Staumauersanierung: Spektakuläre Tauchgänge bei Livigno

Staumauersanierung: Spektakuläre Tauchgänge bei Livigno

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Teaserbild-Quelle: Alle Bilder: EKW - Engadiner Kraftwerke AG

Die 45-jährige Stauanlage Punt dal Gall bei Livigno wird saniert, ohne das Wasser des Stausees abzulassen - dies im Interesse der Umwelt. 110 Meter unter der Wasseroberfläche führen spezialisierte Taucher die notwendigen Wartungsarbeiten aus. Dabei leben sie bis zu einen Monat in Druckkammern.

130 Meter hoch und 540 Meter lang ist die Bogenstaumauer Punt dal Gall an der Landesgrenze zwischen der Schweiz und Italien. Die Stauanlage beim Lago di Livigno gehört der Engadiner Kraftwerke AG, obwohl der Stausee fast vollständig auf italienischem Territorium liegt. 45 Jahre nach dem Bau der Anlage ist eine umfassende Sanierung aus Sicherheitsgründen zwingend notwendig, denn zahlreiche Komponenten haben ihre Nutzungsdauer erreicht. 25 Millionen Franken kosten die komplexen Arbeiten, die ab Juni starten. Die Sanierung verteuert der Umstand massiv, dass der Stausee aus Umweltschutzgründen während den Wartungsarbeiten nicht entleert werden kann. Um die Korrosionsschutzarbeiten und mechanischen Revisionen an den Anlageteilen am Fusse der Staumauer wie Drosselklappen, Grundablassschütze und Dotiereinlauf dennoch im Trockenen ausführen zu können, montieren Taucher Abschlussdeckel an den entsprechenden Stellen im Stausee.

Unterwasser-Action pur

Auf der Seeoberfläche wird eine Arbeitsplattform schwimmen, von der rund 30 Spezialisten die Unterwasserarbeiten im aufwendigen Sättigungstauchverfahren durchführen. «Die französischen Sättigungstaucher nennen sich selber Astronauten», berichtet Michael Roth, Direktor der Engadiner Kraftwerke AG, der Südostschweiz. «Handwerklich ist ihre Arbeit tatsächlich sehr anspruchsvoll, zudem haben sie unter Wasser praktisch keine Sicht.» Beim Verfahren, das erst zum zweiten Mal in der Schweiz durchgeführt wird, verbleiben die Taucher ständig unter einem konstanten Druck von über 10 bar, was einer Wassertiefe von über 100 Metern entspricht. Die Taucher leben während der Taucharbeiten, die im Juni und September über die Bühne gehen, bis zu einem Monat in Druckkammern und werden ständig ärztlich überwacht. Mit einer Tauchglocke erreichen sie die Arbeitsstelle, die 110 Meter tief unter der Wasseroberfläche liegt. Nach den Arbeitseinsätzen werden die Taucher wieder zurück in die Druckkammer gebracht, wo sie sich ausruhen und verpflegen können. Erst nach einer Dekompressionszeit von jeweils fünf Tagen, können die Taucher die Druckkammer wieder verlassen. Diese lange Zeit braucht es, weil die Tauchgänge auf der ungewohnten Höhe von 1800 Metern über Meer stattfinden.

Im Mai beginnen bei der Stauanlage Punt dal Gall die Installationsarbeiten, wofür insgesamt 102 Sattelzüge aus verschiedenen europäischen Ländern erwartet werden. Die Tauchinfrastruktur kommt aus Holland, die Tauchtechnik inklusive Steuereinrichtung und Tauchglocke aus Frankreich und acht schottische Lastwagen liefern ein Gasgemisch aus Sauerstoff und Helium für die Taucher. Mit der Installation eines Aufzugs für den Materialtransport von der Staumauer zur Arbeitsplattform haben die ersten Vorbereitungsarbeiten bereits begonnen. (mgt/gd)