Stilsichere Farbkultur

Stilsichere Farbkultur

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Teaserbild-Quelle: Foto: zvg
Von «rose pâle» bis «gris fer»: Die Manufaktur kt.COLOR in Uster ist die weltweit einzige Firma, die Wandfarben nach Le Corbusiers Vorlagen produziert. Katrin Trautwein, Chemikerin und Geschäftsführerin, über die «Grosse Skala» der Architekturfarben und die Herausforderung, neue Rezepturen nach alten Farbmustern zu entwickeln.
 

Frau Trautwein, hinter Ihnen im Materialschrank lagern 63 farbige Tapetenstücke aus dem Archiv der Fondation Le Corbusier in Paris. Wie sind Sie an diese Original-Farbmuster gekommen?

'Schuld' daran ist eigentlich eine Publikation des Zürcher Architekten und Le Corbusier-Kenners Arthur Rüegg. In dessen Buch (Polychromie architecturale – Le Corbusiers Farbenklaviaturen 1931-1959, Birkhäuser Verlag, 1997) habe ich Le Corbusiers Farbwelt erstmals für mich entdeckt – und war sofort fasziniert, als Chemikerin und als Mensch. Ich recherchierte, konnte aber keinen Hersteller ausfindig machen, der Farben auf der Basis dieser «Clavier de couleurs» anbietet. Also begann ich zusammen mit meinem Team von kt.COLOR Le Corbusiers Farben selbst nachzumischen – nach den Farbtafeln in Arthur Rüeggs Buch. Denn Le Corbusier hat lediglich Farbmuster, aber keine Rezepturen dokumentiert. Zwei Jahre experimentierten wir, bis die Rezepturen zu jenen Farben entwickelt waren, die Le Corbusier die «Grosse Skala» der Architekturfarben nannte. Die Ergebnisse präsentierten wir der Fondation in Paris, die begeistert auf unser Know-How reagierte. So ist eine produktive Zusammenarbeit und in der Folge die Berechtigung entstanden, Le Corbusiers Farbdefinitionen auf tuchmatte Wandfarben zu übertragen.

Sie haben die Farbwelt Le Corbusiers intensiv erforscht. Was sind Ihre wesentlichen Erkenntnisse?

Zunächst, dass zu Le Corbusiers Zeit das Wissen über Farben und ihre räumliche Wirkung hervorragend war. Das belegt unter anderem die damalige Malerliteratur, etwa Handbücher mit Farbkarten. Noch bis zum zweiten Weltkrieg war fast jeder Maler sein eigener 'Koch', der seine Farben selbst herstellte und dazu grosse Fertigkeiten benötigte. Farbpaletten wurden wie ein Stück Kulturgut über Generationen und Kunstepochen hinweg weitergegeben. Le Corbusier, der sich auf diese kulturellen Erfahrungswerte verliess, war aber der einzige Architekt, der dieses Wissen sorgfältig kategorisiert und dokumentiert hat. Darin, und in der Berufung auf eine Farbpalette mit grosser kunsthistorischer Bedeutung, liegt dann auch sein Verdienst. Denn betrachten wir die Kunst und die Architektur alter Kulturen – wie Le Corbusier auf seinen Reisen – finden wir Farbtöne, die immer wiederkehren. Diese Zeitlosigkeit ist ein faszinierendes Element seiner Farbdokumentationen.

Anders als vielfach angenommen, erfand Le Corbusier die 63 Farbtöne seiner Klaviatur nicht selbst.

Das ist richtig. Er wählte vielmehr seine Lieblingstöne aus dem damaligen Angebot an Industriefarben. Dabei muss man wissen, dass auch die damaligen Industriefarben von sehr hoher ästhetischer und sinnlicher Qualität waren. Die Farbindustrie der 1920er-1950er Jahre lässt sich mit unserer heutigen maschinellen Produktion nicht vergleichen. Moderne Industriefarben sind genormt, wirken oft flach und milchig. Die Farbkultur zu Le Corbusiers Zeit war dagegen geprägt von edlen, harmonischen, brillanten Farbtönen – dank der Verwendung von Pigmenten aus Naturerden und anderen mineralischen Rohstoffen.

Le Corbusier diente ja die Natur als Vorbild.

Das ist kein Wunder: In der Natur gibt es keine monochromen Farben. Egal, ob Sie ein Blatt oder eine Blumenwiese betrachten – Sie sehen stets gemischte Farbigkeiten, richtige Farbmosaike. Grün enthält zum Beispiel gelbe oder kupferfarbene Bestandteile. Umbra, ein toniger Brauneisenstein, offenbart unter dem Mikroskop eine ganze Welt voller Farben. So kommt dieser tiefe, satte Braunton zustande, mit dem kein monochromes, synthetisch hergestelltes Braun-Pigment mithalten kann. Denn natürliche Pigmente haben eine andere Textur, sie sind matter, weicher, stofflicher. Ihre Oberflächen weisen eine Kristallstruktur auf. Da die Kanten das Licht gezielt in den Raum zurück werfen, entstehen spiegelartige Lichtreflexe, die für Tiefe und Leuchtkraft der Farbe sorgen. Mehlige oder ölige synthetische Pigmente dagegen streuen das Licht diffus.

Warum wirken Le Corbusiers Farbkollektionen so harmonisch?

Eben weil er um die Qualität von Naturfarben wusste. Ich vergleiche seine Farben immer mit einem Wiesenblumenstrauss, bei dem jede einzelne Blume zur anderen passt. Farben aus der Natur harmonisieren aufgrund ihrer inneren Vielfarbigkeit immer. Le Corbusier wählte also Farbtöne, die komplementär gemischt waren, deren einzelne Bestandteile in Dialog zueinander treten konnten. Schlagen Sie Le Corbusiers Farbfächer an beliebiger Stelle auf: Die Töne passen alle perfekt zueinander. Er hat eine Farbkultur geschaffen, die völlige Stilsicherheit bietet.

Wie schwierig war es, die Rezepturen für Le Corbusiers Farben zu entwickeln?

Die Reproduktion der Farben stellte uns vor grosse Herausforderungen. Wir mussten zum Beispiel lange suchen, um bestimmte 'vergessene' Pigmente aufzutreiben. Zudem galt es, Ersatzstoffe für Le Corbusiers Rottöne zu finden. Denn wie der Name schon sagt, enthielt etwa sein Chrom- oder Kadmiumrot Schwermetalle. Solche Farben sind heute aus gesundheitlicher Sicht nicht mehr zu verantworten. Nach intensiver Recherche und aufwendigen Experimenten haben wir Ersatz gefunden, der eine gute Witterungsfähigkeit aufweist und zudem ökologisch einwandfrei ist: Wir verwenden nun eine Mischung aus einem Autolackpigment in Ferrari-Rot und einer schönen trüben Umbra. A propos Umbra: Naturpigmente erfüllen keine Norm. Da man laufend mit Farbkorrekturen und Anpassungen rechnen muss, ist hier noch echtes Handwerk gefragt.

Haben Sie eine Le Corbusier-Lieblingsfarbe?

Ja, ein helles Naturumbra. Ein wunderschöner warmer, integrativer Farbton, der andere Farben im Raum zum Strahlen bringt. Diese sanfte Farbe ist meine Antwort auf die kühle Herausforderung von Weiss.
 
von Alice Werner