Studieren in der Milchfabrik

Studieren in der Milchfabrik

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Teaserbild-Quelle: Ben Kron
2013 beziehen 5000 Studierende und Dozierende das neue Hochschulgebäude in Zürich-West. Kurz darauf werden auch die 100 Mietwohnungen in der umgebauten und erweiterten Toni-Molkerei fertig. Damit diese ambitiösen Termine eingehalten werden können, läuft im einen Gebäudeteil bereits der Innenausbau, während der andere noch als Rohbau in die Höhe wächst.
 
 

Links zu Beteiligten 

 
 
 
 
 
Im Sommer nächsten Jahres ziehen die ersten neuen Nutzer ins Toni-Areal in Zürich-West ein. Im bestehenden Gebäudeteil, der für die neue Nutzung umgebaut und erweitert wird, nehmen dann zwei Zürcher Hochschulen mit rund 5000 Studierenden, Mitarbeitenden und Dozierenden den Betrieb auf. Im Turmgebäude, das auf 22 Etagen oder 75 Meter aufgestockt wird, sind die 100 Mietwohnungen ab Sommer 2013 bezugsbereit.
 
Auf der Grossbaustelle zwischen Pfingstweid- und Förrlibuckstrasse hat deshalb der Endspurt begonnen: Da die Gebäudeteile nach der Fertigstellung noch gereinigt und abgenommen werden müssen, bleiben den im Moment rund 180 Arbeitern noch etwa zwölf Monate. „Für mich gibt es deshalb nur noch einen Meilenstein“, sagt Laurenz Iten, der Gesamtprojektleiter des Projektes, das die Allreal Generalunternehmungen AG realisiert, „und das ist der Termin der Übergabe, der 30.6.2013!“ Um diesen einzuhalten, werden in der Ausbauphase denn auch bis zu 500 Personen auf der Baustelle im Einsatz sein.
 

Rohbau und Innenausbau parallel

Obwohl das Toni-Areal im Moment noch eine Baustelle ist und der Innenausbau erst begonnen hat, sieht Laurenz Iten schon jetzt vor dem geistigen Auge Studierende durch die Eingangshalle laufen und in den Mensas sitzen. Er kennt die Funktion jedes noch zu kleinen Raumes und schildert bei einem Rundgang den zukünftigen Alltag im Gebäude anschaulich: „Der Bau wird vor allem vom Süden her betreten, hier sind die Haupteingänge sowohl für die Wohnungen wie die Hochschule. Die Eingangshalle der Hochschule, die über eine Rampe erschlossen wird, ist etwa 70 Meter lang, 20 Meter breit und knapp sieben Meter hoch. Über diese können die Studierenden oder Gäste alle Gebäudeteile erreichen, auch die öffentlichen Räume im Dachbereich.“ Für die Versorgung mit Tageslicht sorgen mehrere Oberlichter, die man ausgeschnitten hat. Von der Halle aus führt eine Kaskade nach oben, welche die interne Erschliessung ermöglicht. „Das war Bestandteil des architektonischen Konzeptes“, erläutert Iten. „Die grosse Treppe führt quer durchs Gebäude bis zur obersten Ebene des Flachbaus.“ Auch in den oberen Stockwerken sieht Iten bereits die fertigen Räume und ihre neuen Nutzer, wo sich heute noch rohe Betonwände befinden, beschreibt er akribisch die Ausstattung des Kinosaales, des zertifizierten Dolbystudios oder der Ballettsäle (siehe Info unten).
 
Begonnen hat der Umbau der früheren Molkerei im Januar 2009. Ein Rechtsstreit mit einem Zwischenmieter hat für fast 18 Monate Verzögerung gesorgt. Der Baufortschritt verläuft planmässig, der entsprechend der verschiedenen Eingriffe etappiert ist. Während der Wohnturm nun in die Höhe wächst, endeten im Flachbau die Rückbauarbeiten im Dezember 2011. Im Inneren wird am Ausbau gearbeitet. „Wir haben im Bestandbau gegen 30’000 Quadratmeter neue Decken eingebaut, zwölf neue Treppenhäuser erstellt und Liftkerne hochgezogen“, so Iten. Knifflig war dabei die Verbindung der bestehenden Substanz mit dem Neuen. „Wir mussten zum Beispiel zwei Treppenhäuser stehen lassen, da die Auffahrtsrampe mit diesen verankert ist.“ Die Rampe wird in Zukunft von Fussgängern genutzt werden, dient aber nicht als Fluchtweg, da ihre Neigung etwas stärker ist als vom Gesetz erlaubt.
 

Fortschritt von aussen kaum sichtbar

„In den letzten eineinhalb Jahren haben wir im Objekt im Schnitt fünf bis zehn Millionen Franken pro Monat umgesetzt.“ Seit man begonnen hat, eine dunkle Fassade einzusetzen, ist aber vom Baufortschritt im Flachbau nur mehr wenig zu bemerken, da die Gebäudehülle fast fertig montiert ist und den Blick ins Innere verwehrt. Sein endgültiges, helles Metallkleid, das ihm seine spezielle Optik verleiht, erhält der Gebäudekomplex erst kurz vor Schluss der Arbeiten.
 
Eine Spezialität kommt bei den Deckenein- und aufbauten zum Einsatz. Diese werden mit Stahlverbunddecken erstellt. Bei nur zwölf Zentimetern Materialdicke bietet dies die nötige Belastbarkeit im Verbund mit dem Strahlträgerrost für die verschiedenen Aufbauten und Nutzungen.
 

Umbau statt Neubau macht Sinn

Bei der Neunutzung des Toni-Areal entschied man sich aus mehreren Gründen, den vorhandenen Bau stehen zu lassen. Zum ersten befindet sich die Bodenplatte der Molkerei etwa eineinhalb Meter tief in einem Grundwasserträger. Bei einem Neubau hätte die Platte entsprechend den Bauvorschriften höher gesetzt werden müssen, was zum Verlust einer Etage und damit einer bedeutenden Reduktion der Nutzfläche geführt hätte. „Der zweite Grund ist die Substanz des Industriebaus“, wie Iten ausführt. „Das Gebäude ist statisch sehr robust und wies früher eine Nutzlast von 2500 Kilogramm pro Quadratmeter auf. Nach dem Umbau werden es immer noch 500 Kilogramm sein, was für die neue Nutzung ausreicht.“ Mit dieser Differenz konnte ohne Verstärkung der Fundation die zusätzlichen Zwischendecken und die Aufstockung in den Flachbauten erstellt werden. Und nicht zuletzt hätte man für einen Ersatzneubau des Toni-Areals auch grosse Mengen Material weg- und hintransportieren müssen. Die Zahl der eingesparten LKW-Fahrten beträgt gemäss Iten etwa 44’000.
 
Auch so bleibt die Baulogistik eine anspruchsvolle Aufgabe. „Die Zahl der täglichen Fahrten variiert im Moment zwischen 20 und 100“, schätzt Iten. Sie war aber, je nach Bauetappe, auch schon deutlich höher. Insgesamt, so der Projektleiter, versuche man den Verkehr zu gliedern und zu entflechten, da alle Transporte über eine einzige Hauptzufahrt abgewickelt werden müssen. „Es gab auch Situationen, bei denen wir einen LKW wegschicken mussten, um sich ausserhalb der Baustelle einen Parkplatz zu suchen.“ Das sei aber die Ausnahme gewesen.
 

Meilenstein im Dezember 2011

Eine spezielle logistische Aufgabe war beim Turmbau zu lösen. Im Geschoss elf mussten acht grosse Stahljoche eingebaut werden, welche die oberen Stockwerke tragen. „Das alles passierte im Dezember 2011“, erinnert sich Iten. „Wir brauchten zwei Mal vier Nachteinsätze, um die übergrossen Bauteile anzuliefern und mit speziellen Pneukranen in ihre Position zu heben.“ Innert kurzer Zeit habe man so etwa 300 Tonnen Stahl aufs Gebäude gesetzt. Nach diesem Meilenstein werden die restlichen elf Stockwerke bis zum September erstellt sein. „Wir erstellen den Turm in Leichtbauweise und haben keine tragenden Innenwände. Das heisst, der Rohbau muss ebenso rasch trocken sei, damit wir hier mit dem Innenausbau beginnen können.“
 
Insgesamt sieht Gesamtprojektleiter Laurenz Iten in diesem Nebeneinander von Sanierung, Erweiterung und Neubau nicht nur die grösste Herausforderung des Toni-Areal, sondern auch einen immensen Vorteil: „Die Nutzung des Gebäudes war im Projekt definiert. Entsprechend konnten wir von Anfang an zielgerichtet arbeiten und die Ausführung nutzerspezifisch realisieren.“
 

"Komplex und einzigartig"

Mit dem Toni-Areal wird Zürich-West im Sommer 2013 ein weiteres markantes Gebäude erhalten, in Sichtweite des Prime Tower und des Mobimo Tower. Das Hochschul- und Wohngebäude ist nicht ganz so hoch wie diese zwei Prestigebauten, kann aber seinerseits mit beachtlichen Dimensionen aufwarten. Laurenz Iten: „Unter all den Neubauten rundherum ist das Toni-Areal das kompakteste im Verhältnis zur Fläche. Man findet kaum ein weiteres Gebäude mit einem SIA-Volumen von 500'000 Kubikmetern, in dem alles gebäudetechnisch derart miteinander verbunden ist. Das macht dieses Projekt sehr komplex und einzigartig.“
 
Ein Projekt übrigens mit einer eigenen Tramhaltestelle: Die Station beim Gebäude, die lange den Namen „Duttweilerbrücke“ trug, wurde in „Toni-Areal“ umgetauft. (bk)
 
 

INFO

Von 1977 bis 1999 stand auf dem Toni-Areal in Zürich-West die grösste Milchfabrik Europas. Auf dem 25'000 Quadratmeter grossen Gelände wurden täglich bis zu einer Million Liter Milch verarbeitet. Die Allreal Generalunternehmung AG hat die Liegenschaft 2007 erworben und baut für 350 Millionen Franken um. Zusammen mit der Ausstattung, den Investitionen für den Schulbetrieb und den Grundstücksinvestitionen umfasst das Projekt sogar mehr als 450 Millionen.
 
Ab Juni 2013 werden die Zürcher Hochschule der Künste und zwei Departemente der Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Toni-Areal ihre neue Bleibe finden. Die Hochschulen sind derzeit auf 40 Standorte in Zürich und Winterthur verteilt.
 
Die Hochschulen werden rund 76'000 (inkl. der Sammlung) der total 92'000 Quadratmeter Nutzfläche belegen. Neben Unterrichts-/Atelierräumen und Studentenarbeitsplätzen werden für öffentliche Veranstaltungen ein Kinosaal,  zwei kleinere Konzerträume (für elektronische, beziehungsweise Orgel-Konzerte) sowie ein grosser Konzertsaal mit 400 Plätzen, ein Musikclub und diverse Ausstellungsräume in dem riesigen Gebäude Platz finden. Dazu kommen die 100 Mietwohnungen im neuen Hochhaus, diverse gastronomische Einrichtungen und eine dreistöckige Einstellhalle mit 230 Plätzen.
 

Interview mit Christof Zollinger

In Zürich-West stehen markante Bauten wie der Prime Tower. Wie positionierten Sie Ihren Bau in diesem Umfeld?
Die Ausgangslage beim Toni-Areal war anders als beim Prime Tower oder Mobimo Tower, da wir hier keinen Neubau schufen, sondern ein bestehendes Gebäude vor uns hatten, das eine Identität besass und durch Zwischennutzungen auch einen gewissen Bekanntheitsgrad. Das war das grosse Potential in der Gestaltung, die wir zu nutzen versucht haben: Das Gebäude hat eine Substanz und eine Geschichte; die Räume besitzen eine eigene Atmosphäre. Wir haben natürlich versucht, dies in unsere Planung einzubeziehen und dieses Potential auszuschöpfen.
 
Wie sind Sie beim Umbau und der Erweiterung vorgegangen?
Es war im Gestaltungsplan festgeschrieben, dass das Molkereigebäude nicht abgerissen wird, sondern umgenutzt, wozu man aber das äussere Erscheinungsbild stark erneuern musste. Grundsätzlich haben wir beim Umbau einen Betonsockel auf Stadtebene geschaffen und daneben gewisse bestehende Teile wie die Rampen auf der Nordseite in unser Konzept integriert. Das Rampenthema wird auf der Südseite des Areals aufgegriffen: Der Besucher wird über eine weitere, neue Rampe und grosszügige Freitreppen in den Bau hineingeführt.
 
Wie habeb Sie die Umnutzung des alten Milchverarbeitungsgebäudes vollzogen?
Wir haben das Toni-Areal bis auf den Rohbau zurückgebaut und nur die Decken und Stützen stehen gelassen. Die Milchfabrik bedeutete dabei einen Vorteil, da sie eine sehr flexible Struktur aufweist: Vollstahlstützen in einem Raster von zehn mal zehn Metern, dazwischen massive Betondecken mit enormer Traglast. Dazu fanden wir Geschosshöhen von rund sieben Metern vor. So erhielten wir nach Einziehen von Zwischendecken immer noch nutzbare Raumhöhen. Bei den Flächen mussten wir Massnahmen zur Nutzbarkeit der Räume ergreifen, die früher kein Tageslicht brauchten. Hier schnitten wir fünf Lichthöfe in die Struktur, was auch die grosse Fläche von 130 mal 90 Metern strukturierte. Die Lichthöfe bedeuteten zwar eine Vernichtung eines Teils der Nutzfläche, doch das wurde durch die Zwischenböden und die Aufstockung kompensiert und noch übertroffen.
 
Mit welchen Mitteln konnten sie den Charakter des früheren Gebäudes erhalten?
Im Wesentlichen haben wir dafür gesorgt, dass beim Umbau die Volumetrie des früheren Gebäudes erhalten bleibt. Die Molkerei bestand aus zwei Teilen, dem nördlicher Flachbau und dem südlicher Hochbau. Diese Aufteilung haben wir beibehalten, den Flachbau aber um ein Geschoss und den Hochbau um rund zehn Geschosse aufgestockt. Die Strukturierung der Volumetrie und die Proportionen sind aber ähnlich, und die Identität des Gebäudes erhalten geblieben. Im Inneren haben wir viele kleinteilige Nutzungen wie Büros oder Übungsräume, bei denen man – nach dem Innenausbau mit Gipsständerwänden – vom ursprünglichen Gebäude nichts mehr mitbekommt. Es war uns deshalb ein Anliegen, an den öffentlichen Orten den Bestand des Gebäudes spürbar zu machen, zum Beispiel bei der Eingangshalle, dem Gastronomiebereich oder den Aufenthaltsräumen. Hier versuchten wir, die Spuren der Zeit und die Geschichte des Gebäudes sichtbar zu belassen.
 
Welche Überlegungen waren bei der Wahl der Metallfassade ausschlaggebend?
Die Fassade haben wir von der Materialität her so gewählt, dass sie dem Vorgänger zumindest ähnlich sieht. Das Gebäude hatte früher eine Blechfassade und es wird wieder eine solche erhalten. Diesmal aber nicht mehr ein schlichtes Trapezblech, sondern eine transparente Metallfassade. Diese verweist auf die industrielle Vergangenheit, interpretiert sie aber neu verleiht dem Toni-Areal ein aktuelles Gesicht.
 
Wie stellten Sie die Verbindung der Nutzungen Wohnen und Hochschulbetrieb her?
Das war das kleinste Problem. Die beiden Bereiche sind räumlich abgekoppelt; die Wohnungen im Hochbau und die Hochschulen in Flachbau und unterer Teil des Hochbaus. Die grössere Herausforderung lag darin, ein Haus für zwei unterschiedliche Hochschulen zu bauen. Vor allem die Hochschule der Künste ist ein Konglomerat von Studienrichtung, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wir haben ein sehr breites Spektrum von Räumen von Werkstätten über ein Kino, Tonstudios, Ateliers, Konzertsäle und noch viele mehr, die teilweise auch sehr hohe technische Anforderungen stellen, zum Beispiel beim Schallschutz. All dies in einem Gebäude zu vereinen war die planerische Herausforderung.
 
Beiim Projekt handelt es sich um eine Mischung aus Sanierung und Neubau. Wie sind Sie planerisch vorgegangen?
Die Ausgangslage bedeutete einen planerischen Mehraufwand. Wir mussten uns mit einer bestehenden Struktur auseinandersetzen, und das Puzzle des Raumprogrammes der Hochschulen dort unterbringen. Das ist anspruchsvoller, als wenn man dieses in ein neues Gefäss abfüllen kann. Andererseits kann gerade aus einer solchen Ausgangslage etwas Aussergewöhnliches entstehen, wenn wir den industriellen Charakter und den Charme des Bestandes nutzen. Die Vergangenheit und Identität des Gebäudes bedeutet hier einen Gewinn. (bk)
 

Übrige Beteiligte

Bauherrschaft: Allreal Toni AG, Zürich
Architekt: EM2N Architekten, Zürich
Totalunternehmer: Allreal Generalunternehmungen AG, Zürich