Strom aus der zweiten Röhre

Strom aus der zweiten Röhre

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In zehn Jahren muss der Gotthard-Strassentunnel saniert und deswegen je nach Variante unterschiedlich lange stillgelegt werden. Der Bau einer zweiten Röhre steht zur Diskussion. Aus der „Küche“ der Economiesuisse kommt ein interessanter Vorschlag, der vor kurzem in der „Neuen Zürcher Zeitung“ präsentiert wurde.
 
Der Gotthard-Strassen-Tunnel ist die kürzeste wintersichere aber auch störungsanfällige Verbindung zwischen Nord- und Südschweiz. Die absehbare Sanierung und wahrscheinlich mehrjährige Stilllegung der dann gut 40jährigen Röhre führt schon heute zu hitzigen Diskussionen. Die Gotthardkantone, allen voran das Tessin, pochen darauf, als Teil der Schweiz ernst genommen zu werden. Man will sich nicht über Jahre mit einem kapazitätsschwachen Verbindungsprovisorium in Form von Autozügen zur übrigen Schweiz abfinden müssen. Gefordert wird eine zweite Röhre, die nach der Sanierung der alten Röhre im Sinne der Alpeninitiative nur einspurig zu befahren wäre. Doch angesichts des knappen Finanzrahmens für viele dringende Strassenbauprojekte, die bereits in der Warteschlaufe sind, sorgt die Finanzierbarkeit einer zweiten Röhre für viele Fragen.

Gleichstromkabel unter der Fahrbahn

Ein diskussionswürdiger Beitrag zu dieser Debatte erschien dieser Tage in der „Neuen Zürcher Zeitung“ (NZZ). Urs Näf, stellvertretender Leiter, und Stefan Vannoni, Proejektleiter Infrastrukturen beim Dachverband der Schweizer Wirtschaft Economiesuisse schlagen in einem Artikel vor, den zweiten Gotthard-Strassentunnel als Kombination von Verkehrs- und Energieinfrastrukturen zu bauen. Sie wollen die Tunnel-Röhre auch als Kanal für hochleistungsfähige Gleichstrom-Kabel, zum Beispiel unter der Fahrbahn, nutzen.
 
Näf und Vannoni begründen dies damit, dass gegenwärtig viel über neue leistungsstarke Stromübertragungsleitungen gesprochen wird, vor allem auch im Zusammenhang mit der europäischen Energieversorgung. In den Alpen entstehen die Strom-Batterien Europas in Form von Pumpspeicheranlagen, deren Aufladung mit günstigem Windenergiestrom aus dem Norden, mit Solarstrom aus dem Süden oder aus Überproduktionen in verbrauchsschwachen Zeiten erfolgt. Freileitungen über die Alpen sind teuer und fragil, ihre Akzeptanz ist eher im Schwinden begriffen. Eine Tunnellösung anstelle einer weiteren Freileitung über die Alpen würde auch dem Umweltschutzgedanken entgegenkommen.
 
Durch eine solche öffentlich private Partnerschaft könnten auch die Kosten für Bau und Betrieb der zweiten Röhre verteilt werden. Laut Vannoni und Nöf lieferte sie so einen nachhaltigen Beitrag nicht nur zur Zuverlässigkeit des Alpen querenden Verkehrs sondern auch zur Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Stromversorgung. Angesichts der Forderung von Umweltorganisationen und betroffener Gebiete, Starkstromleitungen unter den Boden zu verlegen, müsste ein solcher Vorschlag eigentlich auf offene Ohren stossen.
 
Ähnliche politische Vorstösse beim Bau der Neat wurden auf Grund der damals schon zu weit fortgeschrittenen Planung abgelehnt. Heute böte sich nach Meinung von Näf und Vannoni die Gelegenheit, über eine solche Lösung ernsthaft zu diskutieren. (mai)