Studie: Baut sich die Menschheit ihr Ökosystem?

Studie: Baut sich die Menschheit ihr Ökosystem?

Gefäss: 

Seit Jahrtausenden prägt der Mensch Landschaften, verursacht das Aussterben von Arten oder sorgt für ihre Verbreitung. Dass er eine Art „Konstrukteur des Ökosystems“ ist, weil er sich auf der ganzen Welt ansiedelte, Handel trieb und Städte baute, unterstreicht eine Studie des Max-Planck-Instituts. Laut den Autoren sollten archäologische Erkenntnisse in Umweltschutzdebatten einfliessen.

Abgesehen von wenigen Ausnahmen gibt es kaum mehr Gebiete auf der Erde, die nicht durch den Menschen geprägt worden sind. Seit Tausenden von Jahren formt die Zivilisation die Landschaft, sie wirkt sich auf Verbreitung und Aussterben von Flora und Fauna aus. Wie weit die Anfänge dieses Einflusses zurückreichen, aber auch wie tiefgreifend dieser ist, zeigt eine dieser Tage veröffentlichte Studie. Nicole Boivin, Direktorin des Instituts für Menschheitsgeschichte am Max-Planck-Institut, und ihr Team kommen darin zum Schluss, dass den Debatten um den Naturschutz ohne archäologische Erkenntnisse ein wichtiger Aspekt fehlt. „Wenn wir genauer wissen wollen, wir unsere Natur am besten schützen und Arten vom erhalten können. müssen wir unsere Perspektive ändern“, sagt Boivin.  Vielleicht solle man mehr darüber nachdenken, wie sich saubere Luft und frisches Wasser für nachfolgende Generationen sichern lasse, als darüber, wie man die Erde in einen ursprünglichen Zustand zurückführen könne. „Dafür haben die Menschen einfach zu lange das Ökosystem geprägt.“

In ihrer Studie nennen die Wissenschafter  vier Phasen, in denen die Menschheit die Ökosysteme stark geprägt und verändert hat: mit der weltweiten Ausbreitung des Menschen, mit dem Ackerbaus, der Besiedlung von Inseln und mit der Bildung städtischer Strukturen sowie dem Aufkommen des weltweiten Handels. Die Forscher stützen sich dabei auf Fossilienfunde, die zeigen, dass der moderne Mensch vor rund 195'000 Jahren in Ostafrika lebte und sich bis vor 12‘000 Jahren bis in die entlegensten Winkel der übrigen Kontinente vordrang. Im Zuge dessen verschwanden während der letzten 50‘000 Jahre zwei Drittel der damals lebenden Grosstierarten, und dies wiederum wirkte sich den Wissenschaftern zufolge „dramatisch“ auf die die Ökosysteme, die Verfügbarkeit von Nährstoffen sowie die Verbreitung der Samen aus.

Planet der Hühner?

Ebenso das Aufkommen der Vieh- und Landwirtschaft veränderte die Pflanzen- und Tierwelt nachhaltig. Als Beispiel führen die Wissenschfafter die Domestizierung von Schafen, Geissen und Rindern an. Ursprünglich wurden diese Tiere vor rund 10‘500 Jahren im Nahen Osten beheimatet und gelangten von dort innert weniger Jahrtausende nach Europa, Afrika und Südasien. Besonders augenfällig sind die Veränderungen bei den Hühnern: Ursprünglich vor lediglich in Ostasien als Haustiere gehalten verbreiteten sie sich von dort aus bis nach England. Heute leben drei Mal so viele Hühner auf dem Planeten wie Menschen.

Derweil prägte die Besiedlung von Inseln die Landschaft selbst. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von „transportierten Landschaften“. Dies, weil die Menschen das Feuer mitbrachten und Wälder rodeten, aber auch neue Arten mit einschleppten, die sich wiederum auf die ansässige Tierwelt auswirkten.

Importierte Steineichen im Nahen Osten

Besonders komplex prägten Handel und urbane Strukturen die Umwelt, und zwar im Zusammenspiel mit der sich intensivierenden Landwirtschaft als Reaktion auf die steigenden Bevölkerungszahlen und die aufkommenden Märkte in der Alten Welt. So wurden im Nahen Osten Laubbäume durch immergrüne Steineichen ersetzt, der Wald wandelte sich mit der Einführung von Kulturpflanzen wie Oliven, Feigen oder Trauben zum Kulturland. Zirka 80 bis 85 Prozent des der kultivierbaren Fläche wurden somit vor rund 3000 Jahren für den Ackerbau genutzt. Zudem verweisen die Studienautoren auf eine aktuelle Schätzung, wonach zur Zeit der Römer in Grossbritannien mindestens 50 Nahrungspflanzen eingeführt worden sind.

„Wir waren und sind so etwas wie die Konstrukteure des Ökosystems“, bilanziert Nicole Boivin. „Die Frage ist, welche Art von Ökosystemen wir für die Zukunft schaffen.“  (mai)