2011 beauftragt, mindestens je zwei Lagerstandorte für hochradioaktive sowie für schwach- und mittelradioaktive Abfälle vorzuschlagen. Nebst Jura Ost im Kanton Aargau und Zürich Nordost in den Kantonen Zürich und Thurgau waren auch Jura-Südfuss (Solothurn und Aargau), Nördlich Lägern (Zürich und Aargau), Südranden (Schaffhausen) und Wellenberg (Nid- und Obwalden) als geeignete Gebiete für ein geologisches Tiefenlager identifiziert worden.

Nun hat die Nagra beschlossen, nur zwei Standorte vorzuschlagen: Jura Ost und Zürich Nordost. Wie Nagra-Chef Thomas Ernst am Freitag vor den Bundeshausmedien erklärte, erfüllen zwar alle sechs Gebiete die Anforderungen, um ein sicheres geologisches Tiefenlager bauen zu können. „Aber Jura Ost und Zürich Nordost erfüllen sie am besten.“

Überraschung und Ablehnung

Die Reaktionen auf diese Standort-Beschränkung kamen postwendend. Im Aargau ist man überrascht. Weniger deshalb, weil man noch immer als Standortkanton in der Diskussion sei, sondern vielmehr ob der Eingrenzung auf nur noch zwei Standorte, so Baudirektor Stephan Attiger. Man wolle zwar kein Atomendlager, aber der sicherste Standort müsse überprüft werden. Denn Sicherheit sei nicht verhandelbar. Deshalb dürfe die definitive Entscheidung für einen Standort auch keine politische sein. Attiger gab jedoch zu bedenken, dass der Kanton Aargau bereits heute bei der Energie und beim Verkehr grosse Lasten für die gesamte Schweiz trage. Das will der Bauchef berücksichtigt haben, wenn es in einigen Jahren zu einem definitiven Entscheid für ein Atomendlager kommt.

Auch in Zürich stösst der Nagra-Beschluss auf wenig Gegenliebe. Der Regierungsrat hält die Einschränkung auf nur noch zwei Standorte für verfrüht. Aber er betont: Das Tiefenlager muss am sichersten Standort gebaut werden. Gleichzeitig hält der Regierungsrat jedoch fest, dass er ein geologisches Tiefenlager auf Kantonsgebiet nach wie vor ablehnt.

Die Reaktion aus Schaffhausen ist ebenfalls kritisch. Der Standort Zürich Nordost sei auch für Schaffhausen relevant, so Regierungsrätin Ursula Hafner Wipf, Vorsteherin des Departements des Inneren. Denn: Eine Oberflächenanlage wäre gerade mal fünf Kilometer vom Rheinfall und 6,5 Kilometer von der Stadt Schaffhausen entfernt. Dennoch nimmt man laut Staatskanzlei „mit Befriedigung die Vorschläge der Nagra zur Kennnis, die Standortregionen Südranden sowie Nördlich Lägern aufgrund offensichtlicher Nachteile im Rahmen des Sachplanverfahrens vorerst nicht weiterzuvervolgen“.

Und der Thurgau? Auch dort ist man „not amused“. Zwar liege keine Lagerstätte unter Thurgauer Boden, und auch die geplante Oberflächenanlage befinde sich ausserhalb des Kantonsgebiets. Allerdings liege das geplante Lager nahe an der westlichen Kantonsgrenze, weshalb Auswirkungen auf den Thurgau nicht auszuschliessen seien, teilt die Staatskanzlei mit.

Analysieren, prüfen und zusammenarbeiten

Nebst den betroffenen Kantonen äusserten sich auch andere Organisationen zum Vorschlag der Nagra. So zeigt sich die Regionalkonferenz Zürich Nordost besorgt. Die Einengung auf nur noch zwei Standorte erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass in Zürich Nordost ein Tiefenlager realisiert werde. Erleichtert zeigen sich dagegen die Regionalkonferenzen Südranden und Nördlich Lägern, die vorläufig aus dem Fokus gerückt sind. Erstere gibt jedoch zu bedenken, dass der Standort Zürich Nordost in unmittelbarer Nachbarschaft der Region Südranden liegt. „Die Risiken eines atomaren Tiefenlagers bleiben daher hochaktuell.“

Der Verein „Kein Atommüll im Bözberg“ nimmt ebenfalls Stellung: Der Bözberg (Standort Jura Ost, die Red.) berge geologische Risiken und sei daher für ein Atomendlager nicht geeignet. Der Standortvorschlag der Nagra sei übereilt.

Sogar aus dem Ausland meldet man sich zu Wort. Namentlich der Waldshuter Landrat Martin Kistler: Er stellt „mit Besorgnis fest, dass beide jetzt vorgeschlagenen Standorte nahe der Grenze liegen“. Aufgrund der Unterlagen, die auch die deutsche Seite erhalte, werde man sehr genau die Gründe für das vorläufige Ausscheiden der grenzferneren Standorte prüfen.

Das werden im Übrigen auch alle anderen Institutionen und Kantone tun, die direkt oder indirekt von einem Tiefenlager betroffen sind. Sie sprechen von „kritischer Prüfung“, „genauer Analyse“, vom „Einbringen der eigenen Anliegen“ und von „Zusammenarbeit“.

Wie weiter?

Kritik hin oder her – die Suche nach einem Endlager geht weiter. Die Nagra-Ergebnisse werden nun vom Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi), der Kommission für nukleare Sicherheit (KNS), Bundesstellen und den Kantonen – man lese oben – analysiert. Nächstes Jahr wird eine öffentliche Anhörung durchgeführt, und voraussichtlich Mitte 2017 entscheidet der Bundesrat, ob er den Antrag der Nagra unterstützt. Geht es nach diesem Zeitplan, würde frühestens 2019 ein Rahmenbewilligungsgesuch eingereicht. Ein definitiver Standort-Entscheid des Bundesrats könnte dann für 2027 erwartet werden. Und dann müssen noch das Parlament und das Volk den auserwählten Standort absegnen. (sda/pd/mt)

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