Steine des Anstosses

Steine des Anstosses

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Teaserbild-Quelle: Ben Kron
Am linken Ufer des Bielersees findet eine Güterzusammenlegung statt, für die einige Rebmauern versetzt oder neu gebaut werden müssen. Aber wie und was soll und darf man in einer vom Bund geschützten Landschaft bauen? Die Frage sorgte in Twann, Ligerz und Tüscherz für heisse Köpfe.
 
 
Die Rebberge am linken Bielersee-Ufer bilden eine der schönsten Landschaften der Schweiz. Das sieben Kilometer lange, schmale Rebgebiet, das durch zahlreiche Terrassen und rund 82 Kilometer Rebmauern geprägt ist, wurde 1977 als erstes ins «Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von
nationaler Bedeutung» aufgenommen. Für die Weinbauern von Ligerz, Twann und Tüscherz-Alfermée aber war die Bewirtschaftung der stark zerstückelten Rebberge aufwändig: Die Lösung lag in einer Güterzusammenlegung, die nach umfangreichen Vorabklärungen nun in die Tat umgesetzt wird.
 
Am 1.1.2009 erfolgte der sogenannte Neulandantritt, und die Zahl der Grundstücke verringerte sich von 1434 auf 568. 2010 begannen die Bauarbeiten: Zur einfacheren Bewirtschaftung braucht es neue Wege und Zufahrten. Hierfür müssen einige Mauern neu erstellt oder versetzt werden. Die Finanzierung des 15 Millionen Franken teuren Vorhabens übernehmen zu 80 Prozent der Bund und der Kanton Bern. Die drei Gemeinden steuern 1,7 Millionen bei, die Grundeigentümer 1,6 Millionen.
 
Doch kaum hatte man angefangen zu bauen, hagelte es Proteste. Im April warnte die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SLS), dass «eine Landschaft von nationaler Bedeutung zerstört» würde. Die Kritik richtete sich gegen die Art der Mauern, welche errichtet wurden. Es handelte sich um einen Mauertyp namens «Schafis», bei dem die einzelnen Steinreihen mit Betonfugen abgeschlossen und mit Längsarmierungen und einem Netz stabilisiert werden. Die SLS aber forderte, dass anstelle von «Schafis» nur noch Trockenmauern erstellt werden.
 
Die Verantwortlichen zeigen sich von der Opposition überrascht: «Wir hatten ja alles abgeklärt», sagt Peter Feitknecht, der Präsident der Genossenschaft Twann-Ligerz-Tüscherz-Alfermée, die für die Melioration gegründet wurde. Zusammen mit den diversen Schutzorganisationen hätte man sich auf diesen Mauertyp geeinigt. Kurt Ryf, der verantwortliche Ingenieur der Abteilung Strukturverbesserungen und Produktion im Kanton Bern, erklärt die Vorgänge so: «Die ersten dieser Mauern, die realisiert wurden, haben dem im Voraus gemachten Bild nicht ganz entsprochen und standen zudem etwas exponiert in der Landschaft. Das hat die Kritik hervorgerufen.»
 
Also wurde im Juni eine Begehung mit allen Beteiligten durchgeführt. «Daraufhin haben wir in Zusammenarbeit mit den verschiedensten Stellen von Bund und Kanton und einigen Schutzorganisationen eine Projektänderung durchgeführt», erklärt Ryf. «Wir haben festgelegt, wo wir Trockenmauern erstellen könnten», so der verantwortliche Ingenieur Peter Hutzli. Von total 6500 Quadratmeter Mauern, die neu gebaut werden, seien dies etwa 1000 Quadratmeter. Bund und Kanton bezahlen die teureren Trockenmauern aber nicht. Ein externer Berater versucht, private Sponsoren für die Extra-Ausgaben zu finden. Diese Idee hatte die SLS bei der Begehung im Juni eingebracht und somit den Trockenbau wieder zur Option gemacht.
 
Wieviel teurer diese Projektänderung zu stehen kommt, ist unklar. «Der Mauertyp ‹Schafis› kostet etwa 340 Franken pro Quadratmeter; bei der Trockenmauer sind die Kosten von 1200 Franken an aufwärts», sagt Hutzli. Man habe Offerten in dieser Grössenordnung erhalten. Die Anhänger des traditionellen Mauertyps halten diese Preise für überhöht. Im Internet würden vergleichbare Arbeiten für 800 bis 900 Franken pro Quadratmeter angeboten.
 
Als weitere Projektänderung einigte man sich auf eine Modifikation des Mauertyps, die den Namen «Twann» erhielt: «Beim Typ ‹Schafis› blieben die Vertikalfugen offen, als Lebensraum für Kleintiere. Beim ‹Twann› werden die Steine ganz zusammengestossen», so Hutzli. Weiter ist das Steinbild anders: «Bei ‹Schafis› hatten wir die verschiedenen Steinhöhen mit der unterschiedlich hohen, horizontalen Betonfuge ausgeglichen. Bei ‹Twann› wird diese Fuge durchbrochen, damit ein aufgelockertes Fugenmuster entsteht; in Anlehnung an das Fugenbild bei Trockenmauern.» Dafür dauere das Aufrichten dieser Mauer deutlich länger, und sie sei rund doppelt so teuer wie der Typ Twann. So entstünden Mehrausgaben von 1,7 Millionen.
 
Insgesamt kann Peter Hutzli die Kritik am Projekt nicht nachvollziehen: «Wir haben auf 105 Hektaren total 82 Kilometer Mauern, davon werden 4 Kilometer neu gebaut oder ersetzt. Ist das wirklich so ein grosser Eingriff?» Genossenschafts-Präsident Feitknecht findet den Wunsch nach Trockenmauern durchaus verständlich: «Diese Mauern wären ‹nice to have›. Aber jemand muss die Mehrkosten übernehmen.» Dazu müssten die neuen Mauern zum Teil hohe mechanische Belastungen aushalten, etwa von LKWs. «Da haben die Ingenieure einige Vorbehalte.» Die Verfechter der Trockenmauer, für die es seit 1990 in der Schweiz seit 1990 wieder Kurse gibt, verweisen darauf, dass die statischen Eigenschaften des traditionellen Mauertyps bekannt sind; es existiert eine entsprechende SIA-Norm. Auch sei die Trockenmauer ein spezieller Lebensraum für Pflanzen und Kleintiere – die betonierten Mauern seien hier keine Alternative.
 
So oder so erfährt das Projekt durch die Veränderungen auch eine Verzögerung, die Ingenieur Peter Hutzli auf mindestens ein Jahr beziffert. Trotz des teureren Mauertyps Twann würden die aber Arbeiten nicht unterbrochen: «Wir können weitermachen, solange wir uns innerhalb der Limiten des bestehenden Kredites bewegen.» Für Peter Feitknecht stellt die Verzögerung kein «riesiges Problem» dar: «Es dauert halt länger, bis alle Landstücke erschlossen sind, was vor allem für die Betroffenen ärgerlich ist.» Will man das Vorhaben in dieser Form zu Ende führen, müssen indes die zusätzlichen Ausgaben von den Geldgebern bewilligt werden. «Das neue Projekt ist jetzt spruchreif und wird den finanzkompetenten Stellen unterbreitet», so Kurt Ryf. «Wir hoffen, dass die Finanzierung bis Ende Januar 2011 geklärt ist.» (bk)
 
 

Die Trockenmauer

Seit Jahrhunderten sind Trockenmauern ein fester Bestandteil des Landschaftsbildes in der Schweiz. In diversen Kulturlandschaften, zum Beispiel im Jura, Tessin, Graubünden oder am Genfersee stehen Hunderte Kilometer dieser alten Bauwerke. Es handelt sich dabei um ein Mauerwerk, das aus Natursteinen und ohne Zuhilfenahme von Zement, Mörtel oder anderen Verbindungsstoffen ausgeführt wird. Einziger Baustoff sind gar nicht oder nur wenig bearbeitete Natursteine. Diese werden kunstvoll aufeinandergeschichtet und mit sogenannten «Zwicksteinen» verspannt und stabilisiert. Bis in die 1950er-Jahre gehörten das Errichten und der Unterhalt der Trockenmauern zu den Arbeiten, welche die Bauern in den ruhigeren Monaten mit weniger Feldarbeit vornahmen. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft und der Abwanderung der Arbeitskräfte fehlen den Landwirten heute die Zeit und die «Manpower» für diese aufwendige Arbeit. Ergebnis: Viele Schweizer Trockenmauern sind in einem schlechten Zustand. Wie sie restauriert oder allenfalls ersetzt werden sollen, ist vielfach unklar. Wertvoll sind die Trockenmauern nicht nur im Landschaftsbild, sondern auch aus Gründen der Ökologie: Sie bilden einen unersetzlichen Lebensraum für verschiedene Pflanzen und Tiere. Daneben speichern die Natursteine tagsüber Wärme, die sie nachts wieder abgeben und so das Auskühlen der Weinbergflächen verhindern. Der Tagesgang der Lufttemperatur wird durch die Mauer ebenfalls ausgeglichen.
 
War die handwerkliche Kunst des Baues der Trockenbauer früher verbreitet, ist sie in der Schweiz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weitgehend in Vergessenheit geraten. Als die «Stiftung Umweltschutz Schweiz» entsprechende Kurse organisieren wollte, mussten Fachleute aus England und Schottland geholt werden, wo die Trockenmauer ebenfalls eine lange Tradition hat. Seit 1990 lässt sich diese Kunst wieder erlernen, in Kursen, welche der schweizerische Verband der Trockensteinmaurer (www.svtsm.ch) durchführt. Für die Bieler Melioration wurde der Verband bis jetzt nicht kontaktiert. (bk)